Wer steht wo, wer sagt etwas wie: Steven Seyffart, Tim Bieber, Gregor May und Sophie Skiba (von links) bei den Proben in Erlensee. Foto: Gabriele Reinartz

Erlensee

Jugendzentrum-Schauspieler wagen sich an anspruchsvolles Stück

Erlensee. Die Bühnenphobiker, zehn junge Leute der Schauspielgruppe im Erlenseer Jugendzentrum, proben für die Premiere im Juni. Sie spielen ein Kriminalstück, in dem es um zwei junge Männer in einem Zeugenschutzprogramm geht.

Von Gabriele Reinartz

Wer hier bis zum Ende durchhält, immerhin ein gutes Jahr, hat anschließend mehrere semi-professionelle Auftritte hinter sich.

Großes Stimmengewirr herrscht in den Räumen an der Rodenbacher Straße 8. Zehn junge Leute laufen kreuz und quer durch den Raum, der sich in der oberen Etage des „Team Kinder- und Jugendarbeit“ in Erlensee (TKJE), vom Kulturzentrum (KUZ) befindet. Sie wiederholen immer wieder einen Satz, mal leise, mal lauter. Plötzlich verharren sie in ihren Bewegungen. Es wird mäuschenstill. Nach wenigen Sekunden wird die Szenerie durch lautes Klatschen aufgehoben. Die jungen Leute setzen sich wieder in Bewegung und reden vor sich hin. Bis zur nächsten Unterbrechung.

Rollen anfangs getauscht

Bei diesem Klatschen handelt es sich um Kommandos des Theaterleiters Christian Fonzetti. Es ist Probe im TKJE. „Wir proben jeden Montag mindestens drei Stunden“, sagt Fonzetti. Der Theaterpädagoge, -mentor und -therapeut leitet seit vielen Jahren die TKJE-Theatergruppe, die sich selbst den Namen Bühnenphobiker gegeben hat. Für die Aufführung im Juni hat er ein Kriminalstück von Christine Steinwasser ausgewählt. Dieses handelt von zwei jungen Männern in einem Zeugenschutzprogramm – gespielt von Timo Bieber und Steven Seyffart –, die sich an ihrem neuen Wohnort als Gastronomen ausgeben. Alles könnte gut laufen, wären da nicht die Frauen des Ortes, die sich aus unterschiedlichen Gründen für die zwei Neuankömmlinge interessieren.

„Wir haben bereits im vergangenen Jahr mit den Proben begonnen. In diesem Stück gibt es zehn sehr unterschiedliche Rollen, gespielt von jungen Leuten im Alter von 15 bis 24 Jahren. Ich möchte, dass sich jeder ausprobiert und am Ende das spielen kann, was er von seinem Talent her mitbringt. Das heißt, dass die Rollen anfangs auch mal getauscht wurden“, fährt er fort. Wie man die jeweilige Rolle spielen muss, bringt Fonzetti den Laien in vielen Monaten des Übens bei. Immerhin stand er früher selbst regelmäßig auf der Bühne.

Mehrwert zur Ausbildung

Sein Anspruch ist daher auch sehr hoch. Ein bisschen Schauspielern ist nicht. „Bis zur Premiere im Juni haben die Zehn noch eine arbeitsreiche Zeit vor sich. Bei einigen zeigt sich jetzt schon großes Potenzial, sie haben eine starke Bühnenpräsenz und keinerlei Berührungsängste“, sagt der Theaterpädagoge. Lobenswert findet er auch, dass sie alle den Blickkontakt zum Publikum halten können, ohne die Spannung zu verlieren. Das Publikum an diesem Probe-Abend beschränkte sich zwar nur auf wenige Personen, aber es sei immerhin das erste Mal, dass sie überhaupt vor Publikum spielten, merkt er an.

Eine der Hobbyschauspieler ist Sarah Soroka. Sie spielt im Stück eine Polizistin. In Wirklichkeit macht sie eine Ausbildung zur Maßschneiderin. „Abgesehen davon, dass mir das Schauspielern großen Spaß macht, lerne ich hier, wie man sich auf der Bühne bewegt. Die Kostüme müssen die Bewegungen mitmachen können. Das herauszufinden, ist für mich als Schneiderin sehr wichtig“, erzählt sie. Die Schwestern Sophie („mannstolle Bürgerin“) und Justina Skiba (Frau des Bürgermeisters) lernen dagegen, ihre Stimmen richtig einzusetzen und vom Alltagsstress abzuschalten, wie es auch Kira Brandstädter („mannstolle Bürgerin“) empfindet.

Abtauchen in eine andere Welt

„Schreiner Zimmermann“ alias Gregor May ist einer der „alten Hasen“ im Team. „Vor drei Jahren habe ich bei den Bühnenphobikern angefangen. In meinem Studium der Sozialen Arbeit kann ich vieles aus der Schauspielerei anwenden“, verrät May.

Steven Seyffart, einer der Männer aus dem Zeugenschutzprogramm, steht schon seit der Grundschule auf der Bühne. Er schätzt das professionelle Theater des TKJE sehr, da er in seiner Freizeit streamt und aus der Schauspielerei Techniken für sich „mitnimmt“. Abzutauchen in eine andere Welt, auch mal einen Bösen zu spielen, ist der Grund, warum Marius Walter (Bürgermeister) Bühnenphobiker wurde. Frederic Peine (Polizist) und Greta Deller (Oma) haben sich dagegen von Freunden überreden lassen und sind am Ende vor lauter Begeisterung dabei geblieben.

Theater spielen und fürs Leben lernen

Wie professionell es am TKJE letztlich zugeht, zeigt die Rückmeldung eines ehemaligen Schülers von Fonzetti: Der junge Mann absolvierte zwischenzeitlich eine Schauspielausbildung in Potsdam und ist nun auf der Suche nach ersten Engagements im Filmgeschäft. Gedreht hat er unter anderem schon mit Martin Semmelrogge und die eine oder andere große Bühne bespielt.

Die kommenden Auftritte der derzeitigen Schauspielgruppe werden erneut zeigen, in welche Richtung sich die eine oder der andere weiterentwickelt.

Auch noch erwähnenswert: Das Bühnenbild ist eine Kreation des Hanauer Comiczeichners Michael „Rautie“ Rautenberg. Nicht zu vergessen, ist der Mann im Hintergrund, Wassim Esber, ein 24-jähriger Syrer, Tänzer und Musiker, der für die Technik und Requisiten während der Proben und Aufführungen zuständig ist.

Die Premiere findet am Samstag, 15. Juni, 19 Uhr, im TKJE, Rodenbacher Straße 8, Erlensee, statt. Mindestens zehn weitere Aufführungen sind geplant.

Das könnte Sie auch interessieren