Der Textilkaufmann Kahn war Mitglied im Arbeitergesangsverein und förderte das Theaterspiel der Jugendlichen. Foto: Privat

Erlensee

Wie Langendiebach und Rückingen die Pogromnacht erlebten

Erlensee. Langendiebach und Rückingen erreichte der Horror mit zwei Tagen Verspätung. Erst am 11. November fanden auch in den heutigen Erlenseer Ortsteilen Übergriffe gegen Juden und deren Eigentum statt. Auch wurden an diesem Tag die Synagogen zerstört, berichtet Erwin Hirchenhain, Vorsitzender des Erlenseer Geschichtsvereins.

Von Holger Weber-Stoppacher

Hirchenhain kann bei seinem Vortrag auf Aussagen von Zeitzeugen zurückgreifen, die er bereits anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht vor nunmehr 30 Jahren befragt hat. Dazu zählt auch Friedrich Wörner, der Vater des späteren Bürgermeisters Erich Wörner, der seinerzeit in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge von Langendiebach lebte und als KPD-Mitglied ebenfalls von den Nazis verfolgt und mehrfach in einem Konzentrationslager inhaftiert wurde. In seinem Bericht schildert Friedrich Wörner die Brutalität, mit der die Nazis gegen die jüdischen Mitbürger vorgingen.

Sowohl in Langendiebach als auch in Rückingen bildeten die Juden eine verschwindend kleine Minderheit. In Langendiebach waren gerade einmal 1,4 Prozent und in Rückingen 2,5 Prozent der Bürger jüdischen Glaubens. Nach der Reichspogromnacht, in der die Synagogen zwar zerstört, aber wahrscheinlich wegen ihrer Nähe zu umstehenden Wohnhäusern nicht verbrannt wurden, habe sich das Leben der Juden sowohl in Rückingen als auch in Langendiebach auf dramatische Weise verschlechtert, berichtet Hirchenhain. Die Juden durften keine Geschäfte mehr führen, dabei waren viele Einzelhandelsgeschäfte in den beiden Ortschaften in jüdischer Hand.

„Die Menschen ducken sich, die Angst regiert“

Hirchenhain beschäftigt sich auch mit der Frage, wie die Langendiebacher und ‧Rückinger sich gegenüber ihren jüdischen Nachbarn verhalten haben, und zitiert dabei den damaligen Langendiebacher Pfarrer Wibbeling: „Die Menschen ducken sich, die Angst regiert“, schrieb dieser in der Kirchenchronik. Diese Beschreibung, so Hirchenhain, sage schon einiges aus. Aus Angst vor Unannehmlichkeiten und persönlichen Nachteilen hätten viele Menschen immer häufiger Kontakte zu ihren jüdischen Nachbarn gemieden. Aber es habe auch Beispiele von Hilfsbereitschaft und Solidarität gegeben.

Bis zur Wannsee-Konferenz im Jahr 1942, bei der die Vernichtung der Juden beschlossen wurde und in deren Folge es überall in Deutschland zu großen Deportationen kam, hatten sich 24 Juden aus Langendiebach und 14 Juden aus Rückingen durch Auswanderung rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Die zwölf noch in Langendiebach und 16 in Rückingen verbliebenen jüdischen Mitbürger wurden deportiert und starben in den Vernichtungslagern von Sobibor und Theresienstadt.

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