In diesem mobilen Hühnerstall zwischen Bruchköbel und Oberissigheim haben 322 Hühner und vier Hähne ein Zuhause gefunden. Lisa Schacht setzt am Birkenhof auf artgerechte Haltung und direkte Vermarktung. Foto: Privat

Bruchköbel

Vier Hähne unter 322 Hühnern: Mobiler Hühnerstall am Birkenhof

Bruchköbel. Wenn plötzlich über 300 Hühner einem um die Beine streichen hat das etwas ungemein Beruhigendes. Ihr Gurren ist sanft und leise, ihr Gang vorsichtig und tastend. Trotzdem sind sie neugierig und anhänglich. Und wenn einer der Hähne kräht, ist es wie ein Erwachen an einem Urlaubstag.

Von Monica Bielesch

Diese Szenerie erlebt Lisa Schacht, geborene Gersting, seit August täglich. Seitdem steht ihr mobiler Hühnerstall auf einer zwei Hektar großen Wiese am Hof ihrer Eltern an der Landwehr zwischen Bruchköbel und Oberissigheim. Und die Eier der 322 Hühner werden im neuen Regiomaten der Familie Spors an der Landwehr direkt an die Kunden gebracht.

Vorzugsmilchbetrieb hat sich nicht mehr rentiert

Auf dem Aussiedlerhof mit Blick auf Felder und mit vielen Tieren ist Lisa Schacht aufgewachsen, ihre Eltern Christa und Hartmut Gersting führen den Birkenhof in zweiter Generation. Bis noch vor vier Jahren war auf dem acht Hektar großen Gelände ein Vorzugsmilchbetrieb mit 100 Kühen. Weil es nicht mehr rentabel gewesen sei, hätten die Eltern diesen Betrieb eingestellt, erzählt Lisa Schacht. Die Familie betreibt nun einen Molkereihandel und beliefert Kindertagesstätten mit Milch und Molkereiprodukten.

Eigentlich hat die 29-Jährige Lisa Schacht Amerikanistik und Germanistik studiert und sogar ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht. „Aber mir fehlte unser Hof“, erzählt die junge Frau. Sie suchte nach einer Möglichkeit, sich hier eine Existenz aufzubauen, den Hof auch in der dritten Generation weiterführen zu können, und kam vor zwei Jahren durch Zufall auf einer Landwirtschaftsmesse mit einem mobilen Hühnerstall in Kontakt.

Nachhaltige und tierschonende Haltung

Diese Art der Hühnerhaltung gilt als besonders nachhaltig und tierschonend, weil die Hühner in einem mobilen Container leben, der versetzt werden kann. Dadurch haben die Tiere immer wieder frisches Weideland bei weitestgehend artgerechter Haltung. Auf dem Gelände finden die Hühner auch Büsche und Bäume. „Das lieben sie, weil Hühner ja eigentlich Dschungeltiere sind“, lacht die 29-Jährige.

Lisa Schacht ist mittlerweile eine Expertin in Sachen Hühner. Dafür hat sie mehrere Seminare beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Bad Hersfeld besucht. Ihr geht es in erster Linie um das Tierwohl und dementsprechend qualitativ gute Produkte. „Hühner machen 10 000 bis 15 000 Pickschläge pro Tag“, erzählt sie. Und dafür brauchen die Tiere frisches Gras und Fläche. „Verschlammte Flächen fördern die Parasitenbildung.“ Also nimmt sie in Kauf, das Hühnerhaus, das so groß wie ein Container ist, regelmäßig mit dem Traktor zu versetzen. Rund um den jeweiligen Standort steckt sie eine Weide so groß ab, dass jedes Huhn rechnerisch vier Quadratmeter Platz hat.

Mobiler Hühnerstall kostet 53 000 Euro

Vor dem Kauf des mobilen Hühnerstalls hat sie sich einige Modelle angeschaut und sich für eines entschieden, das sowohl dem Tierwohl als auch der Wirtschaftlichkeit entspricht. Kostenpunkt: 53 000 Euro. Beispielsweise seien ihr rechteckige Stangen aus Holz wichtig gewesen. „Diese Stangen, auf denen die Hühner sitzen sind sonst rund und aus Metall.“ Aber da die Tiere in der Natur auch auf Ästen oder ähnlichem sitzen, entspreche Holz mehr ihrem natürlichen Instinkt, so Lisa Schacht. Der Stall ist vollgepackt mit modernen Elektronik, von der Astro-Uhr, über Hydraulik und Solarmodule bis hin zur automatischen Fütterung.

Ihr Arbeitstag beginnt morgens. Die Hühner verbringen die Nacht geschützt im Stall. Um 10 Uhr öffnet sich automatisch unten am Hühnerhaus eine Klappe und die Tiere strömen nach draußen auf die frische Wiese. „Die Futterkette im Mobil ist vollautomatisch“, erzählt Lisa Schacht. Ein Huhn frisst täglich 150 bis 160 Gramm Futter, legt dafür aber auch täglich ein Ei, das in der Klasse M zwischen 53 und 62 Gramm wiegt. Sie sammelt die Eier aus den Nestern ein. Einmal täglich kriegen Lisas Hühner Nassfutter, diesen Brei bereitet sie frisch zu.

Kämpferische Hähne sollen Hühner verteidigen

Ihre 322 Hühner sind von der Rasse „Braune“, die vier Hähne sind „Weiße“. Schacht hat die Hennenrasse gewählt, weil sowohl legefreudig als auch entspannt und zutraulich ist und sie damit hofft, interne Kämpfe zu vermeiden. Und die Hahn-Rasse gelte als mutig und kämpferisch. Das sei ihr auch wichtig, damit die Hähne die Herde vor Raubvögeln schützen und verteidigen. Wichtig war ihr auch, dass ihre Herde von Geburt an zusammen aufgewachsen ist, damit die Rangfolgen klar seien. „Es steht und fällt mit dem Aufzüchter.“ Sie hat ihre Herde aus Kirchhain bei Marburg, da waren die Tiere 19 Wochen alt. „Dadurch hatten wir auch keinen langen Transport.“

Die junge Landwirtin hat sich von Beginn an auch Gedanken zur Vermarktung der Eier gemacht. Für sie kam nur Direktvermarktung in Frage. Zufälligerweise plante einer ihrer Nachbarn, Andreas Spors vom Aussiedlerhof Spors, genau jetzt die Aufstellung eines Regiomaten mit frischen landwirtschaftlichen Produkten aus der Region. Insa und Andreas Spors betreiben einen Milchviehbetrieb mit 85 Milchkühen und 85 weiblichen Kälbern sowie 150 Bullen.

Direktvermarktung beim benachbarten Hof Spors

Im Regiomaten kann seit Kurzem aus einem Automaten die Milch dieser Kühe in Flaschen abgefühlt und gekauft werden. Und in einem zweiten Automaten, der aussieht wie ein Süßigkeitenautomat, finden sich auch die Eier vom Birkenhof. „Die meisten Eier sind bis 11 Uhr gelegt“, erzählt die Herrin der Hühner. Dann sortiert sie sie in Kartons, ettiketiert diese und fährt die Kartons zum Regiomaten. „Alles handgemacht“, sagt Lisa Schacht stolz und schaut auf ein Huhn, das gerade in einem kleinen Erdloch ein Sandbad nimmt.

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