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Bruchköbeler Schulen bereiten sich auf Flüchtlinge vor

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Von: Holger Weber-Stoppacher

Botschaften an den Fenstern: An der Heinrich-Böll-Schule hat man sich mit dem Thema Krieg bereits intensiv befasst.
Botschaften an den Fenstern: An der Heinrich-Böll-Schule hat man sich mit dem Thema Krieg bereits intensiv befasst. © Holger Weber

Bruchköbel – In den Fenstern der Schule hängen Plakate. Eines zeigt die Farben der Ukraine und Russlands. Überschrieben hat der unbekannte junge Maler sein Plakat mit dem Wort „Peace“, dem Wunsch nach Frieden. Schon seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine befassen sich Lehrer und Schüler der Integrierten Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bruchköbel mit dem Thema Krieg im Unterricht.

Man beteiligte sich zudem mit Spenden am Hilfskonvoi einer Bruchköbeler Spedition und hielt zum Gedenken an die Opfer in der Ukraine Schweigeminuten ab. In der kommenden Woche werden die Schüler jedoch direkt mit den Folgen des Krieges konfrontiert. Dann nämlich ziehen in die Sporthalle ihrer Schule rund 200 bis 250 Geflüchtete aus der Ukraine ein. Erwartet werden vor allem Mütter mit Kindern.

Derzeit werden in der Halle bereits Vorbereitungen getroffen. Der Sportunterricht der Böll-Schüler findet schon seit Anfang dieser Woche im benachbarten Rudolf-HarbigStadion statt, das von der Bruchköbeler Verwaltung bereits früher als üblich geöffnet worden ist.

Uneingeschränkte Willkommenskultur

An der Heinrich-Böll-Schule ist man das Miteinander mit Kindern, die einen Flüchtlingshintergrund haben, gewohnt. An der Einrichtung, die nur wenige Gehminuten vom Bruchköbeler Flüchtlingscamp an der Friedberger Landstraße entfernt liegt, gibt es zwei sogenannte Intensivklassen, in denen Schüler eine besondere, vor allem auf Sprache ausgerichtete Förderung erhalten. Doch die Ankunft der Flüchtlinge aus der Ukraine sieht Schulleiter Ernst Münz als eine besondere Herausforderung. „Schließlich werden die Kinder nicht nur hier beschult, sie leben auch hier. Das macht einen riesigen Unterschied“, sagt der Schulleiter und fügt hinzu: „Unser Ziel ist eine uneingeschränkte Willkommenskultur.“

Geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche sollen nach Angaben von Sonja Litzenberger, der Leiterin des Staatlichen Schulamtes im Main-Kinzig-Kreis, möglichst schnell integriert werden. Es gebe Vorlaufkurse in den Grundschulen für fünf- und sechsjährige Kinder, die im nächsten Schuljahr schulpflichtig würden sowie Intensivklassen an allgemeinbildenden Schulen (sechs bis 15 Jahre), oder Intensivklassen an beruflichen Schulen (über 16 Jahre). Im Bereich des Schulamtes seien bereits die ersten Kinder und Jugendliche aus der Ukraine den Schulen zugewiesen worden. In Bruchköbel ist dies bisher nach Auskunft der Schulleiter noch nicht der Fall. Doch damit ist spätestens ab der kommenden Woche mit der Belegung der Sporthalle zu rechnen.

Wie die Aufnahme an der Heinrich-Böll-Schule intern organisiert werden soll, könne man erst entscheiden, wenn klar sei, wie viele Kinder letztlich zu beschulen seien, sagt Schulleiter Münz. Vorher ergäben auch Detailplanungen keinen Sinn. Er sieht vor allem räumliche Probleme auf seine Einrichtung zukommen. Eigentlich sei die Kapazitätsgrenze bereits jetzt erreicht. „Bestenfalls bekommen wir noch eine zusätzliche Intensivklasse hin“, sagt er. Münz hat insgeheim die Hoffnung, dass unter den Geflüchteten auch Lehrer oder Lehrerinnen seien, die die Kinder unterrichten können. Für die Grundschüler wäre die Haingartenschule in der Kernstadt von Bruchköbel die erste Anlaufstelle. Zwar liegt die Roßdorfer Brückenschule nur fünf Gehminuten vom Schulzentrum und der Flüchtlingsunterkunft entfernt, doch verfügt die Haingarten-Schule über zwei Intensivklassen. Schulleiter Matthias Doebel berichtete gestern, dass es diesbezüglich am Montag Gespräche mit dem Schulamt geben werde. Möglicherweise werde an seiner Schule eine weitere Intensivklasse eingerichtet. Reicht dies nicht aus – in Intensivklassen dürfen in der Regel maximal 18 Schüler unterrichtet werden – müssten Kinder auf Schulen in Nachbarkommunen umgeleitet werden. Die Kosten dafür übernehme dann der Schulträger. Die zentrale Frage, die derzeit niemand beantworten könne, sei, wie lange die Schüler blieben. „Davon hängt auch ab, ob man integrative Maßnahmen mit der Beschulung verknüpft“, sagt Doebel.

Schulamtsleiterin Litzenberger zuversichtlich

Eine Prognose wagt in dieser Hinsicht auch Schulamtsleiterin Litzenberger nicht. Sie sieht die Schulen in ihrem Aufsichtsbereich jedoch gut vorbereitet. „Ich bin zuversichtlich, dass die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine bestmöglich integriert und gefördert werden.“ Hessens Schulsystem sei dank der etablierten Strukturen im Zuge der Flüchtlingswelle 2015/16 generell gut vorbereitet, glaubt sie. Landesweit gebe es das Angebot mit Intensivklassen zur Deutschförderung. Dass bei der Beschulung in Intensivklassen ihrer Meinung nach noch Luft nach oben ist, untermauert sie mit Vergleichszahlen: Ende Februar hätten rund 15 000 Schülerinnen und Schüler eine der 912 Intensivklassen in Hessen besucht. Das seien rund 13 w eniger als in den Jahren 2015 bis 2017, also auf dem Höhepunkt der großen Flüchtlings- und Zuwanderungswelle. Damals gab es 1400 Intensivklassen. Die guten Vorbereitungen zahlten sich nun aus, meint Litzenberger.

Aufgrund von Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen verfügten zahlreiche Lehrkräfte im Bereich des Staatlichen Schulamtes f über die Qualifikation „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ), die einen verstärkten Einsatz in Intensivklassen ermögliche. Einfach werde es dennoch nicht, so Litzenberger „Es ist nachvollziehbar, dass ein Anwachsen der Anzahl von Kindern mit Anspruch auf Beschulung die Schulen vor Herausforderungen stellen wird.“ Das Staatliche Schulamt werde aber im Zusammenwirken mit den Schulträgern, den Schulen und dem Hessischen Kultusministerium geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Beschulung von Geflüchteten zu ermöglichen, verspricht sie. Dazu gehöre auch die Vorbereitung der Räumlichkeiten und Ausstattung mit Mobiliar durch die Schulträger. (Von Holger Weber)

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