"Kein Freispruch erster Klasse": Das Hanauer Schöffengericht hat nach sechs Verhandlungstagen ein Urteil verkündet. Archivfoto: HA

Erlensee

Erlensee-Prozess: Brillanten Plädoyers folgt Freispruch

Erlensee/Hanau. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Fast 2000 Jahre ist diese Erkenntnis alt. Und immer noch aktuell.

Von Thorsten BeckerDenn das Schöffengericht Hanau hat sich bei seinem jüngsten Urteil davon leiten lassen. „Es sind zu viele Zweifel geblieben“, sagt Amtsrichterin Laura Rüter in der Urteilsbegründung: Sie und die beiden Schöffinnen haben den Mann, der wegen zweifacher Vergewaltigung seiner ehemaligen Geliebten in Erlensee angeklagt war, „auf Kosten der Staatskasse“ freigesprochen.

Schöffengericht hat Zweifel an Vergewaltigungen in Erlensee

Es geht um die Frage, ob es in der Neujahrsnacht 2017 und im nachfolgenden Juni einvernehmlichen Sex zwischen beiden gegeben hat – oder gegen den Willen der Frau. Beide Seiten bieten alles auf: Freundinnen des vermeintlichen Opfers sagen aus, die betrogene Ehefrau habe ihrem abtrünnigen Ehemann offenbar die einjährige Sex-Affäre verziehen und gebe ihm ein umfassendes Alibi.

Es ist ein bemerkenswerter Prozess, der erneut zeigt, wie wichtig die Justiz ist. Am Anfang stand Aussage gegen Aussage. Die drei Frauen auf der Richterbank haben diesen Fall sehr sorgfältig, bis ins kleinste Detail untersucht – sechs Verhandlungstage sind ungewöhnlich für das Schöffengericht. Am Ende bleibt es dabei: Aussage steht gegen Aussage. „Schwieriger kann es nicht sein“, sagt Amtsrichterin Rüter.

Und so sitzen an diesem letzten Verhandlungstag vor der Richterbank ein Mann auf der Anklagebank, eine Frau als Nebenklägerin. Und zwei Männer in schwarzen Roben, die Arme verschränkt oder gestikulierend, stehen sich nacheinander gegenüber.

Brillante Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung

Staatsanwalt Joachim Böhn sieht nach der umfangreichen Beweisaufnahme eine der zwei angeklagten Vergewaltigungen als erwiesen an und fordert eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Die „delikaten“ Details würdigt er in einem brillanten Plädoyer, sieht beim Opfer „keinen übertriebenen Belastungseifer“ und wirft dem Angeklagten vor, „bewusst und willentlich den Widerstand der zierlichen Frau gebrochen zu haben“.

Genauso brillant plädiert Verteidiger Gordian Hablizel. „Die Nebenklägerin hat ein ausgeprägtes Gefühl für Rache“, sagt er und wirft der Hauptbelastungszeugin „massive Falschaussagen“ vor. Erst als diese erkannt habe, dass die Ehe ihres Lovers wieder intakt ist und sie als Geliebte außen vor bleibe, habe sie sich zur Anzeige entschlossen. „Es gibt keine objektiven Beweise – daher ist mein Mandant freizusprechen“, fordert Hablizel.

Rechtsanwalt Peter Oberländer, der die Nebenklage vertritt, fasst alles zusammen: „Es gibt kein 'bisschen Vergewaltigung' – ‧ entweder, oder.“ Der Familienvater selbst gesteht in seinem letzten Wort ein: „Ich habe Fehler gemacht.“ Doch das bezieht sich auf die Affäre mit der ehemaligen Arbeitskollegin.

Kein Freispruch erster Klasse

Am Ende sehen Amtsrichterin Rüter und die beiden Schöffinnen „erhebliche Zweifel.“ Vor allem an den Aussagen der Frau, die tränenreich berichtet hatte, nach der ersten Tat vor dem Angeklagten Angst gehabt zu haben. „Doch danach treffen sich beide zu gemeinsamen Unternehmungen, gehen zusammen in die Therme – das passt einfach nicht.

Das lässt den Verdacht aufkommen, dass Enttäuschung eine Rolle gespielt haben könnte“, so Rüter, die keinerlei Zweifel an der Sexaffäre hat. Dass es dabei einvernehmlich „etwas rauer“ zugegangen sei, habe die Hauptbelastungszeugin jedoch verschwiegen. Mehr noch auf die Fragen des Gericht habe sie „eindeutig gelogen.“

Allerdings, so schränkt Rüter ein, sei das Gericht davon überzeugt, dass an beiden Tagen „er bei ihr war“. „Aber glauben alleine reicht nicht für eine Verurteilung aus“, betont die Amtsrichterin und schränkt ein: „Das ist kein Freispruch erster Klasse.“

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