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Der Krieg ist lange weg, aber die Bilder unvergessen: Der Erlenseer Horst Wennel sah Hanau am Morgen des 19. März 1945 von der Kinzigbrücke aus brennen.

Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Aus Nächstenliebe: Horst Wennels Vater nimmt am 20. März 1945 zwei Hanauer auf

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Vor 75 Jahren, am 19. März 1945, wurde Hanau bombardiert. Zahlreiche Häuser wurden zerstört und unzählige Menschen verloren ihr Leben. Auch Horst Wennel hat noch Erinnerungen an diese grauenvolle Nacht. 

Es ist der 19. März 1945 kurz nach 5.30 Uhr am Morgen. Fliegeralarme gehören längst zum Alltag von Horst Wennel. Der zwölf Jahre alte Junge ist gerade wach geworden, öffnet die Rollladen. Er sieht, dass der Himmel über Hanau hell erleuchtet ist. Mit seiner jüngeren Schwester, der Bruder ist noch im Krieg im Westen, macht er sich auf den Weg zur Kinzigbrücke. „Wir haben die Flammen gesehen“, sagt Horst Wennel 75 Jahre später, „die ganze Stadt hat gebrannt.“ 

Viele Hanauer sind da bereits auf der Flucht. Kurze Zeit später kommen die ersten Männer, Frauen und Kinder auch in Rückingen an, zu Fuß unterwegs, mit Kinderwagen und Koffern. Auch durch die Brückenstraße, wo Horst Wennels Elternhaus steht, wo er und seine Frau Anni bis heute leben, strömen die Menschen. Wennels Vater nimmt ein Ehepaar, das vorbeiläuft, auf. Die beiden Hanauer beziehen die abgeschlossene Veranda. Ein Bett steht da, ein Tisch, ein Schrank. „Wenn so eine Katastrophe passiert, muss man doch helfen“, sagt der heute 86-Jährige. 

Der Krieg scheint für Horst Wennel weit entfernt

Sein Vater hat es damals getan, „aus Nächstenliebe“, „einfach so“. Mehr als zwei Wochen hätten die Fremden bei ihnen gelebt, sich danach eine eigene Wohnung in Rückingen gesucht. „Als Bub hat man das damals gar nicht so richtig mitbekommen“, sagt er. Hatten sie danach weiter Kontakt? Wennel überlegt. „Nein, nicht mehr so richtig. Man hat sich halt immer wieder mal im Ort gesehen. Mehr nicht.“ 

Der Krieg? Er ist weit weg. „Lange her“, sagt der Urgroßvater eines dreijährigen Enkelsohns. Aber dann sprudeln sie, die Erinnerungen. Wennel erzählt, dass sie immer erst später zur Mittelschule in Langendiebach mussten, wenn in der Nacht Fliegeralarm war. Er erzählt vom Einmarsch der Amerikaner, von Patronenhülsen, die er und seine Freunde zum Spielen benutzen. Nach Kriegsende mussten auch sie raus aus ihrem Haus, zogen für einige Wochen zu Bekannten, während amerikanische Soldaten bei ihnen einzogen. 

Wennel verurteilt auch das Attentat von Hanau

Fotos hat er keine mehr von damals. „Die Familie hatte keinen Fotoapparat.“ So viele Menschen seien damals nach Rückingen und in die anderen Orte gekommen aus Ungarn und anderen Ländern. Ausgewiesene, Flüchtlinge. „Sie alle haben hier eine neue Heimat gefunden“, erklärt Horst Wennel, der viele Jahre als Werkzeugbauer und später in der Arbeitssicherheit bei Heraeus gearbeitet hat. Seine Augen sind wach, seine Erinnerungen klar, nur der Körper ist schwach, krank. Dreimal pro Woche muss der Erlenseer zur Dialyse nach Langenselbold. Auf dem Esstisch des Ehepaars liegt an diesem Mittag der HANAUER ANZEIGER. Eine Kerze füllt die Titelseite aus. 

Es ist der 21. Februar. „Was in Hanau passiert ist, ist unmenschlich. Menschen zu töten, ist unmenschlich“, sagt der 86-Jährige zum Attentat eineinhalb Tage zuvor. Seine Erinnerungen an den 19. März 1945 und den Morgen des 20. März wiegen daher doppelt schwer, und sie wach zu halten, ist an diesem Tag doppelt wichtig.

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