Suchtpräventionsbeauftragter Holger Groll berichtet vom Fall einer zwölfjährigen Schülerin der Heinrich-Böll-Schule in Bruchköbel, die beinahe Opfer von Cybergrooming geworden wäre. Foto: Jan Max Gepperth

Bruchköbel

So werden Minderjährige im Internet leicht zu Opfern

Bruchköbel. Eine zwölfjährige Schülerin lernt einen vermeintlich 16-jährigen Jungen im Internet kennen und beginnt mit ihm zu chatten. Bis hierhin scheint das nichts Besonderes zu sein. Doch die beiden kommen sich näher. Nach einiger Zeit verrät die Schülerin der neuen Bekanntschaft ihre Adresse.

Von Jan Max Gepperth

Als es eines Tages klingelt, ist die Schülerin entsetzt: Vor der Tür steht kein Jugendlicher, sondern ein Mann, der die 60 bereits überschritten hat. Die Polizei wird später herausfinden, dass es sich um einen Ex-Häftling handelte, der in Nordrhein-Westfalen bereits wegen Kindesmissbrauchs bekannt war. Was im ersten Moment wie eine Geschichte aus dem Vorabendprogramm der Privatsender klingt, hat sich an der Heinrich-Böll-Schule wirklich ereignet, wie Holger Groll berichtet. Groll ist Religionslehrer, Suchtpräventionsbeauftragter und Seelsorger an der Schule.

Belästigung durch Erwachsene

Bei dem Fall handelt es sich um sogenanntes Cybergrooming. Darunter versteht man die Belästigung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene im Internet. Dieses Grooming kann viele verschiedene Formen annehmen. Einer Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) zufolge haben 35 Prozent der Internetnutzer von zehn bis 18 Jahren bereits negative Erfahrungen gemacht. Drei Prozent geben sogar an, von Erwachsenen sexuell belästigt worden zu sein. Man vermutet jedoch, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist.

Wie es so weit kommt, ist an einem Beispiel leicht zu erklären. Ein zehnjähriger Junge spielt das Online-Spiel „Fort-nite“. Hierbei handelt es sich um ein Mehrspieler-Online-Spiel, bei dem mit Hilfe von Ingame-Währung neue Waffen gekauft werden können. Da der Junge jedoch noch nicht geschäftsfähig ist, kann er sich diese Ingame-Währung nicht mit echtem Geld kaufen.

Also schreibt er in den weltweiten Chat, dass er kein Geld hat, um sich diese Ausrüstung zu kaufen. Dieser Hilferuf wird von einer fremden Person gehört und aufgegriffen. Der Fremde bietet dem Jungen in einem privaten Chat Hilfe an und schickt ihm einen Link, mit dem (auf nicht ganz legalem Wege) diese Ingame-Währung generiert werden kann. Indem der Junge auf den Link klickt, ermöglicht er dem Fremden einen Zugriff auf seinen Computer.

Spionage durch den Täter

Nun hat der Täter die Möglichkeit, auf alle Informationen zuzugreifen und das Leben und die Rhythmen im Alltag des Jungen und seiner Familie auszuspionieren. Zeitgleich bleibt der Fremde mit dem Jungen in Kontakt und baut eine enge Vertrauensbeziehung zu ihm auf. Das Ganze gipfelt dann in dem Vorschlag, sich zu treffen, voraussichtlich zu einer Zeit, in der der Junge allein ist.

Ganz werden sich solche Situationen nach Ansicht des Datenschutzspezialisten Dolphi Untch nicht vermeiden lassen. Aber die Eltern könnten präventiv tätig werden. Wichtig sei eine von Vertrauen und Interesse geprägte Beziehung zu den Kindern. „Es reichen auch fünf Minuten am Tag, an denen sie ihrem Nachwuchs intensiv zuhören“, erklärt Untch. Wenn man den Kindern genug Aufmerksamkeit schenke, könne man so den Tätern zuvorkommen. Denn meistens seien es vernachlässigte oder sozial ausgeschlossene Kinder, die den Tätern zum Opfer fallen.

Kinder werden zur Zielscheibe

„Wichtig ist jedoch, dass man die Kinder nicht ausquetscht und die ganze Zeit kontrolliert“, gab der Datenschutzspezialist zu bedenken. Denn nur über die Vertrauensebene könne man solchen Ereignissen präventiv begegnen und so verhindern, dass die Schüler zu einer dankbaren Zielscheibe würden.

Ein anderes wichtiges Thema bei Kindern und Jugendlichen ist auch das sogenannte Cybermobbing. Dazu zählen Beleidigungen und Diffamierungen jeder Art. Um Personen lächerlich zu machen, werden Bilder verzerrt. Manche werden auch Opfer sogenannter Hassposts. Dabei werden Personen öffentlich erniedrigt. Auch eine Nachrichtenflut kann Cybermobbing sein.

„Früher gingen die Kinder und Jugendlichen nach der Schule nach Hause und hatten dann erst einmal ihre Ruhe“, erklärt Sandra Stürmer von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt – Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. „Heute geht die Belästigung zu Hause weiter, weil das Smartphone immer eingeschaltet ist.“ Auch Verbreitungen von falschen Behauptungen oder Diebstahl virtueller Identitäten ist hierbei ein großes Problem.

Vereinfachung des Mobbings

Oft wüssten die Kinder und Jugendlichen nicht, dass es sich bei diesen Taten um Straftatbestände wie Beleidigung, Nötigung, Bedrohung oder unbefugte Verbreitung von Bildern handele. Hinzu käme, dass das Internet das Mobbing an sich vereinfache. Durch die Anonymität und die Tatsache, dass man die Opfer und deren unmittelbare Reaktion nicht sehe, sinke die Hemmschwelle.

„Wenn man über den Schulhof ruft, dass jemand eine fette Kuh sei, dann sieht man, wie die Reaktion darauf ausfällt“, so Stürmer, „doch die Schüler können sich nicht vorstellen, dass die Dinge, die sie abends auf der Couch ins Smartphone tippen, jemanden verletzen könnten.“ Hinzu käme, dass das Publikum im Netz wesentlich größer sei als beispielsweise auf dem Schulhof und es sehr schwer sei, Dinge wieder aus dem Netz zu entfernen.

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