Es geht nächste Woche weiter: Im Prozess um die in den Irak vertickten Lkw werden die sechs anberaumten Termine vor Gericht wohl ausgereizt werden, wie es den Anschein hat. Foto: Rainer Habermann

Hanau/Erlensee

Lkw im Ausland "vertickt": Angeklagter zeigt sich geständig

Hanau/Erlensee. Seit Dienstag muss sich vor der 1. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück ein heute 51-Jähriger mit türkischen Wurzeln wegen Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug verantworten.

Von Rainer Habermann

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, als angestellter Geschäftsführer einer Transportgesellschaft, der MAP Logistics GmbH in Erlensee, mehrere Dutzend nagelneuer, geleaster Lastkraftwagen und Anhänger im Wert von insgesamt rund 7,1 Millionen Euro ins Ausland verschoben und dort „vertickt“ zu haben; maßgeblich im Irak.

Die Mehrzahl der Lkw wurden in Italien, Belgien, der Türkei, den Niederlanden und anderen Ländern sichergestellt. Doch einige der Fahrzeuge, deren Wert sich auf immerhin 1,4 Millionen Euro beläuft, konnten von den Strafverfolgungsbehörden oder den Leasinggesellschaften, die jeweils bezüglich der Leasingraten leer ausgingen, nicht mehr aufgefunden werden. Diese Laster, Anhänger und Kühltransporter seien „im Irak verloren gegangen“, wie Oberstaatsanwältin Sandra Dittmann und Staatsanwalt Martin Links als Vertreter der Anklage sich salopp ausdrückten.

Gewerbsmäßiger Betrug

Das Ganze war als gewerbsmäßiger Betrug angeklagt, die Masche immer die gleiche: Lkw und Hänger mieten oder leasen, dann die Leasingraten nicht zahlen und stattdessen die Objekte „mit der Absicht der Gewinnerzielung im Ausland veräußern“, so Dittmann. Das Prinzip funktionierte ab dem Frühjahr 2016 für gut einen Monat, die Firma schien anfänglich eine hohe Bonität besitzen.

Aber dies alles wird sich wohl erst im Laufe der Beweisaufnahme ergeben, in welcher der Angeklagte Haci Osman A. laut seinem Pflichtverteidiger Rechtsanwalt Adnan Menderes Erdal „umfassend und ohne jede Einschränkung, ohne jedes Wenn und Aber“, aussagen wolle. Was die Kammer veranlasste, gemeinsam mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung ein Gespräch anzuregen über die Möglichkeit einer „verfahrensverändernden Absprache“; auf gut Deutsch: einem „Deal“.

Dolmetscher hilft aus

Ein derartiges Vorgehen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist – gerade in Wirtschaftsstrafprozessen – nicht ungewöhnlich. Denn insgesamt sieben Anklagepunkte mit Dutzenden von Einzelsachverhalten, die sich häufig ähneln oder gleichen, durchzuverhandeln ist kein ganz leichtes Unterfangen bei sieben Geschädigten. Eine Verständigung erfolgte letzten Endes nicht, also werden wohl die bisher angesetzten sechs Prozesstermine ausgereizt werden.

Wie das abläuft, zeigte sich bereits am Dienstagnachmittag: zäh. Denn der Angeklagte im Verfahren, der ehemalige Geschäftsführer Haci Osman A., den man aber wohl unumwunden als „Strohmann“ bezeichnen kann, ist zwar sehr kooperationsbereit, wie es den Anschein hat. Doch wie sich auch herausstellt: Er scheint kein oder kaum Deutsch zu sprechen. So muss Dolmetscher Özkan Kamil all seine Kunst aufbieten, die Aussagen A.s auf der einen Seite, die gezielten Fragen des Richters und der Staatsanwälte zu übersetzen. Haci Osmans Verteidiger hat eigentlich „Sendepause“; er ist kaum gefragt.

Typischer Strohmann?

So entwickelt sich der Nachmittag zu einem Frage- und Antwort-Spiel der besonderen Art. Denn schnell entsteht im Saal der Eindruck, dass der Angeklagte, der nach einem rechtlichen Hinweis Dr. Graßmücks „bei geständigen Einlassungen mit einem Strafrahmen von drei Jahren und sechs Monaten bis zu fünf Jahren“ rechnen muss, ein eher „kleines Licht“ ist.

Abgesahnt haben wohl andere; aber das ist kein Entschuldigungsgrund, wenn man als Geschäftsführer derartigen Praktiken duldet. Nach seinen eigenen Angaben war er auch etliche Jahre in psychologischer Behandlung; andererseits mindestens vier Mal bei einem Notar, um zwei GmbH ins Leben zu rufen. Obwohl er nach eigenen Angaben jetzt im Prozess kaum Deutsch versteht; ein „typischer Strohmann“?

Der Prozess wird am Dienstag, den 25. Juni um 9 Uhr im Saal A215 des Landgerichts fortgesetzt.

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