Das Erlenwäldchen ist ihr Lieblingsplatz: Renate Tonecker-Bös, die Bürgermeisterkandidatin der Grünen, läuft regelmäßig durch den kleinen Park, genießt die Ruhe hier. Foto: Axel Häsler

Erlensee

Wahl: Renate Tonecker-Bös (Grüne) will die Stichwahl erreichen

Erlensee. Das Erlenwäldchen. Für Renate Tonecker-Bös ist es der schönste Platz in Erlensee. Hierher führt sie das HA-Team, das nach dem Gespräch am Rathausplatz noch ein Video an jenem Ort geplant hat, den der Kandidat nennt.

Von Yvonne Backhaus-ArnoldDiesmal also das Erlenwäldchen. Zweimal pro Woche läuft die Bürgermeisterkandidatin der Grünen von Langendiebach aus durch die parkähnliche Anlage, um ihre Mutter im Haus Rosengarten zu besuchen. Die 92-Jährige lebt seit einigen Jahren in dem Altenheim unmittelbar am Rathausplatz.

Die Seniorin, die bei den Amerikanern in Erlensee gearbeitet hat und deren Herz bis heute für die SPD schlägt, war es auch, die die Politik ins Haus Tonecker brachte. Dass die Tochter sich am Ende für die Grünen entscheiden würde, die es seit den 80er Jahren auch in Erlensee gibt, schadete dem Familienfrieden nie.

Die Partei damals sei mehr gewesen als Umweltschutz und Ökologie, „sie stand für 'Atomkraft, nein danke!' und Friedensbewegung. Ich hatte viele Jahre lang die Friedenstaube auf der Heckscheibe des Autos“, sagt Renate Tonecker-Bös und schmunzelt. Sei es früher verpönt und beruflich eher schädlich gewesen, Grün zu sein, sei es heute fast schon in.

Seit mehr als 20 Jahren Parteimitglied

Seit mehr als 20 Jahren ist die gebürtige Erlenseerin, die mit ihrem Mann Werner Bös – auch ein Grüner – und ihrer 37-jährigen Tochter in Langendiebach lebt, Parteimitglied. Seit 2011 sitzt sie für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung, seit 2013 ist sie deren Fraktionsvorsitzende.

Viele Monate haben die Grünen überlegt und intern diskutiert, ob sie einen Kandidaten für die Wahl am 8. September stellen wollen oder nicht. Auch die Kandidatin selbst überlegte lange, entschied sich dann dafür. Es sei gut, neue Dinge zu tun. Und so gaben die Grünen Ende Juni die Kandidatur der 63-Jährigen bekannt.

Ihr Ziel ist das Erreichen der Stichwahl, dafür hat sie sich bis zur Wahl berufliche Freiräume genommen, darauf arbeitet sie mit ihrem achtköpfigen Wahlteam hin. „Ich will das und ich kann das“, erklärt die rhetorisch starke Frau ohne Umschweife.

Ehrgeizig ist Tonecker-Bös, die Ignoranz genauso verabscheut wie Arroganz, in jedem Fall. Dass das so ist, beweist auch der Blick in ihre berufliche Vita. Nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau bei Dunlop in Hanau machte sie das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und begann mit 20 Jahren ein Psychologiestudium in Frankfurt. „Das hat mich schon immer interessiert, aber nicht die therapeutische Richtung, sondern die Sozialpsychologie“, erklärt die Erlenseerin. Während des Studiums kam ihre Tochter auf die Welt.

Entscheidung zur Selbstständigkeit

Nach verschiedenen Stationen als Angestellte und einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Wirtschaftsdolmetscherin entschied Tonecker-Bös sich 1999 für die Selbstständigkeit. Seither arbeitet sie als freiberufliche Organisationsberaterin. Ihre Kunden reichen von der Deutschen Bahn bis zur Deutschen Bank. Sie ist bundesweit unterwegs, schult kommunikative Kompetenzen von angehenden Führungskräften und betreut Veränderungen in Unternehmen genauso wie Konflikte zwischen Mitarbeitern und Chefs. „Alles, was menschelt“, sagt die 63-Jährige, „alles, was in die Zukunft weist und Veränderung beinhaltet.“

Dass sie Bürgermeisterin der 15 000-Einwohner-Stadt werden will, passt da ziemlich gut ins Bild. Tonecker-Bös, die gern englische Romane liest, beschreibt sich als offen und kommunikativ und ihren Umgang mit anderen Menschen als wertschätzend und respektvoll. „Ich weiß, dass Konflikte zum Leben gehören“, sagt sie, „aber ich mag sie nicht.“

Als Bürgermeisterin will sie auf Kommunikation setzen – mit den ortsansässigen Firmen („Die müssen noch mehr in die Pflicht genommen werden“) genauso wie mit den politischen Gremien und den Bürgern. Bereits der Wahlkampf gründet auf Dialog, gemeinsamen Fahrradtouren, Gesprächsformaten an verschiedenen Orten in der Stadt.

"Im Stadtinneren passiert nichts"

Die Entwicklung Erlensees sei enorm, „aber im Stadtinneren passiert nichts“, kritisiert die Grüne. Energieeffiziente städtische Gebäude, mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität – all das möchte sie umsetzen. Genauso wie eine bessere Taktung des Stadtbusses und ein innerstädtisches Marketing- und Verkehrskonzept, das „ein paar neue Läden ins Zentrum holt“ und die Fahrradfahrer in den Fokus nimmt. „In diesem Punkt ist Erlensee absolut schlecht“, findet Tonecker-Bös.

Schlecht sei auch die Präsenz von Frauen in der Erlenseer Politik, findet sie. Von 31 Stadtverordneten seien gerade einmal sieben weiblich. Die 63-Jährige, die den Freundeskreis Biggleswade (eine Partnerstadt Erlensees, Anm. d. Red.) ins Leben gerufen hat und Sprecherin der Steuerungsgruppe Fair-Trade-Town ist, möchte Frauen einladen, politischer und politisch aktiver zu werden.

Zurück im Erlenwäldchen. Eine junge Mutter ist gerade mit ihrer Tochter unterwegs Richtung Zentrum. Die Kleine hat einen Roller dabei, bleibt stehen, um das Interview zu beobachten. „Hallo“, sagt die Bürgermeisterkandidatin. Die Passantin grüßt zurück, ergreift das Wort. „Sie stehen ganz oben auf meiner Liste.“ Da ist selbst die Kommunikationsfachfrau kurz sprachlos.

Der HANAUER ANZEIGER lädt zu einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 28. August, mit den vier Kandidaten für die Bürgermeisterwahl ein. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Erlenhalle. Der Eintritt ist frei. Es wird allerdings um eine Spende für die Selbsthilfegruppe Körperbehinderter in Erlensee gebeten.

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