Fordert die volle Härte des Gesetzes für den Mord: Staatsanwältin Lisa Pohlmann plädiert auf lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld.  
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Fordert die volle Härte des Gesetzes für den Mord: Staatsanwältin Lisa Pohlmann plädiert auf lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld.  

Aus dem Gericht

Mord an Frau in Erlensee: Staatsanwältin fordert höchste Strafe - Verteidiger plädiert auf Totschlag

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
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Seit 15 Monaten beschäftigt sich Staatsanwältin Lisa Pohlmann intensiv mit dem Fall der Pflegerin Susi W., die am Sandweg tot in ihrer Dachgeschosswohnung aufgefunden wurde. Nach umfangreichen Ermittlungen, mehreren Gutachten und 15 Verhandlungstagen vor dem Hanauer Schwurgericht erhebt sich die Frau in der schwarzen Robe an diesem Morgen, um das grauenvolle Geschehen zusammenzufassen und vor dem Schwurgericht zu bewerten.

Erlensee/Hanau –Sie empfindet ihre Aufgabe als „Privileg“. „Mein Beruf ermöglicht es mir, den Toten eine Stimme zu geben. Heute spreche ich für Susi W.“, beginnt die Anklägerin ihr Plädoyer eindrucksvoll.

Und sie endet nach rund einer Dreiviertelstunde mit einer ebenso eindrucksvollen Forderung für den Angeklagten Ingo K. aus Linsengericht: „Ich beantrage eine lebenslange Freiheitsstrafe sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.“ Das ist eine der höchsten Strafen, die ein deutsches Gericht verhängen kann. Denn dies würde bedeuten, dass auch nach 15 Jahren hinter Gittern noch kein Ende der Haft in Sicht wäre.

Staatsanwältin sieht drei Mordmerkmale

Pohlmann überrascht ein weiteres Mal an diesem Morgen, weil ihre Anklageschrift ursprünglich auf Mord aus Heimtücke und Habgier lautet. „Es sind aber drei Mordmerkmale.“ Denn es sei zusätzlich noch ein Raubmord gewesen. K. habe seine 47-jährige Internetbekanntschaft getötet, um an ihr Auto zu kommen und dieses zu Geld zu machen.

Das Verbrechen sei eine „lehrbuchartige Dokumentation der Habgier“, nennt es die Staatsanwältin. Am 20. Juli habe der Aushilfsarbeiter bereits um 17 Uhr geplant, W. zu töten. „Er hat sich im Internet intensiv darüber informiert, wie der Barverkauf von Autos funktioniert.“

Staatsanwältin: „Angeklagter ist mit äußerster Brutalität vorgegangen“

Anhand von Spuren und digitalen Beweisen beschreibt Pohlmann das weitere Geschehen, das schließlich in einem Blutbad endet. „Der Angeklagte ist mit äußerster Brutalität vorgegangen.“ Mit mindestens 25 Messerstichen habe er sein Opfer getötet und zudem noch gewürgt. „Susi W. hatte keine Chance.“

Die Staatsanwältin geht davon aus, dass K. sein „wehr- und argloses Opfer“ im Schlaf angegriffen hat. In einem abgedunkelten Zimmer. Das wäre Heimtücke. „Denn die Nachttischlampe ist mit blutigen Fingern eingeschaltet worden.“ Nach der Bluttat. Wer sonst hätte die Lampe einschalten sollen, wenn nicht der Täter? „Diese Lampe brannte noch, als ich zwei Tage später an den Tatort kam.“

Sie hat keinen Zweifel: Die DNA von K. unter den Fingernägeln des Opfers ist der wichtigste Beweis. Die Beweislast wiege so schwer, dass den Aussagen des Angeklagten kaum Beachtung zu schenken sei. Wohl aber dem Verhalten des 41-Jährigen danach. Er habe geduscht, die Fahrzeugpapiere und beide Schlüssel sowie den Personalausweis des Opfers mitgenommen und sei zurück nach Linsengericht gefahren.

Angeklagter wollte Geld für Urlaub verwenden

Um 2.46 Uhr, also rund zwei Stunden später, habe er das Auto von Susi W. im Internet inseriert. Und das Motiv liege auf der Hand: K. sei notorisch pleite gewesen, habe Schulden in sechsstelliger Höhe gehabt. „Er hat sein Leben durch Internetbetrügereien finanziert und mit Lügen vorgegeben, er sei ein wohlhabender, gebildeter, monogamer Supermann.“ Weil er seiner aktuellen Lebensgefährtin einen Urlaub sowie ein verlängertes Wochenende in Hamburg versprochen hatte, habe Susi W. sterben müssen.

Die 4000 Euro, die er durch den Verkauf des Nissans erbeutet habe, soll er danach an der Alster verprasst haben. „Die Suite, die er gemietet hatte, kostete 480 Euro pro Nacht.“ Als „Gipfel der Emotionslosigkeit und des Hohns“ bezeichnet Pohlmann die Textnachricht, die K. wenige Stunden nach der Bluttat an seine Freundin geschickt hat: „Ich habe diese Nacht nicht schlafen können . . . wahrscheinlich fehlt mir deine Nähe.“

Verteidiger plädiert auf minderschweren Fall des Totschlags

Pflichtverteidiger Benjamin Düring hat an diesem Tag einen schweren Stand, denn sein Mandant hat lediglich eingeräumt, dass er an diesem Abend in der Wohnung am Sandweg gewesen sei. Es habe einen Streit gegeben und W. habe ihn aus Eifersucht in einem Streit mit einem Messer angegriffen. Der Rechtsanwalt verweist darauf, dass die Tatwaffe nicht gefunden worden und die Tat eher eine spontane Reaktion gewesen sei. Daher gebe es auch kein Mordmerkmal. Er plädiert daher auf einen minderschweren Fall des Totschlags ohne konkretes Strafmaß.

Allerdings zeigt der Verteidiger auch Mitgefühl und Größe: Er richtet sich an die Nebenklage sowie den Vater des Opfers und erklärt ihnen sein tief empfundenes Beileid. Sein Mandant schweigt dagegen bis zum letzten Wort, in dem er sich lediglich dem Plädoyer seines Verteidigers anschließt.

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