So sah die Hansa-Bühne kurz vor ihrem Abriss zu Beginn dieses Jahres in Langendiebach aus. Foto: Weber

Erlensee

Abriss Hansa-Bühne: Abschied von den "heiligen Brettern"

Erlensee. In Langendiebach wurde jetzt ein Kapitel heimischer Kulturgeschichte für immer beendet. Die Hansa-Bühne ist abgerissen worden. An der Stelle soll nun ein Rewe-Markt gebaut werden. Achim Dürr, freier Journalist und ein in der Region bekannter Musiker, denkt mit Wehmut an die Gigs in Langendiebach zurück.

Ja, ich gebe es zu! Der Anblick der Fotos vom Abriss der Hansa-Bühne hat mich tief berührt. Nicht nur, weil ich traurig war, sondern auch wegen der vielen Erinnerungen an den damaligen Kultschuppen im Erlenseer Ortsteil Langendiebach. Mensch, waren das irre Zeiten, damals Anfang der 80er. „Weißt du noch, da sind wir erst zum Spanier, dann ins UFA-Café in der Mühlstraße, danach in die Hansa-Bühne und zum Schluss nochmal in den Jazzkeller“, erinnert sich auch mein ehemaliger Chef Stefan Scondo, als ich noch bei dessen Hoochie Coochie Blues Band trommelte.

Stimmt, denke ich, man hätte damals eine Buslinie mit nur diesen vier Haltestellen einrichten sollen. Die Hansa-Bühne war damals das, was heute der Colos-Saal in Aschaffenburg oder die Batschkapp in Frankfurt sind. Nur, dass die „Hansa“ auch Filme zeigte und Kleinkunst bot. Von den legendären Sessions ganz zu schweigen. Da haben Leute Musik gemacht, die sich gerade erst kennengelernt hatten. „Da war eine Session noch eine Session und nix war abgesprochen, so wie heutzutage“, pflichtet Blues-Kumpel Scondo bei.

Die heißesten Live-ActsMehr so im Verborgenem, hin und wieder auch in Hanaus legendärer Milchbar am Freiheitsplatz, hatten Roland Suttner, Kumpel Günter Gottlieb und Konsorten ihren Ideen beim ein oder anderen Gläschen freien Lauf gelassen. „Man kann schon sagen, dass dort die Hansa-Bühne geboren wurde. Dass es dann so ein Hammer wurde, konnten wir da natürlich noch nicht wissen“, erinnert sich Gottlieb, der seinerzeit gleichzeitig das Programmheft „Tempo“ auf den Weg gebracht hatte.

Ich weiß noch, was das für ein Run auf die Eröffnungskonzerte im September 1981 war. Das Kölner Schwergewicht „Zeltinger“ rockte die Bühne am Freitag, am Tag drauf waren die Jungs von Hoochie Coochie zusammen mit Blueslegende Robert Parker (noch ohne mich) am Start. Suttner hatte ein Händchen im Umgang mit Bands und Veranstaltern, brachte es fertig, uns die damals heißesten Live-Acts zu servieren. Mein lieber Herr Gesangsverein, was habe ich da nicht alles zum ersten Mal gehört und vor allem gesehen. Die DDR-Rocker Karat, Terence Trent D’Darby mit The Touch, Theaterrock von Grobschnitt, ein gruseliges Konzert von den Einstürzenden Neubauten, die „Life is Life“ grölenden Jungs von Opus und sogar Country Joe MacDonald. Der hatte 1969 schon in Woodstock seinen Kulthit „I think I’m fixin to die Rag“ geträllert.

Nena und SuttnerDass ich den heute selbst manchmal zum Besten gebe, macht meine Augen auch nicht trockener. Auch die Besten der Neuen Deutschen Welle gaben sich im beschaulichen Langendiebach die Klinke in die Hand. Da waren Morgenrot mit ihrem „Frank liegt krank im Schrank“. Jene Zeilen, die sich zur fortgeschrittenen Stunde immer Frank Brummwinkel, seinerzeit Wirt im Jazzkeller, anhören musste, wenn er wieder einmal schon um drei Uhr nachts zusperren wollte.

Fräulein Menke, Vera K., Extrabreit und, man glaubt es kaum, auch Nena (1982) jagten ihre deutschen Songs von der Bühne. Noch im selben Jahr erschien dann ihr Hit „Nur geträumt“, der Rest ist bekannt. Beinahe wäre auch Tina Turner nach ihrer Trennung von Ehemann Ike und zu Beginn ihres Comebacks in Erlensee aufgetreten, doch war Suttner angesichts der Gage von 30 000 D-Mark zunächst zögerlich, willigte dann aber doch ein. Leider zu spät – ein Konkurrent aus Bad Homburg war schneller.

Tolle AkustikDoch bot der umtriebige Hansa-Macher auch den Künstlern aus der Region stets eine Plattform, half bei manchem Neustart kräftig mit. Die Schönecker Theaterrockformation Feinbein spielte ebenso vor voller Hütte, wie die Straßenjungs, Flatsch oder die Rodgau Monotones. Auch ich selbst durfte auf die für uns fast schon heiligen Bretter, feierte die Schallplatten-Präsentation mit Rocktober.

„Die Hansa-Bühne war der einzige Laden, der an einen typischen amerikanischen Musikclub erinnerte. Der Veranstaltungsort hatte zudem eine tolle Akustik. Dort habe ich einige Bands gesehen, die mich umgehauen haben wie zum Beispiel Supercharge“, blickt auch Ali Neander von den Rodgaus gerne zurück. Mit seinen in Plüsch gehaltenen Sitzecken hatte der, von der Bühne aus nach hinten zur über allem thronenden Theke verlaufende, Saal für mich zwar eher den Hauch eines übergroßen Striplokals, um nicht Puff zu sagen, aber egal. Gemütlich waren die kleinen Logen auf jeden Fall, was bei den Filmführungen von Gottlieb unter dem Motto „Filmriss“ natürlich Gold wert war.

Der Elan verpuffte allmählichIn der „Hansa“ habe ich zum ersten Mal mit rund 600 größtenteils stehenden wie angeduselt grölenden Leuten auf Leinwand die „Blues Brothers“ und die „Rocky Horror Picture Show“ gesehen. Auch die satirisch-herrliche Militärkomödie „M.A.S.H,“ wurde dort geradezu frenetisch gefeiert. „Da gab es nach einem Film doch tatsächlich manchmal sogar noch Applaus“, ergänzt mein Kumpel Klaus Hofacker (Feinbein).

Nach ersten furiosen Jahren verpuffte der Elan der Hansa-Crew ein wenig, was aber auch, wie fast immer, an den lieben Finanzen lag. Schließlich fand sich ein anderer Betreiber – mit wenig Erfolg. Suttner versuchte noch einmal, das Flair ins Steinheimer „Druckhaus“ hinüber zu retten, auch hier nur mit mäßigem Erfolg. Wenig später, es war im Jahr 1986, bereitete Roland Suttner selbst mit seinem Freitod der Ära Hansa-Bühne endgültig den Garaus. Da hat Stefan Scondo dann bei dessen Beerdigung gespielt. Und wir wussten, dass wir im selben Moment auch einen der geilsten Plätze, an denen man Musik machen konnte, mitbegraben. (ard)

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