Kontraste: Alt- und Neubauten treffen an diesem Kreisel auf dem Fliegerhorst-Gelände noch aufeinander. Rechts moderne Logistikgebäude, links historische Kasernen. Foto: Rainer Habermann

Erlensee

Fliegerhorst im Wandel: Von der Nazi-Kaserne zum Gewerbepark

Erlensee. Die diesjährigen, 17. „Tage der Industriekultur“ der Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main stehen unter dem Motto „Baukultur“. Exemplarisch für das Thema steht ganz sicher der Fliegerhorst im Erlenseer Stadtteil Langendiebach, der sich von einer Nazi-Kaserne zu einem Gewerbepark entwickelt hat.

von Rainer Habermann

In der Nazizeit ein Kasernengelände und Flugplatz, übernahmen die Alliierten nach der Kapitulation des Deutschen Reichs 1945 den Fliegerhorst; nicht ohne ihn zuvor bombardiert zu haben. Was auch die spätere Konversion nicht ganz unproblematisch machte, da einige Blindgänger vom Kampfmittelräumdienst des Bundes ausgemacht werden mussten, im Rahmen der Altlastenbeseitigung und Erschließung ab etwa 2013.

Die Amerikaner hatten den gut erhaltenen Fliegerhorst zu einem Bollwerk gegen das „Fulda Gap“ im Kalten Krieg ausgebaut, mit allem, was dazu gehörte: biologische und chemische Kampfstoffe, auch Atomsprengköpfe für Mittelstreckenraketen, die in Bunkern gelagert wurden. Doch das weiß die deutsche Öffentlichkeit definitiv erst seit vergleichsweise wenigen Jahren.

Zweckverband der beiden Kommunen

Nach dem endgültigen Abzug der US-Truppen im Jahr 2007 gründete sich ein Zweckverband der Kommunen Bruchköbel und Erlensee. Er übernahm 2013 die Konversion der riesigen, damals der Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) gehörenden und über 260 Hektar messenden Gesamtfläche mit allen Gebäuden. Der Zweckverband entwickelte das Areal sukzessive zu einem Gewerbepark auf rund 90 Hektar, welcher heute maßgeblich von Logistikbetrieben belegt ist.

Über diese Entwicklung vom 1. März 1936, als der Grundstein für den Fliegerhorst gelegt wurde, bis heute, wo riesige neue Gebäudekomplexe neben den erhaltenswürdigen, historischen und denkmalgeschützten Bauten entstanden sind, informierte in einer rund dreistündigen Begehung die Historikerin Dr. Eveline Grönke. Die Führung fand am vergangenen Sonntag statt, in Begleitung des Erlenseer Bürgermeisters Stefan Erb. Die Resonanz auf die städtische Veranstaltung im Rahmen der Industriekulturtage war so riesig, dass sie am kommenden Sonntag, 11. August, ab 11 Uhr noch einmal wiederholt wird.

Doch auch sie war, wie die vorige, bereits am ersten Tag nach Veröffentlichung restlos ausverkauft, wie Erb erklärte. Weitere Interessenten dürfen aber darauf hoffen, dass Grönke die Führung zu einem späteren Zeitpunkt außerhalb der Industriekultur-Reihe erneut anbieten wird.

Original steht neben Neubau

„Der Fliegerhorst: ein Fundus der Geschichte mit unterschiedlichsten Überschriften“, meint Erb zu Beginn der Tour an einem noch fast im Originalzustand verbliebenen Helikopter- und Flugzeuge-Hangar, den die Firma Böhrer mitsamt Gelände gekauft hat und nun für ihre Baumaschinen nutzt. Doch gleich nebenan steht heute das hochmoderne Logistik-Lager von DS Smith Packaging, ein Neubau, der sowohl den Hangar als auch den etwas weiter benachbarten, ehemaligen Tower und Flugkontrollzentrum in Ausmaß und Höhe deutlich überragt.

Dieser Wechsel von Geschichte nach Moderne in der Industrie- und natürlich auch Militär-Architektur – ist vielleicht nirgendwo besser zu sehen als hier. Eine Außenbesichtigung des Tower-Gebäudes, ein Rundgang zur Fliegerhorst-Kapelle, zum Funkturm neben dem ehemaligen Offizierskasino, und eine allgemeine Begehung schließt sich an – wobei die Gebäude selbst von innen derzeit nicht zu besichtigen sind.

Allerdings hat Grönke eine schiere Masse an äußerst detaillierten Informationen parat, mit denen sie ihre Gäste versorgt. Dabei stellt sie die Architektur und auch die sozialen Komponenten dieser Bauten in einen allgemeinen Rahmen. „Ich glorifiziere keinerlei historische Ereignisse“, sagt die Historikerin aus Hofheim (Taunus), die als Archäologin an der Goethe-Universität Frankfurt promoviert hat. Eine kleine Anekdote mag anschaulich sein für die soziale Komponente: „Die Fliegerhorstgeschichte ist unsere Geschichte“, adressiert Grönke ihre rund 50 Gäste. „Hier haben Großväter gearbeitet, Väter gearbeitet, die Mütter gearbeitet, ich war als Kind beim Kennedy-Besuch, und so weiter.“

Ein Zeitzeuge erinnert sich

Am 1. März 1936 sei hier von den Nazis mit dem Bau begonnen worden. Heinrich Ruth, ein Zeitzeuge und kürzlich verstorben, erinnerte sich laut Grönke, dass sein Vater genau an diesem Tag mit dem Wagen und den Pferden seines Hofs Drainagerohre hier hinaus liefern musste. Drainage deshalb, weil das alles früher Sumpfgebiet war. „Und unter strengster Geheimhaltung: Nichts davon sollte an die Öffentlichkeit dringen.

Wohl mit einigermaßen Erfolg: Die Historikerin hat auch HANAUER-ANZEIGER-Ausgaben „von 1912 bis 1955 Tag für Tag durchforstet. Sie finden Anfang der 1930er Jahre nichts über den Fliegerhorst. Erst am 8. Oktober 1938 steht ein Busfahrplan auf einer ganzen Seite. Darauf sind stündliche Busverbindungen vom Hanauer Hauptbahnhof bis zum „Fliegerhorst“ ausgedruckt: von 6 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts. Die Fahrt hat jeweils zwölf Minuten gedauert: Herr Bürgermeister, das schaffen Sie heute nicht“, kommentiert Grönke augenzwinkernd.

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