„Roland, gib noch einen“: Diesen Satz wird man von nun an in Roßdorf nicht mehr hören. Wirt Roland Draudt (rechts) hat sein Lokal jetzt für immer geschlossen. Foto: Holger Weber

Bruchköbel

Wirt hat den Zapfhahn in der "Backstubb" für immer zugedreht

Bruchköbel. In Roßdorf war die „Alte Backstubb“ nicht nur wegen ihrer geografischen Lage ein zentraler Punkt. Die Kneipe war auch für die Dorfgemeinschaft ein wichtiger Ort, an dem man sich abends zum Bier traf oder zum Essen. Am Mittwochabend hat Wirt Roland Draudt nun die letzte Runde gegeben und den Zapfhahn zugedreht.

Von Holger Weber Dass er sein uriges Lokal schließen werde, hatte Draudt seinen Gästen immer mal wieder angekündigt. Dass es jetzt so schnell ging, sei für alle dann aber doch überraschend gewesen, bedauert Reinhard Sommerfeld. Der Vorsitzende des Roßdorfer Vogelschutzvereins gehört zu den vielen Stammgästen, die gekommen sind, um an der Theke ein letztes Bier zu nehmen. Draudt muss am letzten Abend manch bissigen Kommentar von seinen Gästen erdulden, erträgt das Ganze aber mit großer Gelassenheit. Weiß er doch, dass viele nachvollziehen können, warum er die Kneipe aufgibt. „Roland lächel doch mal wieder“.

Es war dieser Kommentar eines Stammgastes, der vor einigen Wochen den entscheidenden Impuls zum Aufhören gegeben habe, berichtet er. „Da habe ich gemerkt, dass es nicht mehr geht. Ich fühlte mich einfach ausgebrannt und erschöpft.“ Zudem schmerzten wieder der Fuß und die Hüften. Das ständige Stehen hinter der Theke hat auch körperlich Spuren hinterlassen.

„Es war eine schöne Zeit“

Vermissen werde er am meisten seine Gäste, sagt der Wirt. Man sei einfach eine große Gemeinschaft gewesen. Viele von denen, die an seiner Theke saßen, sind auch gleichzeitig seine Freunde geworden. Der 62-Jährige kennt alle ihre Geschichten, hat sie viele Male gehört. Es habe in den 25 Jahren nie Probleme gegeben, keine Schlägereien, und auch sonst keine Auseinandersetzungen. „Es war eine schöne Zeit“, resümiert er.

In der Backstubb wurden auch noch alte dörfliche Traditionen gepflegt. Zum Beispiel gab es einen Sparverein, dem 70 Mitglieder angehörten, die wöchentlich mindestens fünf Euro auf die Seite legen mussten. Einmal im Jahr gab es ein sogenanntes Sparfest, an dem dann die Ausschüttung stattfand. „In den besten Zeiten wurden da an einem Tag 80 000 Euro ausbezahlt“, sagt der Wirt und fügt schmunzelnd hinzu: „Gut, dass das kaum ein Außenstehender wusste.“

Geschäft lief zum Schluss nicht mehr so wie zu Beginn

Draudt hat sein ganzes bisheriges Arbeitsleben an diesem Ort verbracht. Zunächst in der Backstube der Bäckerei, die er mit seinem Vater Friedel in der dritten Generation betrieb. Als der Senior jedoch in Rente ging und Draudt auf dem Arbeitsmarkt keinen adäquaten Ersatz fand, fiel der Entschluss, die Backstube zu einem Lokal auszubauen. In dem hat im Übrigen auch bis fast zum Schluss seine Mutter Irene mitgeholfen. Beliebt war bei ihren Gästen vor allem ihr Krautsalat, den sie tagtäglich noch mit der Hand zubereitet hat. Es gab einige Gäste, die zum eigentlichen Essen noch eine Extraportion hinzu bestellten.

Der Wirt verhehlt aber auch nicht, dass das Geschäft zum Schluss nicht mehr so lief wie in den Anfangsjahren, als an manchen Tagen eine dreistellige Zahl von Schnitzeln aus der Küche getragen wurden. Damals gab es in der Backstubb sonntags auch noch einen Mittagstisch. Zuletzt habe sich oftmals der hohe Personalaufwand kaum noch gelohnt, sagt er. Neben dem Wirt selbst waren auch immer eine Servicekraft und zwei Küchenhilfen im Einsatz.

Fast alles kommt weg

Weil es in der Gastronomie nicht mehr so laufe, habe er auch die Idee verworfen, das Lokal zu verpachten. „Wenn da jemand Miete zahlen muss, dann lohnt sich das gar nicht mehr“, sagt er. Nun will er die einstige Backstube ihrer dritten Bestimmung zuführen und zu einer Mietwohnung umbauen. Bis auf die persönlichen Dinge an den Wänden, wie die Schallplatten, die handsignierten Eintrittskarten von Konzerten und Fußballspielen, die der bekennende Eintracht-Fan besucht hat, kommt alles weg. Bereits am Tag nach dem letzten Ausschank hat er mit dem Ausräumen begonnen. Bevor vielleicht doch noch so etwas wie Wehmut bei ihm aufkommt.

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