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Alte Fotografien und die Geschichten aus der damaligen Zeit haben es Walter Demuth angetan. Der Bruchköbeler ist im Geschichtsverein engagiert und hat insbesondere seine Erinnerungen aus dem Krieg aufgeschrieben. Das Foto zeigt Kinder beim Spielen in Granattrichtern.

Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Granatensplitter als Spielzeug: Als Zehnjähriger hatte Walter Demuth einen anderen Blick auf Krieg und Bombenhagel

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Walter Demuth erlebte die Bombardierung Hanaus im Zweiten Weltkrieg von Bruchköbel aus. Als Zehnjähriger konnte er die Ausmaße noch nicht begreifen. Heute erinnert er sich.

„Wir haben damals gegenüber vom Bäcker Ohl gewohnt, Hauptstraße 47“, erinnert sich Walter Demuth beim Gespräch über das Frühjahr vor 75 Jahren. Bei Fliegeralarm ist er mit seiner Familie in den Hauskeller der gegenüberliegenden Gaststätte hinter dem Obertor gerannt. „Die hatten noch einen alten Gewölbekeller.“

Als Kind fasziniert von den hellen Phosphorfackeln

Auch in der Nacht zum 19. März 1945, als der Voralarm erklingt, weckt ihn seine Stiefmutter, rennt mit ihm auf die Straße. Da bleibt Walter Demuth wie angewurzelt stehen, schaut gebannt auf das Schauspiel am Himmel. „Es war taghell“, erinnert er sich. „Ich war so fasziniert davon, wie hell es war.“

Heute weiß er, dass das die Phosphorfackeln waren, mit denen die alliierten Flieger ihr Zielgebiet ausgeleuchtet haben. Der zehnjährige Walter ist erstarrt und schaut einfach nur mit offenem Mund in den hellen Nachthimmel. „Meine Stiefmutter hat sehr geschimpft, dass ich mich nicht beeilt habe“, weiß er noch heute. Auch im Keller hören die ängstlichen Menschen den Beschuss und die Bomben in der Ferne.

Verwirrte Menschen irren durch Bruchköbeler Wald

Als sie wieder raus dürfen, rennt Walter Demuth mit seinen Freunden los, um Granatensplitter zu suchen. „Die haben wir immer gesucht und getauscht. Je zerrissener die waren, desto begehrter waren sie bei uns Kindern.“ Ganz besondere Exemplare hatten noch Spuren von gelber Farbe, Reste der militärischen Beschriftungen.

Er sieht im Bruchköbeler Wald verwirrte Menschen auf der Flucht raus aus dem zerbombten Hanau. „Sie waren nur halb angezogen, hatten einige Habseligkeiten dabei.“ Hanau sei „ausradiert“, hört er allenthalben. Sein Stiefgroßvater ist Bauer, der wird – wie so viele Landwirte – auch dienstverpflichtet, mit seinem Pferdegespann nach Hanau zu kommen. „Mein Opa ist über Schleichwege nach Kesselstadt gefahren. Dort war ein Sammelpunkt, wo er Überlebende aufnehmen sollte.“

Flüchtlinge aus Hanau werden in Turnhalle untergebracht

In Bruchköbel werden die Flüchtlinge unter anderem in der damaligen Schule Süd (heute Haingartenschule) in der Turnhalle untergebracht. Und der Gemeindesaal der evangelischen Jakobus-Gemeinde an der Hauptstraße wird zum Notlazarett. „Der Ort war regelrecht voll mit Menschen, Ausgebombte und Flüchtlinge aus dem Osten.“ Unter den Flüchtlingen sind vor allem Frauen und viele Kinder, alte Menschen mit Rucksäcken. „Die wollten so weit es ging in den Westen gelangen.“

Ganz besonders erinnert sich der heute 86-Jährige an die gemeinsamen Abendmahlzeiten. „Jeden Abend saßen andere fremde Leute an unserem Tisch.“ Sein Stiefgroßvater Heinrich Heck ist im Ort bekannt als der Fromme Heck, er ist ein kleiner Kuhbauer und lebt seinem Enkelsohn Nächstenliebe vor. Auch wenn es jeden Abend nur geröstete Kartoffeln mit Schmalz und Hausmacherwurst gibt – jeder Gast ist dem Frommen Heck willkommen.

Bruchköbel wird wenige Tage später Ziel der Angriffe

Nach und nach verteilen sich die vielen Menschen, einige ziehen weiter, andere werden in Bruchköbel sesshaft. Für den zehnjährigen Walter ist der Krieg eher spannend denn erschreckend. Die Ereignisse überschlagen sich jeden Tag. Am 25. März erlebt Bruchköbel einen Angriff amerikanischer Jagdflieger. Die hatten es auf eine deutsche Flak am Bahnhof abgesehen. „Es war die Hölle los, es hat gekracht und gestaubt.“

Bei dem Bordwaffenbeschuss bleibt im Ort kein Dach mehr ganz. Die Besucher einer Konfirmation überleben in der Kirche, weil ein Gast so geistesgegenwärtig ist, das Gotteshaus abzuschließen, damit die Menschen nicht wild nach Hause rennen. Ununterbrochen fliegen englische Piper-Flugzeuge am Himmel. „Die Sirenen standen nicht mehr still, wir durften uns nicht weit vom Schutzkeller aufhalten.“ Bauer Heck darf gerade noch die Tiere füttern und die Landwirtschaft am Laufen halten.

Improvisierte Panzersperre soll Alliierte aufhalten

In den folgenden Tagen erlebt Walter Demuth, wie die letzten deutschen Soldaten Richtung Langendiebach durch Bruchköbel ziehen. „Alle Waffengattungen, auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.“ Ebenso der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Hauptlehrer Bethge, flieht vor den nahenden alliierten Truppen. Um diese bei ihrem Vormarsch aufzuhalten, wird am Viadukt mit Eichenstämmen, die in den Boden eingraben werden, eilig eine Panzersperre errichtet. 

m 27. März 1945 ziehen die letzten Wehrmachtssoldaten mit einem Schützenpanzer durch den Ort. Weil sie keinen Treibstoff mehr haben, lassen sie den Panzer am Adolf-Hitler-Platz (heute Freier Platz) stehen und gehen zu Fuß zum Stützpunkt Langendiebach.

Ende März marschieren die Amerikaner in Bruchköbel ein

Die nächste Aufregung folgt am 28. März 1945: An diesem Tag marschieren die amerikanischen Soldaten in Bruchköbel ein. „Der Artilleriebeschuss ist in den Tagen zuvor immer näher gekommen.“ Wieder muss Walter Demuth mit seiner Familie in den Keller flüchten. „Auf einmal war alles ganz still draußen, wir sind raus gelaufen und haben uns vor die Tür gestellt.“

Viele Leute stehen auf der Hauptstraße. „Und da sind sie um die Ecke gekommen.“ Demuth erinnert sich an die jungen amerikanischen Soldaten, vollmotorisiert. Das erste Fahrzeug ist ein Jeep mit einem Maschinengewehr darauf. „Links und rechts saßen Soldaten auf der Kühlerhaube.“ Sie machen Halt vor dem evangelischen Gemeindesaal. Aus der gegenüberliegenden Gastwirtschaft „Zum Schwan“ läuft das Kätchen Baumann heraus. „Die hat mit den Soldaten Englisch gesprochen.“

Von Bruchköbel aus schießen die Amerikaner auf Rückingen

Die Amerikaner fahren weiter auf der Hauptstraße bis zur Waldseestraße. „Dort am Kuhweg war der Ort damals zu Ende.“ Hinter dem alten Friedhof bauen die Amerikaner ein großes Artilleriegeschütz auf. „Das waren riesen Kanonen“, weiß Demuth noch heute. Mit einem Schaufelpanzer heben die alliierten Truppen in Windeseile Erdbarrieren aus. „Und dann haben sie den Kirchturm von Rückingen beschossen.“ Dort versteckte sich noch ein Beobachtungsstützpunkt der Wehrmacht.

Die Amerikaner errichten eine Militärkommandatur. „Es galt Kriegsrecht. Wir mussten alle Waffen und Fotoapparate im Rathaus abgeben“. Das galt überall und darum gibt es aus dieser Zeit so wenige private Fotografien. Geblieben sind die Erinnerungen der Menschen. Walter Demuth, der heute im Bruchköbeler Geschichtsverein aktiv ist, hat seine auf vielen Seiten aufgeschrieben. Noch viele, viele weitere Geschichten hat er bewahrt, mit Hilfe damaliger Freunde, mit denen er sich als Erwachsener immer wieder zusammen erinnert hat.

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