Erlensee

Jugendliche mit Migrationshintergrund drehen Kinofilm

Erlensee. 18 Jugendliche aus sechs Nationen haben aus ihrem Theaterstück „Verkehrte Welt – engagiere dich“, in dem sie ihre Fluchterfahrungen verarbeiteten und das sie im Rahmen der Interkulturellen Wochen im Main-Kinzig-Kreis aufführten, jetzt einen Kinofilm gemacht.

Von Gabriele Reinartz

Am 4. September feiert „Zuhause in Globalien“ Premiere im Kinopolis Hanau. „Wir haben den Film größtenteils in Privathäusern in Kahl gedreht, aber auch in der Georg-Büchner-Schule mit über 50 Schülern und Schülerinnen und in der Garderobe des Theaters im Bürgerhaus“, erzählt Regisseur Torsten Stoll, der selber ausgebildeter Schauspieler, Sprachtrainer und Kommunikationsexperte ist. „Insgesamt steckt über ein Jahr Arbeit darin.

Meistens haben wir an den Wochenenden gedreht, und das über mehrere Stunden am Stück.“ Die Idee, aus dem Theaterstück einen Kinofilm zu machen, entstand in Berlin, als die Jugendlichen „Verkehrte Welt“ mehreren Bundestagsabgeordneten vorspielten und von ihnen großes Lob erhielten. Mittlerweile gilt das Theaterstück sogar als pädagogisches Lehrstück.

"Der Film hat den Zeitgeist phantastisch getroffen"

„Die Jugendlichen haben entweder ihre eigenen Fluchterfahrungen oder die ihrer Eltern in das Stück übertragen. Die Geschichten sind daher allesamt wahr“, erläutert Stoll. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied, genauer gesagt, einen Perspektivwechsel: Die Jugendlichen spielen deutsche Familien, die von der nationalistischen Partei „DEPP“ – DEPP steht für Deutsche Ekel-Polit. Partei – gezwungen werden, ihr Land zu verlassen.

Aufgrund von Teilnahmslosigkeit und Desinteresse an politischer Mitbestimmung seitens der Deutschen konnte die Partei erstarken. „Der Film hat den Zeitgeist phantastisch getroffen, er behandelt ein hochaktuelles Thema“, ist sich Erlensees Bürgermeister Stefan Erb und Anita Losch vom Bürgerverein Soziales Erlensee sicher, die das Theaterstück federführend verantwortet. „Jeder, der diesen Film sieht, ist am Ende tief getroffen und kann nachvollziehen, warum die Flüchtlinge den schweren Schritt, ihr Land zu verlassen, machen mussten“, ergänzt sie noch.

Sprachprobleme konnten überwunden werden

Der 18-jährige Ramin aus Afghanistan, der im Film ein Parteimitglied spielt, betont, dass er sich nicht nur durch das Theaterstück und den Kinofilm in die deutsche Gesellschaft integrieren, sondern auch sein Deutsch maßgeblich verbessern konnte. „Durch das Stimmtraining habe ich Bühnenhochdeutsch gelernt“, sagt er.

Auch Dalia aus dem Iran (16 Jahre, sie spielt die Böse) profitierte maßgeblich. Als sie dem Theater beitrat, war sie erst sechs Monate in Deutschland gewesen und konnte daher kaum Deutsch sprechen. Heute kommen ihr die Worte fließend über die Lippen. Ähnlich bei Silan aus Kurdistan. Obwohl sie sogar in Deutschland geboren wurde, galt es, ihre Deutschkenntnisse zu festigen. Denn bei ihr zu Hause wird kein Deutsch gesprochen. Und so hatte sie große Sprachprobleme. Mittlerweile haben sich diese in Luft aufgelöst.

"Besser als bei vielen Profis"

Weniger die Sprache als die Rolle waren für Berrin und Siyar aus der Türkei das Problem. „Ich spiele die Verräterin, dabei bin ich vom Charakter her überhaupt nicht böse veranlagt“, fasst Berrin ihre Erfahrung zusammen. Und der 14-jährige Siyar, der sich selbst als einen lustigen und freundlichen Menschen beschreibt, musste sich im Film prügeln. „Das war schon schwer, mich in einen solchen Typen hineinzuversetzen“, gesteht er.

Stoll ist stolz auf seine Jungdarsteller. „Sie spielen so täuschend echt, dass man gar nicht mehr die Jugendlichen in ihren Rollen wahrnimmt, sondern als wahr betrachtet. In der Theatersprache nennt man das 'method acting'.“ Ihre Disziplin sei unglaublich gewesen. „Besser als bei vielen Profis“, lobt der Regisseur.

Der Mann hinter der Kamera war Jan, Syrer und ebenfalls ein Flüchtling. „Als Torsten hörte, dass ich Kameraerfahrung habe, war ich 'engagiert'.“ „Ich habe wirklich noch niemanden gesehen, der alles so pedantisch genau sieht“, schwärmt Stoll noch im Nachhinein von Jans Fähigkeiten. „Ihm entging nichts, er hat so ein gutes Auge. In allen Jugendlichen, vor und hinter der Kamera, schlummern unglaubliche Potenziale.“

Aufruf zu Toleranz und Verständnis für Menschen in Not

Was der Regisseur selber durch die Filmarbeit und den Umgang mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Nationen lernen musste, war Kultursensibilität. „Eine Szene beginnt damit, wie das Ehepaar frühmorgens in ihren Betten aufwacht. Diese Szene mussten wir neu drehen, denn wir durften beide Jugendlichen nicht zusammen in einem Bett zeigen. Das hätte einen Verstoß gegen die guten Sitten bedeutet.“

„Zuhause in Globalien“ ist ein Aufruf zu Toleranz und Verständnis für Menschen in Not. Zu sehen ist der Film demnächst im Hanauer Kino Kinopolis.

"Zuhause in Globalien"

Termin: 4. September

Uhrzeit:15.30 Uhr (Beginn)

Ort: Kinopolis Hanau

Ticket:Anmeldung wird erbeten unter buero@ buergerverein-erlensee.de oder telefonisch unter 0 61 83/78 80 35

Das könnte Sie auch interessieren