Ein wenig lächeln kann er schon wieder, wirklich verarbeitet hat er den Tag jedoch noch nicht. Tim Bergmann leistete nach einem Angriff auf seine Nachbarn Erste Hife. Foto: Zeh

Großkrotzenburg

Ersthelfer nach Familiendrama: "Ich habe einfach gehandelt"

Großkrotzenburg. Am vergangenen Mittwoch ist ein älteres Ehepaar im Schlaf mit einem Messer attackiert worden. Der Täter soll der eigene Sohn gewesen sein. Nachbar Tim Bergmann wurde von Schreien geweckt und begab sich ohne zu zögern auf die Straße, um zu helfen. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht er über diese Erfahrung.

Von Sebastian Zeh

Schreie wecken Tim Bergmann am frühen Morgen aus dem Schlaf. Sie klingen verzweifelt, eine Frau ruft nach Hilfe. Er denkt gar nicht weiter nach, zieht sich an, rennt raus auf die Straße. Später wird der Nachbar Erste Hilfe leisten – bei den Eheleuten, die am Mittwoch mutmaßlich von ihrem Sohn angegriffen wurden (wir berichteten).

Seine Freundin Sarah rief ihm noch zu: „Du gehst da nicht runter.“ Abhalten ließ er sich davon nicht. „Ich habe das auch gar nicht als Gefahr wahrgenommen, ich habe einfach gehandelt.“ Da läuft er los. „Er ist ohne Kontaktlinsen, ohne was zu sehen, das dunkle Treppenhaus runter“, sagt Sarah. Sie ruft die Polizei. „Die wollten dann wissen, ob ich jetzt noch Schreie höre. Das war ganz komisch, denn da war Stille – und er war weg.“

Erste HifeAuf der Straße, als Bergmann zugerufen wird „Vorsicht, der hat ein Messer“, begreift er, dass auch er Schaden nehmen könnte. Er sieht den 71-jährigen Ehemann, der sich wenige Meter weiter an das Eingangstor lehnt. Und die 69-jährige Ehefrau, die von Bäckereifachverkäuferin Susanne Kimmel gestützt wird. Gemeinsam flüchten sie in die Bäckerei, schließen die Tür ab. „Da habe ich überhaupt erst realisiert, um wen es eigentlich geht, habe erkannt, dass es meine Nachbarn sind“, sagt er.

Dann beginnt die Suche nach dem Erste-Hilfe-Kasten. Bergmann registriert, dass vor allem die Bauchwunde des Mannes gefährlich zu sein scheint, nimmt sämtliche Mullbinden, die er finden kann, und drückt sie fest auf die Wunde. „Der Mann hat dabei immer wieder etwas gemurmelt, ich konnte ihn aber nicht verstehen.“

Situation wie im FilmBergmann will wissen, ob die Rettungskräfte schon verständigt sind. Susanne Kimmel sagt ja. Dennoch will er auf Nummer sicher gehen, wählt mit dem Handy der Freundin, dass sie ihm auf dem Weg nach unten noch zusteckte, den Notruf. „Auch, um vielleicht noch etwas Druck zu machen“, wie er sagt. Er wird mit der Leitstelle verbunden, soll eine Täterbeschreibung geben. Da gibt er das Handy an die Ehefrau weiter.

„Alles, was in der Bäckerei passiert ist, kam mir vor, wie Stunden, obwohl es vielleicht 15 Minuten waren. Es kam mir auch irgendwie alles vor, wie in einem Film. Man registriert, was passiert, aber man nimmt nicht alles davon auf.“ Nach endlos scheinenden Minuten treffen die Rettungskräfte ein. Sie werden hereingelassen – dann wird die Tür sofort wieder abgeschlossen. „Der läuft noch hier rum“, habe die Ehefrau gewarnt.

AngstEiner der Sanitäter will noch etwas aus dem Rettungswagen holen, schließt auf – und kommt wieder zurück in den Verkaufsraum und dreht erneut den Schlüssel. „Durch die großen Glasfenster habe ich gesehen, wie der Sohn angerannt kam“, schildert Bergmann seine Erinnerung an den Angreifer.

Und dann steht der Mann, den Bergmann als den Sohn des Ehepaars identifiziert, vor der Scheibe – mit einem Messer in der Hand. Er rüttelt an der Tür. „Da habe ich wirklich Angst bekommen. Wir wussten, es ist abgeschlossen. Aber man weiß ja nicht, ob er nicht vielleicht doch größere Kräfte entwickelt und die Tür irgendwie aufbekommt.“ Die Verriegelung hält Stand, der Angreifer geht.

VerwirrungWieder vergehen endlos scheinende Minuten, dann trifft die Polizei ein. Die Festnahme kriegen die sechs Personen in der Bäckerei nicht mit. Bergmann bleibt bei den Sanitätern, hält einen Infusionsbeutel, hilft, den 71-Jährigen auf eine Trage zu befördern. Für ihn ist es das erste Mal, dass er Erste Hilfe leistet. „Da geht einem irgendwie alles gleichzeitig durch den Kopf. Man vergisst dann auch Sachen, etwa Handschuhe anzuziehen.“

Freundin Sarah nimmt die Festnahme ganz anders wahr. Sie hört Männer auf der Straße schreien. Da rennt auch sie nach unten und läuft einem Polizisten in die Arme. Er will wissen, wo sie hin will. „Als ich sagte, dass ich zu meinem Freund will, meinten sie 'Den haben wir festgenommen. Das Messer haben wir auch.' Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“ Dann erst klärt sich auf, dass sie Tim sucht.

Gemeinsam starkSich selbst sieht Bergmann nicht als Held. Und: „Ich war froh, dass Susanne da war. Das hat mir schon auch viel Mut gegeben, nicht mit der Situation alleine zu sein. Dasselbe hat sie mir später auch gesagt.“ Er lobt die Verkäuferin, die sich ebenfalls in Gefahr begab, ohne zu wissen, was eigentlich los ist.

Gerade einmal drei Tage sind seit der Tat vergangen. Verarbeitet hat er die Situation noch nicht. „Am Mittwoch war ich ein ganz anderer Mensch. Ich lief herum wie ferngesteuert, habe über Dinge nachgedacht, die mir vorher nie in den Kopf kamen.“

Erlebtes verarbeitenIm Kopf bleibt ihm vor allem der Schrei, der ihn geweckt hatte. „Ich habe eine Frau noch nie so schreien gehört. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ Das Geräusch begleitet ihn, verfolgt ihn in seinen Träumen. „Wenn man sich hinlegt, wartet man eigentlich unterbewusst nur darauf, den Schrei wieder zu hören.“

Bergmann möchte Kontakt zu den Eheleuten aufbauen. Sich erkundigen, wie es ihnen geht. Und auch in Zukunft mit ihnen sprechen. „Wir alle müssen da irgendwie unseren Abschluss finden. Mit Susanne bin ich schon in Kontakt.“ Es wird Zeit brauchen, bis er ihn vergessen hat – den Schrei, der ihn früh morgens aus dem Schlaf riss.

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