Verblüffend schnell wurden ab 1936 die Bauten des Fliegerhorsts in die Höhe gezogen. Hier die Aufnahme eines der Kasernengebäude im Rohbau. Archivfoto: Kurz

Erlensee

Die Legenden und Mythen vom Fliegerhorst, Teil 1

Gab es auf dem Militärflughafen geheime unterirdische Bunker für Flugzeuge und Kriegsbeute? HA-Autor Werner Kurz begibt sich auf Spurensuche.

Von Werner Kurz

Die Konversion des ehemaligen Fliegerhorst-Geländes in Langendiebach geht mit Riesenschritten voran und beschert der Stadt Erlensee ein imposantes neues Gewerbegebiet. Die ersten Baukräne sind längst schon wieder abgezogen, neue Bauprojekte sind derzeit im Gang. Nach dem heißen und langen Sommer 2018 ist es kaum vorstellbar, dass man im Frühjahr noch gut beraten war, beim Umrunden des 2008 von der US-Army geräumten Geländes Gummistiefel zu tragen. Nach dem bis dahin nassen und milden Winter quoll das Wasser bei jedem Schritt unter den Sohlen hervor, die Flutgräben rundum waren alle voll.

Den geologisch bewanderten Zeitgenossen wunderte das nicht. Das flache Gelände liegt in den Auen der Kinzig, und dort steht das Grundwasser hoch an. Auch für Leser des Buches „Deckname Briefwaage – der Fliegerhorst Langendiebach 1936–1945“, dürften nasse Schuhe keine Überraschung sein. Sie haben gelesen, dass vor Baubeginn des Fliegerhorsts 1936 die Hanauer Baufirma Albrecht mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes erst einmal mehr als dreieinhalb Kilometer Drainagerohre verlegen, Hunderte Meter von Entwässerungsgräben ausheben musste, um das Baugelände trockenzulegen.

Doch auch jetzt noch, da der einstige Fliegerhorst durch die Neubauten kaum noch zu erkennen ist und den nur allzu bekannten geologischen Eigenheiten der Kinzigauen zum Trotz machen immer noch Gerüchte die Runde, es gäbe dort unterirdische Bauten aus dem Dritten Reich, in denen sich allerlei Geheimnisvolles verberge: Fluggerät, Lastwagen, Munition, Kriegsbeute. Es ist die Rede von einer Mauer des Schweigens, von einem Komplott gegen die Wahrheit, von einer gigantischen Vertuschung. Erst jüngst tauchten wieder „neue Beweise“ für unterirdische Bauwerke auf, sogar – welch eine Sensation! – aus dem Jahr 1934, also schon zwei Jahre vor Baubeginn.

Angestoßen hatte die Debatte vor Jahren Friedhelm Wagner mit seinem Buch „Gestartet sind sie alle“. Es ist dies eine Art Handbuch für die Anhänger der Theorie von einem „unterirdischen Fliegerhorst“; dort liest sich das so: „1947 haben die Amerikaner noch vieles auf dem Gelände entsorgt. Ein Lkw, der mit deutschen Flugmotoren überladen war, fuhr von den Flugzeughallen her und ist dann plötzlich eingebrochen, in einen unterirdischen Vorraum. Den Lkw und die Motoren hat man wieder herausgeholt, der Fahrer hatte nur leichte Verletzungen erlitten. Nach der Bergung hat man sich die Sache angeschaut und festgestellt, dass dort eine Türe in die unterirdische Anlage führt. Dort sollen nach amerikanischen Zeugenaussagen noch deutsche Flugzeuge stehen...“.

Idee mit den unterirdischen Hangars absurd

Nach einer „riesigen Explosion“ mit drei Toten hätten die Amerikaner „ . . . die unterirdischen Anlagen damals geschlossen und als Sperrgebiet erklärt.“ Allerdings habe noch in den 70er Jahren eine Gruppe diese voll Wasser stehende unterirdische Anlage inspiziert und von dort stehenden Flugzeugen und Lastwagen berichtet.Wagner berichtet weiter, „bei unserer Inspektion am 22.12.1997“ habe man auch die Lüftungsschächte dieser unterirdischen Anlage gesehen, doch alle seien oben verschlossen gewesen, „damit niemand hineinfällt“.

Nun gut. Und weiter auf Seite 192: „Anschließend fuhren wir durch das Gelände und sahen uns die Gebäude und die Lüftungsschächte der noch vorhandenen unterirdischen Anlagen an. Auch die große Halle, in der ein 40-Tonnen-Kran hängt, mit dem man ein Teil des Fußbodens, eine große Betonplatte, hoch heben und seitlich versetzten konnte. Durch dieses Loch wurden die Flugzeuge in die unterirdischen Hangars mit dem Kran abgesetzt.“ Diese Anlage sei, so behauptet Wagner, in den Jahren 1942/1943 von der „Organisation Todt“ gebaut worden, „ . . . da man erkannte, dass die Alliierten die Luftherrschaft errangen!“ In der Tat hatten die Alliierten 1943 in weiten Teilen die Lufthoheit. Doch gerade deshalb ist die Idee mit den unterirdischen Hangars absurd.

Zahlreiche Hinweise

Nachdem 2008 die Erste Auflage des Buches „Deckname Briefwaage“ erschienen war, in dem auch von diesen Spekulationen berichtet wurde, meldeten sich zahlreiche Zeitzeugen. Nun weiß man, dass Zeitzeugen bisweilen eher subjektive Erinnerung als nachprüfbare Fakten liefern. Besser ist man da schon dran mit Augenzeugen. Ein solcher ist Heinrich Ruth aus Langendiebach. Sein Vater hatte bis zu seiner Einberufung mit einem Pferdegespann zweimal die Woche die Müllabfuhr auf dem Fliegerhorst erledigt. Nun fiel dem gerade einmal 14 Jahre alten Heinrich diese Aufgabe zu. Bis kurz vor Kriegsende kam er so in alle Winkel des Fliegerhorsts.

Die Autoren der „Briefwaage“ verdanken Ruth zahlreiche Hinweise, die sich durchweg mit Fakten belegen ließen. So führte sie Ruth zu ehemaligen, 2008 noch im Gelände sichtbaren Abstellplätzen für Fluggerät, darunter die der ersten düsengetriebenen Me 262. Sie standen deutlich außerhalb des Kernbereichs des Horstes, gut getarnt und unentdeckt von Feindfliegern, zwischen Erdwällen im Wald.

Gut getarnt im umliegenden Wald

Wozu hätte man also mitten im Krieg unterirdische Hangars betonieren sollen? Und dies auch noch in einer Zeit, da der Zement und andere Baustoffe im Reich knapp wurden. Vor allem aber stellte sich die Frage, weshalb man überhaupt Flugzeuge, die ja unter Umständen rasch einsatzfähig sein mussten, erst umständlich in unterirdischen Gelassen unter tonnenschweren Betondecken abstellen sollte? Bei einem Bombentreffer auf die darüber liegende Halle wären diese Maschinen verloren gewesen. Da stellte man sie doch lieber gut getarnt in dem umliegenden Wald.

Und was für einen konstruktiven Aufwand hätte man treiben müssen, um die Bunker unter einem bestehenden Bauwerk mit einer Sohle in etwa acht bis zehn Metern Tiefe zu errichten! Wie wäre man in der Baugrube des Grundwassers Herr geworden? Und überhaupt: Was wollte man mit einem unterirdischen Hangar, der gerade einmal so groß war wie die darüber liegende Halle von wenigen Hundert Quadratmetern?

Aushub ließe sich kaum verbergen

Um es vorwegzunehmen: Bei all den Baumaßnahmen der jüngsten Zeit auf dem Fliegerhorst sind keinerlei Spuren einer unterirdischen Architektur gefunden worden. Und auch Heinrich Ruth, der dank seines „Entsorgungsauftrags“ den Fliegerhorst so gut kannte wie seine Westentasche, hat von so einer derart aufwendigen Baumaßnahme nichts bemerkt. Derweil wäre eine solch umfassende und konstruktiv schwierige Baumaßnahme nicht im Geheimen realisierbar gewesen.

Allein den Aushub einer mehrere Meter tiefen Baugrube wegzuschaffen und irgendwo zu deponieren, wäre nicht nur Ruth sondern auch der gegnerischen Luftaufklärung kaum verborgen geblieben. Den beschriebenen 40-Tonnen-Kran indes hat es tatsächlich gegeben, ihn haben noch die Amerikaner bis zu ihrem Abzug benutzt.

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Unter dem Fußboden der Halle fanden die Autoren der „Briefwaage“ bei einer Begehung 2009 allerdings nur einige kleinere Kellerräume und keine Spur davon, dass der Hallenboden aus herausnehmbaren Betonplatten bestanden hätte Gleichwohl – in den einschlägigen Kreisen wollen Hinweise auf „geheime Hinterlassenschaften“ des Dritten Reichs auf dem Fliegerhorst Langendiebach nicht verstummen. Unter den „Forschern“ kursiert schon länger der eingangs beschriebene Sensationsfund, welcher den Bau eines „unterirdischen Flugplatzes bei Hanau“ belegt. Die Quelle für den Sensationsfund liegt aber seit Jahrzehnten offen: die sogenannten „Deutschland-Berichte“ der SPD.

Die Sozialdemokraten waren neben den Kommunisten die ersten, die 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten massiver Verfolgung ausgesetzt waren. Zahlreiche Funktionäre und aber auch einfache Mitglieder mussten um ihr Leben fürchten und flohen ins Exil, viele davon nach Prag. Dort konstituierte sich die Exil-SPD (SOPADE), die in ihrem „Prager Manifest“ von Januar 1934 formuliert, man wolle „den Kampf um eine völlige Niederringung der nationalsozialistischen Staatsmacht“führen, auch mit publizistischen Mitteln.

"Deutschland-Berichte"

Dazu gehört die Gründung der Parteizeitung „Neuer Vorwärts“ und eben jenes Informationsdienstes „Deutschland-Berichte“, mit dessen Redaktion der Exil-Vorstand der Partei den Journalisten Erich Rinner (1902 bis 1982) beauftragte. Der Dienst sollte umfassend und ungeschönt über die Zustände im Reich berichten, gespeist wurden die Berichte aus Kreisen der noch immer weitverzweigten Untergrund-SPD. Heimlich wurden erst die Berichte hinaus und später der gedruckte Informationsdienst ins Reich geschmuggelt. Zuarbeit, Verteilung und Lektüre waren verboten, den Akteuren drohte KZ-Haft.

Die „Deutschland-Berichte“ brachten erstaunliche detaillierte Berichte aus den verschiedensten Lebensbereichen, aus Politik, Wirtschaft, dem Arbeits- und Alltagsleben, aber auch so manchen Klatsch über die Verfehlungen korrupter Nazi-Funktionäre. Breiten Raum widmet der Dienst der Aufrüstung und Militarisierung des Deutschen Reiches. Dies legten die Nationalsozialisten der Exil-SPD denn auch prompt als Landesverrat aus. Im „feindlichen“ Ausland fanden die bis 1938 in Prag später, bis zur Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht in Paris redigierten Berichte tatsächlich starke Beachtung.

Detailliert und umfangreich

Doch zurück ins Jahr 1934. Da galt für das Deutsche Reich noch immer der Versailler Vertrag, der nicht nur die militärische Waffenproduktion, sondern auch den Bau von Militäranlagen nahezu ausschloss. Das Dritte Reich unterlief diese Bestimmungen, indem etwa Piloten in der UdSSR ausgebildet wurden und sich hinter kasernierten Polizeieinheiten schon 1934 „getarnte“ Wehrmachtseinheiten verbargen, wie etwa die Landespolizei in der Hanauer Francois-Kaserne. Was nun die Luftrüstung und den Bau von Flugplätzen angeht, so sind die Beiträge in den „Deutschland-Berichten“ in den ersten beiden Erscheinungsjahren detailliert und umfangreich, wenn auch inhaltlich oft phantastisch anmutend.

Beispiel: In der Ausgabe von April/Mai 1934 hieß es, dass umfangreiche Wasserbauwerke an der Oder getarnte Militärbauten seien, mittels derer man im Kriegsfall ganze Gebiete fluten könne. In Sachen Luftrüstung wird unter anderem berichtet: Flugplätze würden im ganzen Reich angelegt, etwa in Munsterlager bei Bremen, Demmin in Pommern, in der Pfalz, in Ottobrunn bei München oder bei Königsberg. Alle diese Standorte seien für zivilen Flugbetrieb nicht tauglich. Aus Augsburg wird berichtet, dort sei am Lech ein riesiges Flugfeld in Arbeit und oberhalb werde ein Stausee angelegt, damit dort Wasserflugzeuge starten und landen könnten.

Vermehrt Berichte über unterirdische Flugplätze

In Deutschland seien, so resümieren die Berichte, umfangreiche Vorbereitungen für den Luftkrieg getroffen worden. Deutschland verfüge „schon jetzt“ (1934!) über „eine riesige Zahl von Flugzeugen“. Davon sei ein erheblicher Teil aber nicht aus Mitteln des Reiches angeschafft worden: „Seit dem Frühjahr 1933 wurden Gemeinden, Verbände, Firmen und Privatpersonen veranlasst, Flugzeuge zu stiften.“ Nach solider nachrichtendienstlicher Arbeit klingt dies alles nicht: Und von wegen Stauseen, Flutungen et cetera.: Auch über Langendiebach hatte es ja geheißen, man habe dort, welch ein Irrsinn, gegebenenfalls das Flugfeld zur Täuschung der generischen Luftaufklärung unter Wasser setzen können, damit der Flugplatz aus der Luft wie ein See erscheint.

Mit der Ausgabe vom November/Dezember 1934 der Deutschland-Berichte tauchen dann vermehrt Nachrichten über geplante oder im Bau befindliche unterirdische Flugplätze auf: „Bei Würzburg (Giebelstadt) wird ein unteririscher Flugplatz gebaut. Er soll 30 Meter unter der Erde ausgebaut werden. Von den unterfränkischen Arbeitsämtern wurden dazu 1400 Mann abgestellt.“ Ebenso seien im schwäbischen Göppingen „Unterirdische, gegen Fliegersicht durch Placierung im Wald geschützte Hangars“ im Bau.

Der geschichtliche Hintergrund

In derselben Ausgabe wird, ohne Details zu nennen, auch der Ort „Lieblos i. Spessart“ auf, wo ebenfalls ein geheimer Flugplatz entstehe. Und dann kommt die Stelle, welche die Langendiebacher Untergrundflugplatzfreunde elektrisiert haben dürfte: „In Hanau bei Frankfurt ist ein unterirdischer Flugplatz angelegt worden. Der Flugplatz ist das Modernste auf diesem Gebiet. Mannschaftsräume und Flugzeughallen sind bombensicher unterirdisch angelegt.“ Diese Meldung stammt, wohlgemerkt, aus dem November 1934.

Was ist nun von dieser Meldung zu halten? In der Tat hat Deutschland sofort nach der Machübernahme 1933 in aller Heimlichkeit eine massive Wiederaufrüstung begonnen. Aufgrund der Bedingungen des Versailler Vertrages von 1919 waren Umfang und Bewaffnung der Reichswehr stark eingeschränkt und unterlagen der Kontrolle der Sieger. Doch Hitler verkündete am 16. März 1935 das Gesetz zur Wiedereinführung Wehpflicht, bereits am 1. März 1935 war die Luftwaffe gegründet worden. Was Hitler als „Wiedererlangung der Wehrhoheit“ darstellte, waren ebenso offene wie ungeahndete Verstöße gegen den Versailler Vertrag.

in Langendiebach ausgeschlossen

Nun begann in Deutschland eine bis dahin nicht gesehene Aufrüstung. Davon soll hier nur die Luftrüstung interessieren: Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstanden über 270 Flugplätze der Luftwaffe. Davon waren 65 „Leithorste“, denen umgebende „Einsatzhäfen“ nachgeordnet waren. Ein solcher Leithorst war Langendiebach. Im Frühjahr 1936 war dort Erster Spatenstich. Die Planungen freilich dürften schon lange vorher in den Schubladen geschlummert haben. Da bedurfte es nicht erst einer oft zitierten Notlandung einer Junkers-Maschine nahe Langendiebach bei einem Manöver 1936, welche die Gegend für einen Flugplatz in den Blick der Militärs rückte.

Dass 1934 aber schon ein unterirdischer Flugplatz bei Hanau im Bau beziehungsweise vollendet gewesen sein könnte, wie die „Deutschland-Berichte“ gemeldet hatten, dies ist gänzlich ausgeschlossen. Wo sollte er sich befunden haben? Und wie sollte das Bauprojekt so ganz ohne Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit verwirklicht worden sein? Zeitzeugen aus jenen Jahren, derer der Chronist eine ganze Reihe noch persönlich kennenlernen konnte, haben jedenfalls bei aller Auskunftsfreude nie davon berichtet.

Autorenname ein Pseudonym

Ist man also bei den aus dem sozialdemokratischen Untergrund gelieferten Nachrichten vielleicht auch einmal Gerüchten aufgesessen? Meldungen wie der Bau eines Flugplatzes 30 Meter unter der Erde (Giebelstadt) haben bei aller Phantasie keinerlei Plausibilität. Ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen war aber unter den Bedingungen des Exils von Prag aus schier unmöglich. Dass aber einem promovierten Historiker wie dem verantwortlichen Redakteur Rinne nicht aufgefallen ist, dass ein unterirdischer Flugplatz ein Widerspruch in sich ist, das sollte zu denken geben und lässt an der Seriosität des Informationsdienstes zweifeln.

Zur Ehrenrettung der SOPADE mag beitragen, dass man bei weiterer Recherche zu dem Hanauer Flugplatz auf das 1970 erschienene Standardwerk von Karl Ries „Luftwaffe“ stößt. Dort ist auch, bislang offenbar kaum beachtet, bereits die Rede von einem nicht weiter spezifizierten unterirdischen Flugplatz bei Hanau. Ries beruft sich dabei auf französische Angaben aus dem Jahr – 1934, und zwar auf ein Buch mit dem deutschen Titel „Hitlers Luftflotte startbereit“, erschienen in der Edition Carrfour, verfasst von Dorothy Woodman. Der Autorenname ist allerdings ein Pseudonym. Hinter der Dame verbirgt sich der emigrierten KPD-Mitbegründers Albert Schreiner, der damit wohl auf seinen Familiennamen anspielt.

Buch über die Luftwaffe

Nach seiner Emigration 1933 nach Frankreich veröffentlichte er mehrere Bücher, vor allem über die deutsche Luftrüstung. Im Französischen Exil stand er vor demselben Problem wie die SOPADE in Prag: Wie kommt man an solide Informationen aus der Heimat? Die Aussagen in den Deutschlandberichten von November 1934 über den Flugplatzbau bei Hanau finden sich nahezu wortgleich in Schreibers Buch. Es liegt auf der Hand, dass er bei der Exil-SPD abgeschrieben hat. So fand denn die Geschichte von dem „unterirdischen Flugplatz bei Hanau“ Eingang in die Luftkriegs-Literatur und wurde ungeprüft immer wieder übernommen.

Als nun 1970 Ries‘ Buch über die Luftwaffe erschien, befand sich die Welt noch mitten im Kalten Krieg. Unterirdische Flugplätze waren da kein Thema. Erst das Internet sollte Jahre später dem Thema Öffentlichkeit verschaffen. Das Publikumsinteresse an Geheimnissen aus dem Dritten Reich ist groß, und die Anhänger von Gerüchten wie dem vom Langendiebacher Untergrund-Flugplatz sind gut vernetzt. Für sie war das Auftauchen einer solchen „Quelle“ allemal ein gefundenes Fressen. Natürlich konnte der erwähnte „Flugplatz bei Hanau“ nur der Fliegerhorst sein. Was spielt es da schon für eine Rolle, dass 1934 noch die Bauern auf den besagten Wiesen ihr Heu machten?

Quellen unklar

Woher freilich die SOPADE 1934 ihre Informationen bekam, dies wird wohl nie mehr geklärt werden können. Deshalb sei hier noch einmal resümiert: Langendiebach war nichts anderes als einer von Aberdutzenden von Luftwaffen-Flugplätzen des Zweiten Weltkriegs. Viele von ihnen sind heute längst verschwunden. Auch vom Fliegerhorst wird nicht viel bleiben. Doch der Faktenlage zum Trotz ist nicht auszuschließen, dass der Mythos vom „unterirdischen Flugplatz bei Hanau“ nicht stirbt.

Die durch Fakten abgesicherte und mit zahlreichem Bildmaterial belegte Geschichte des Fliegerhorsts kann in der Dokumentation „Deckname Briefwaage – Der Fliegerhorst Langendiebach 1936 –1945“ nachgelesen werden. Das Buch liegt in einer stark erweiterten Neuauflage vor und ist zum Preis von 33 Euro im Hanau Laden, Am Freiheitsplatz 3, erhältlich.

Der zweite Teil zu diesem Thema erscheint am kommenden Freitag.

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