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„Eine noch immer offene Wunde“

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Andreas Jäger (links von der Glastür) im Gespräch mit zahlreichen interessierten und bewegten Schülern.
Andreas Jäger (links von der Glastür) im Gespräch mit zahlreichen interessierten und bewegten Schülern. © PM

Keine normale Unterrichtsstunde zum Thema Rassismus: Andreas Jäger, Leiter der Hanauer Fachstelle Demokratie und Vielfalt, besuchte kürzlich seine alte Schule. Unter den Zuhörern waren neben einem Geschichtskurs auch Austauschschüler aus Brasilien. Kurz nach dem Attentat sei er zum Opferbeauftragten der Stadt Hanau als Ansprechpartner für die Betroffenen und Angehörigen der Opfer des Attentats vom 19.

 Februar 2020 ernannt. Als sehr herausfordernd habe er die Anfrage zu dieser Tätigkeit empfunden. „Kann ich das schaffen?“, habe er seine Frau gefragt.

Dazugekommen sei die massive Erschütterung darüber, dass so etwas in seiner Stadt, die er als so offen und multikulturell erlebe, passiert sei: „Überall - aber nicht in meinem Hanau!“, das sei eigentlich seine tiefe Überzeugung gewesen.

Der nachhaltige Schock wird für die Schülerinnen und Schüler greifbar. „Die Opfer waren keine Fremden“ und „Hanau steht zusammen“ – diese Plakate hingen danach überall in Hanau, und die Aussage habe auch das ehrliche Empfinden der Hanauer widergespiegelt: Man habe fast den Eindruck gehabt, alle Einwohner hätten in irgendeiner Form Verbindungen zu den Familien der Opfer gehabt, jemanden gekannt, der die Familien kannte, die schon lange in Hanau wohnten, integriert waren.

Jäger hat täglich mit den Familien der Opfer zu tun

Die Geschehnisse rund um das Attentat wurden oft beschrieben, auch die Pannen in der Tatnacht. Die Jugendlichen interessiert, wie Jäger das aus nächster Nähe erlebt hat und heute immer noch erlebt. Er hat bis heute täglich mit den Familien der Opfer zu tun, es gebe keinen Tag ohne Telefonat.

Seine Aufgabe besteht im Zuhören und in der Organisation und Koordination von Hilfsangeboten, auch finanzieller Art. Er sei für sie derjenige, der etwas in Bewegung bringen und Verbesserungen erwirken kann. Selbstkritisch merkt er an, dass da, trotz allen Engagements, noch mehr gegangen wäre. Heute wäre man weiter in seinen Möglichkeiten, auch durch diese schlimmen Erfahrungen.

Und die Opferfamilien? Die Fragen seien nicht weniger und die Verzweiflung der Angehörigen nicht kleiner geworden. Ein Untersuchungsausschuss beschäftigt sich mit den verschiedenen offenen Fragen, etwa dem überlasteten Polizeiruf in der Tatnacht oder dem verschlossenen Notausgang an einem der Tatorte, der Arena-Bar. „Alle waren in einer Ausnahmesituation in dieser Nacht und es gibt verschiedene Perspektiven, die sicher alle ihre Berechtigung haben“, betont der Opferbeauftragte.

„Was weiß man über den Täter?“ möchten die brasilianischen Schüler und Schülerinnen wissen. Sie werden informiert, dass der Täter das Attentat schon lange geplant hatte, dass er wusste, dass die muslimischen Mitbürger in den Shishabars anzutreffen waren. In seiner Denkweise hätten sie für ihn all das repräsentiert, was er ablehnte.

In Hanau sind die Opfer präsenter als der Täter

Ob es Positives gebe? Hanau sei der einzige Fall unter all den Attentaten, in dem mehr über die Opfer geredet werde als über den Täter.

Es wird auch die Frage nach den Konsequenzen gestellt: Was hat man gelernt? Die Verwaltung der Stadt Hanau habe viel dafür getan, ihre Hilfsstrukturen zu verbessern und Hilfe schneller ankommen zu lassen, sagt Jäger. Auch die Polizei hat Konsequenzen bezüglich des Notrufsystems gezogen. Bundesweit sei 2022 ein Demokratiefördergesetz verabschiedet worden, zur Prävention jeglicher Form von Extremismus, Förderung der Demokratie und Stärkung gesellschaftlicher Vielfalt durch die Bezuschussung von Projekten und Programmen mit diesen Zielen.

Eben diese Förderung der Vielfalt, die sich in der Gesellschaft, in Verwaltungen, Bildungseinrichtungen, der Feuerwehr, oder Vereinen abbilden soll, wurde von den Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmern als besonders wichtig begrüßt.

Zum Gesprächsende setzte sich noch eine zweite Erkenntnis durch: Jeder könne selbst etwas zur Integration beitragen. Man solle sich nicht auf der Einstellung ausruhen, dass „die anderen“, womöglich als „fremd“ oder „anders“ Empfundenen, sich doch selbst integrieren sollen. Ein Teilnehmer gibt zu, nach den Ereignissen in Hanau erkannt zu haben, dass es nicht reiche, darauf zu vertrauen, dass andere die Integration schon fördern. Nein, man könne durch eigenes Aktivwerden, etwa durch gezieltes Ansprechen und Werben für Vereine, für die Abbildung der bunten Vielfalt der Gesellschaft in Institutionen oder auch Bürgerinitiativen sorgen und somit Hemmschwellen und Berührungsängste abbauen.  sem

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