Von der Landstraße aus führt die neue Zufahrt auf den alten Zubringer. Rechts ist die Markwaldsiedlung zu erkennen, auf der anderen Straßenseite die Siedlung "An der Sandwiese". Foto: PM

Erlensee

Zweite Zufahrtsstraße zum Logistikpark wird zu Politikum

Erlensee/Bruchköbel. Die Anwohner des kleinen, gegenüber der Markwaldsiedlung gelegenen Baugebiets „An der Sandwiese“ in Erlensee wehren sich gegen den Verlauf der zweiten Zufahrt zum Fliegerhorst. Die Trasse würde nördlich, in relativ naher Entfernung zu ihren Häusern verlaufen.

Von Holger Weber-Stoppacher

Arnold Notzon und seine Frau Maria haben 2002 ein Reihenhaus in der Siedlung gekauft. Damals war der Fliegerhorst noch in Betrieb. Auf der Zufahrtstraße, die die Markwaldsiedlung und das kleine nördlich davon gelegene Baugebiet („An der Sandwiese“) trennt, fuhren tagtäglich in hoher Zahl große und kleine Militärfahrzeuge direkt an den Häusern vorbei. In der Luft knatterten die Hubschrauber.

Kurzum: Es herrschte nicht gerade das Ambiente, das sich eine junge Familie für ihr Zuhause wünscht. Ungeachtet dessen unterzeichneten die Notzons den Kaufvertrag. Mit der Hoffnung auf eine ruhigere Zukunft. „Uns wurde gesagt, dass die Amerikaner bald gingen und danach Ruhe herrsche“, erzählt Maria Notzon am Wohnzimmertisch. Dort sitzt auch Nachbarin Birgit Walter: Von einem Logistikpark habe niemand etwas erzählt, sagt Walter. „Es hieß: Da ist ja ohnehin alles verseucht, da baut doch keiner was hin.“

Schon länger klar, dass Zufahrt nicht ausreichtMit dem Abzug der Amerikaner 2008 kehrte dann wirklich mehr oder weniger Ruhe im Wohngebiet ein. Auch deshalb, weil im Zuge der Fliegerhorstentwicklung eine neue und bessere Zufahrt am Beul-Kreisel (Toom-Markt) geschaffen wurde. Weit weg von den etwa 20 Reihenhäusern „An der Sandwiese“. Doch schon damals war klar, dass mit der fortschreitenden Entwicklung des Parks eine – wenn auch wesentlich größer und breitere Zufahrt – nicht ausreichen würde. Spätestens wenn der Großmetzger Brandenburg mit einer vierstelligen Zahl von Arbeitsplätzen in einigen Jahren an dem Standort die Produktion aufnimmt, wird das Verkehrswegenetz, so wie es jetzt ist, laut Gutachten in der Tat an seine Grenzen kommen.

Dieses Szenario wurde bei der Gründung des von den beiden Kommunen Erlensee und Bruchköbel gegründeten Zweckverbandes bereits vorausgesehen. Deshalb wurde der Grundsatzbeschluss gefasst, einen Bebauungsplan für eine weitere Zufahrt nördlich der Markwaldsiedlung zu schaffen. Davon haben die Notzons und auch die Walters nach eigenem Bekunden nichts gewusst. „Wir erfuhren erst davon, als die Pläne schon fertig waren“, meint Birgit Walter.

Anwohner fürchten LärmDie zweite Zufahrt wird den aktuellen Plänen zufolge kurz hinter der Siedlung „An der Sandwiese“ die Landstraße 3195 und den alten Fliegerhorstzubringer, einige hundert Meter nördlich von der Markwaldsiedlung, verbinden. Und obwohl zwischen der neuen, rund 600 Meter langen Zufahrtsstraße und den Häusern der Siedlung ein Schutzwall errichtet werden soll, fürchten die Anwohner, dass sie von der Vergangenheit eingeholt werden und der Lärm zurückkehrt.

Birgit Walter sammelt schon seit Wochen Unterschriften gegen das Projekt. Sie sagt: „In der Markwaldsiedlung und bei uns leben Menschen ohne Lobby. Mit denen kann man es augenscheinlich machen.“ Und Arnold Notzon, im Übrigen Beisitzer im Vorstand der Erlenseer CDU, fügt hinzu: „Man hat sich für die günstigste und einfachste Variante entschieden. Die Menschen spielen bei den Plänen keine Rolle.“ Angesprochen auf den Protest schüttelt Erlensees Bürgermeister Stefan Erb (SPD) verständnislos den Kopf. Das Gegenteil sei der Fall, meint der Verwaltungschef. „Wir machen das doch alles nur deshalb, um die Menschen in der Markwaldsiedlung und auch „An der Sandwiese“ vor Lärm und zu viel Verkehr zu schützen. Denn theoretisch könnte die zweite Zufahrt auch wie früher durch die Markwaldsiedlung verlaufen.

Schutzwall für die MenschenDie Ergebnisse der im Zuge des Bebauungsplans erstellten Lärmschutz- und Umweltgutachten sprächen nicht grundsätzlich dagegen. „Und auch einen Schutzwall müssen wir nicht bauen. Wir tun es aber der Menschen willen“, sagt Erb. Zusätzlich solle die bestehende Abfahrt von der Landstraße zur Markwaldsiedlung nach Fertigstellung der neuen Zufahrtsstraße geschlossen werden. Dies werde für eine weitere Beruhigung der Zone sorgen, glaubt der Bürgermeister.

Im Rahmen des Bebauungsplans, dessen Redaktion dem Langenselbolder Planungsbüro Thomas Egel übertragen wurde, sind auch eine Reihe von Alternativen aufgeführt worden. Allerdings wurden diese alle aus ökologischen, wirtschaftlichen sowie verkehrstechnischen Gründen verworfen. „Es gibt keine wirkliche Alternative zu dem aktuellen Plan“, sagt Egel. Und selbst die Genehmigung der aktuellen Variante sei alles andere als sicher, weil die Trasse durch das Randgebiet eines Landschaftsschutzgebietes führe. Die Planung sei aus ökologischer Sicht das kleinste aller Übel. Aber ob die Obere Landschaftsschutzbehörde in Darmstadt sich darauf einlasse, das stehe freilich in den Sternen, meint Egel.

Erlenseer CDU schaltet sich einPolitischen Zündstoff bekommt der Konflikt jetzt, weil die Erlenseer CDU ihrem Vorstandsmitglied Notzon zur Seite springt und Zweifel an der Qualität der bisherigen Planungen äußert. Und das, obwohl die Christdemokraten bisher alle Beschlüsse, die die zweite Zufahrt zum Fliegerhorst betreffen, mitgetragen haben: Sowohl den Grundsatzbeschluss über eine weitere Zufahrt im Jahr 2013 als auch den Beschluss zur Aufstellung eines Bebauungsplanes im Erlenseer Stadtparlament im Mai 2016.

„Die jetzige Anbindung des Fliegerhorstgeländes, dessen Verkehr vollständig östlich an das Verkehrsnetz der Stadt Erlensee angeschlossen ist und erst dann den überörtlichen Verkehrswegen zugeführt wird, sieht die CDU zunehmend problematisch“, heißt es in einer Pressemitteilung der Partei. Der von der Verwaltung vorgeschlagene kleine Bypass, vorbei an der Markwaldsiedlung, werde die Situation nicht wesentlich verbessern, befürchtet Fraktionschef Horst Pabst.

Bürgermeister Erb reagiert erbostDie CDU fordert nun eine „geeignete Verkehrsplanung“, in der auch direkte Anbindungen an überregionale Verkehrswege geprüft werden. Man wolle den Ausbau mit einer professionellen Planung begleiten lassen und in der Stadtverordnetenversammlung einen entsprechenden Antrag stellen, kündigte die die CDU an.

Bürgermeister Erb reagierte darauf erbost: Das sei Klientelpolitik auf Teufel komm raus. Es sei schlichtweg unverfroren, zu suggerieren, man müsse erst eine professionelle Planung beauftragen. „Glauben die denn, wir haben im Rathaus mit Buntstiften gespielt?“ Wenn man den Bürgern vorspiele, dass ordentliche Planungen im Rahmen des Bebauungsplanes nicht stattgefunden hätten, dürfe man sich nicht wundern, dass kein Vertrauen mehr in die Politik bestehe. Erb betonte, für die Planungen sei mit der Firma IMB Plan ein exzellentes Verkehrsplanungsbüro verantwortlich. Zu unterstellen, die Planungen seien unprofessionell, sei „unterstes Niveau“.

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