Langendiebach zur Zeit von Pfarrer Wilhelm Wibbeling. Foto: Kurz

Erlensee

Langendiebacher Pfarrer Wibbeling: Ein Netzwerker für den Frieden

Erlensee. Der ehemalige Dekan des Kirchenkreises Hanau-Land, Peter Gbiorczyk, stellt am kommenden Montag sein neues Buch vor. Diesmal hat sich der Regionalhistoriker mit dem Leben des ehemaligen Langendiebacher Pfarrers Wilhelm Wibbeling beschäftigt, der als einer der Ersten früh den Völkermord an den Armeniern thematisierte.

Von Werner Kurz„ . . . geschah in der mit Deutschland verbündeten Türkei das erste Vorspiel späterer Vertreibungen, das schon damals als 'Völkermord' von dem besten Kenner des armenischen Volkes, Professor der Theologie in Berlin, Johannes Lepsius, bezeichnet wurde.“

Diese Aussage könnte durchaus aus der Bundestagsdebatte im Frühsommer dieses Jahres zu den Vorgängen um den Tod Hunderttausender christlicher Armenier während des Ersten Weltkriegs stammen.769 Seiten Vita eines Mannes, der seiner Zeit voraus warDoch sie fiel bereits vor einem halben Jahrhundert, 1965, als sich auch zwei Jahrzehnte nach dem Völkermord an den Juden kaum jemand in der jungen Bundesrepublik wagte, auch noch die – wenn auch passive – Rolle des Deutschen Reiches bei jenem Vorspiel zum Jahrhundertverbrechen an den europäischen Juden zu thematisieren. Einer, der dies dennoch tat, war Propst Wilhelm Wibbeling (1891 bis 1966).

1954 bereits hatte der Bundestag die UN-Anti-Völkermord-Konvention verabschiedet, sie war Jahre später der Auslöser für den Artikel im „Deutschen Pfarrerblatt“ aus der Feder Wibbelings. Ihm hat Peter Gbiorczyk, einer der Amtsnachfolger Wibbelings als Pfarrer in Langendiebach und nachmaliger Dekan des Kirchenkreises Hanau-Land, nun eine umfassende und wahrhaft gewichtige Biographie gewidmet. Auf 769 Seiten breitet er die Vita eines Kirchenmannes aus, der – siehe oben – seiner Zeit offenbar voraus, zu jederzeit aber zugleich mitten in ihr drin war.Einsatz an verschiedenen Fronten im Ersten WeltkriegAls „jugendbewegten, reformierten Theologen im Zeitalter der Extreme“ bezeichnet Gbiorczyk seinen Amtsbruder im Untertitel. Geboren wurde Wibbeling 1891 in Uentrop in der Nähe von Hamm in Westfalen. 1909 beginnt er ein Studium der Theologie in Tübingen und Halle und besteht 1913 die erste Theologische Prüfung. Die weitere Ausbildung am Predigerseminar unterbricht der Kriegsbeginn 1914, der Wibbeling als Freiwilligen beim Reserve-Infanterieregiment 219 in Köln sieht. Nach dem Einsatz an verschiedenen Fronten ist er bei Kriegsende Leutnant und heiratet. Zum Militär hat er inzwischen ein eher distanziertes Verhältnis.

Seine erste Stelle bezieht Wibbeling 1919 als Synodalvikar in Bochum im Herzen des Ruhrgebiets und damit an einem Brennpunkt des wirtschaftlichen und politischen Lebens unter französischer Besatzung. Von 1922 bis 1928 ist er Pfarrer in Xanten am Niederrhein. Wibbeling gehört zu den Gründern des Bundes für die freie Volkskirche, dessen Ziele er auch publizistisch verficht. Auch tritt er der Neuwerk-Bewegung in Westfalen bei, über die es bald eine Verbindung zu deren Protagonisten im Hessischen, in Lißberg und Schlüchtern, gibt. Er ist zugleich Mitgründer des „Bundes jungevangelischer Pfarrer, mithin das, was wir heute einen Netzwerker nennen würden.Wibbeling wird Pfarrer in Langendiebach während der NS-DiktaturFreilich macht der Machtübergang an die Nationalsozialisten 1933 all diesen Organisationen aus dem Geiste der „Jugendbewegung“ ein Ende. Das Jahr 1933 sieht Wibbeling, der von 1928 bis 1932 Pfarrer im Vogelsberg für die Gemeinden Hellstein, Udenhain und Neuenschmitten war, auf der Pfarrstelle in Langendiebach. Der Einführung in dieses Amt geht allerdings ein Konflikt voraus, der ein Schlaglicht auf die damaligen Verhältnisse wirft: Zunächst verweigert der Patronatsherr, der Fürst von Isenburg-Birstein, die Zustimmung, da Wibbeling im Verdacht steht, der SPD anzugehören. Dies führt in Langendiebach beinahe zu einer Spaltung der Gemeinde; wochenlang gärt der Konflikt, den Gbiorczyk erhellend belegt, ehe der Hanauer Anzeiger am 8. Mai 1933 Wibbelings Einführung als neuen Pfarrer melden kann.

Ausführlich widmet sich der Autor nun dessem neuen Wirkungsort, er schildert die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten in dem Dorf in der Frühzeit der nationalsozialistischen Diktatur, die Langendiebach 1936 zum Standort eines Militärflugplatzes macht. Er öffnet dem Leser in großer Breite das Spannungsfeld eines Gemeindepfarrers, der gleichwohl seinen Wirkungskreis nicht auf die Gemeinde reduziert. Wir erfahren in Wibbeling einen scharfsinnigen Beobachter und Chronisten der Zeit, aber ebenso einen engagierten Akteur, nicht nur wenn es um das Verhältnis zwischen Machthabern und Bürgern, sondern nach Kriegsende auch, wenn es um das zwischen der US-Besatzungsmacht und der Ortsbevölkerung geht.Wibbeling als Kämpfer für die sozial schwachen BevölkerungssschichtenUnd wieder wird Wibbeling als Netzwerker aktiv, als es nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ zur Neuordnung in allen, auch den kirchlichen Lebensbereichen, geht. Wibbelings Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, sein unbedingtes Bekenntnis zu Frieden und Demokratie, führen ihn nahezu zwangsläufig in die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ und die Kampagne gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, obgleich die Kirchenleitung ihren Pfarrern bei politischer Betätigung „Zurückhaltung“ auferlegt.

Seit 1946 ist Wibbeling Propst des von Hanau bis Fulda reichenden Südsprengels der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, 1961 geht er in den Ruhestand, ohne jedoch sein Wirken in der Gemeinde und in der Öffentlichkeit einzustellen: Im Jahr seiner Pensionierung initiiert er eine Gedenktafel für die zerstörte Synagoge in Langendiebach und 1966 finden wir ihn in den Reihen der Opponenten gegen die von der Bundesregierung geplanten Notstandsgesetze. Wibbeling stirbt am 9. November 1966, anderthalb Jahre nach seiner Frau. Der Hanauer Anzeiger würdigt ihn in einem Nachruf als „religiösen Sozialisten“, der aus den Erfahrungen mit den sozialen Missständen während seiner frühen Berufsjahre seine Arbeit ganz den sozial schwachen Bevölkerungsschichten gewidmet habe. Auch sei er stets ein Kämpfer für eine unabhängige Kirche gewesen.Erneute Bereicherung für die RegionalliteraturFreilich blieb bei Wibbelings sozialem Engagement eine inhaltliche und persönliche Nähe zur Sozialdemokratie nicht aus. Die ihm 1932 unterstellte Nähe zur SPD manifestierte sich Jahre später in der engen Bekanntschaft mit Jakob Altmaier (1889 bis 1963), seinerzeit Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Hanau. Altmaier war übrigens der einzige Volksvertreter, der 1954 im Bundestag zur eingangs erwähnten Völkermord-Resolution das Wort ergriff.

Mit dem vorliegenden Band setzt Gbiorczyk die Reihe seiner Publikationen zu kirchenhistorischen Themen aus der Region fort. Nach dem Werk über das Landschulleben in der Grafschaft Hanau (2011) und über den reformierten Theologen Friedrich Grimm (1672 bis 1748) im Jahr 2013 hat sich der Autor nun mit einer opulenten Arbeit ins 20. Jahrhundert begeben, für die einschlägige Regionalliteratur erneut eine große Bereicherung.„Propst Wilhelm Wibbeling – Jugendbewegter reformierter Theologe im Zeitalter der Extreme“, 769 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten, Literatur- und Personenverzeichnis, Shaker-Verlag 2016, ISBN 978–3–8440–4772–1, 38,80 Euro. Das Buch wird von Bischof Prof. Dr. Martin Hein am kommenden Montag, 9. Januar 2017, um 18.30 Uhr in der evangelischen Kirche Langendiebach der Öffentlichkeit vorgestellt.

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