Fast auf einer Höhe: Die Kinzig erreicht in Rückingen fast die Haushöhe, wie diese Aufnahme mit einer Unterwasserkamera verdeutlicht.
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Fast auf einer Höhe: Die Kinzig erreicht in Rückingen fast die Haushöhe, wie diese Aufnahme mit einer Unterwasserkamera verdeutlicht.

Leben am Fluss

Wo die Kinzig den Rhythmus vorgibt: Familie Hoffmann lebt in einer Idylle direkt am Fluss

  • Holger Weber-Stoppacher
    vonHolger Weber-Stoppacher
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Erlensee – Vorne an der Uferkante ist sein Lieblingsplatz: „Hier könnte ich stundenlang sitzen und auf den Fluss schauen“, sagt Florian Hoffmann. Eine Vielzahl von Vögeln sowie Nutrias gehören an der idyllischen Flussbiegung in Rückingen zu den täglichen Besuchern. Die Kinzig läuft hier unmittelbar am Grundstück der Familie Hoffmann vorbei.

Jeder, der mit dem Fahrrad oder zu Fuß aus dem alten Ortskern von Rückingen über die Kinzigbrücke hinaus in Richtung Rodenbach unterwegs ist, kommt an dem Grundstück und dem alten Haus links von der Brücke vorbei, an dessen Fassade sich üppig der Blauregen wie ein grünes Band über der Haustür ausbreitet. Es ist ein Kleinod, ein Platz, den man kaum besser mit dem Titel unserer Serie „Leben am Fluss“ in Verbindung bringen könnte.

Das Haus hat eine lange Geschichte, die in direktem Zusammenhang mit der Herrenscheune steht, an die der hintere Teil des Hoffmannschen Anwesens andockt. „Früher haben in den Häusern um die Scheune herum Bedienstete des Hofs gewohnt“, berichtet Heinz Schneider, der ehemalige Bauamtsleiter der Stadt Erlensee, der den Hoffmanns das Haus vor zwei Jahren verkauft hat. Das Haus am Fluss ist sein Elternhaus, er ist hier an der Kinzig aufgewachsen. Seit dem 18. Jahrhundert war es im Besitz seiner Familie.

Familie Hoffmann hat sich direkt in das Grundstück an der Kinzig verliebt

Nun leben dort Florian und Senta Hoffmann sowie ihr anderthalbjähriger Sohn Kasimir und Bordercollie Paula ihren Traum. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, sagt Florian Hoffmann. Als er das erste Mal den Fuß auf das Grundstück setzte, da habe er gewusst, dass er nach einer gut anderthalbjährigen Suche endlich fündig geworden war. „Wir wollten in die Natur, ans Wasser, aber nicht so weit hinaus aufs Land“, sagt Senta Hoffmann.

Haben ihr Glück in Rückingen gefunden: Florian, Kasimir und Senta Hoffmann mit dem Bordercollie Paula

Das Ehepaar, das es beruflich ins Rhein-Main-Gebiet verschlagen hat, stammt aus dem Umland von Berlin, wo es Seen in jede Richtung gibt. „Für uns hat Wasser deshalb eine ganz besondere Bedeutung“, sagt Senta Hoffmann. Mit viele Liebe zum Detail haben die Mittdreißiger das alte Haus in den vergangenen zwei Jahren saniert und nach ihrem Gusto entkernt und umgebaut.

Hochwasser kann zum Problem für das Grundstück von Familie Hoffmann an der Kinzig werden

Wenn der Pegel der Kinzig steigt, findet das Wasser den Weg bis vor die Terrasse.

An Sommertagen wie diesen wirkt die Kinzig wie ein stehendes Gewässer. Nur langsam schieben sich die Wassermassen in Richtung Wehr und Wasserburg. Doch der Fluss hat zwei Gesichter. Wenn die Kinzig Hochwasser führt, dann tritt sie über die Ufer und breitet sich auch auf dem Grundstück der Hoffmanns aus. Der Fluss kann eine enorme Kraft und Strömung entwickeln. Bis zu zwei Meter vor die Terrasse kam das Wasser in diesem Frühjahr heran. An das schlimmste Hochwasser kann Heinz Schneider sich gut erinnern: Es war Weihnachten 1964. Damals sei die Kinzig so stark angestiegen, dass der Pegel sogar die vom Fluss abgewandte Haustür erreichte. Allerdings sei das Wasser wegen der 30 Zentimeter hohen Treppenstufen nicht ins Haus eingedrungen. Überhaupt sei dies nahezu ausgeschlossen, glaubt Schneider, weil das Wasser bei extremem Hochwasser über die andere, etwa einen halben Meter tiefer liegende Seite der Kinzig in Richtung Rodenbach abfließe. Die Hoffmanns blicken mit Gelassenheit auf den Pegel des Flusses. Die Kinzig sei wie eine Lebensader, die sich ständig verändere. Mal ist der Fluss aufbrausend, mal ruhig. „Irgendwie leben wir hier mit dem Rhythmus der Kinzig“, sagt Florian Hoffmann. Gleichwohl begegnet die Familie dem Fluss und seiner Naturgewalt mit großem Respekt. Seitdem der kleine Kasimir laufen kann, haben die Hoffmanns einen Zaun errichtet. In der Familie von Heinz Schneider hat es fast in jeder Generation eine Tragödie an der Kinzig gegeben. Sein Großvater ist im Alter von 73 Jahren ertrunken. Und auch er selbst musste manch brenzlige Situation überstehen. Zweimal, erinnert er sich, zog man ihn bekleidet aus der Strömung.

Heinz Schneider hat in der Kinzig das Schwimmern gelernt. Und auch der kleine Kasimir hält schon auf dem Arm seiner Mutter die Füße ins kühle Nass. Besonders an heißen Sommertagen wie diesen. Da wissen die Hoffmanns auch das Mikroklima des Flusses zu schätzen. „Am Abend wird es dafür aber auch schon einmal kühler als man möchte“, weiß Senta Hoffmann. Und auch die Mücken machen ihnen schon mal zu schaffen, besonders schlimm war es im vergangenen Jahr. Doch all die Unbilden des Lebens am Fluss könnten die schönen Momente nicht überdecken, so die Hoffmanns.

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