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Viele gute Ideen, kaum noch Mitstreiter

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Hofft auf einen Nachfolger: Jörg Lind, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Roßdorf.
Hofft auf einen Nachfolger: Jörg Lind, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Roßdorf. © Detlef Sundermann

„Die Frist läuft ab jetzt“, sagt Jörg Lind, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins. Dieser Tage waren die regulären Vorstandswahlen. Für ihn und andere Gewählte waren es nach Jahrzehnten die letzten. Sollten sich keine Nachfolger finden, werde der Verein im Frühjahr 2024 aufgelöst – nach 115 Jahren aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Hanau gelöscht. Bereits in der Einladung an die 335 Mitglieder sei auf die Situation hingewiesen worden, sagt Lind.

Bruchköbel - Nicht nur das ausbleibende Echo auf die Aufforderung, sich im Sinne des Vereins einzubringen, habe ihn enttäuscht. Zur Jahreshauptversammlung seien nur 44 Mitglieder erschienen. Lind spricht von einem „schleichenden Desinteresse“, das sich offenbar durch die Corona-Einschränkungen in den vergangenen zwei Jahren verstärkt habe.

In dieser Zeit habe es kaum Kontakte gegeben, alle Treffen seien ausgefallen. „Damit war eine direkte Ansprache an die Mitglieder, etwa Aufgaben zu übernehmen, nicht möglich.“

So wie er seien auch andere Aktive im Vorstand seit vielen Jahren im Amt. „Aber nach 30 Jahren bin ich am Rande meiner Kräfte. Diese Jahre haben bei mir Spuren hinterlassen, sie haben mich geschwächt“, sagt der 58-Jährige.

Den wenigen, die sich engagieren, schwinden die Kräfte, nicht allein wegen der Vereinsführung. In der Regel seien sie es, die sich der Pflege des rund 3500 Quadratmeter großen Vereinsgeländes in der verlängerten Pfingstweidstraße annehmen, das zugleich als Lehrgarten fungiert.

Überdies geht es um die Instandhaltung des Vereinsheims „Mirabellchen“. Alles liege seit Jahren nur noch in der Hand von wenigen Helferinnen, die sich an einer Hand abzählen ließen, so der Vorstand.

Für die Arbeit im Obstgarten mit seinen nieder- und hochstämmigen Bäumen, die neue und alte Sorten tragen, würden nun einige jüngere Leute benötigt. Die gemeinsame Pflege des Geländes und des Obstbestands wird immer mit einem Fest belohnt, stellt Lind in Aussicht.

Ungeachtet der personellen Konzentration auf wenige Mitglieder zeigt sich der Verein erstaunlich aktiv. Im Mai wurde die Prämierung des Apfelweinjahrgangs 2021 vorgenommen. Knapp 30 Selbstkelterer konnten auf dem Areal der Roßdorfer ihr „Stöffche“ einer fachkundigen Jury vorstellen. Auch der Hessische Rundfunk hatte vorbeigeschaut, um einen Beitrag zum das Thema Streuobstwiese zu produzieren.

Feste Termine sind zudem die Schnittkurse, an denen jedermann teilnehmen kann. Die örtliche Grundschule betreibt auf dem Gelände ihr Kartoffelprojekt, und ein Imker aus Bruchköbel hat auf dem Gelände einen Platz für seine Bienenstöcke gefunden. Es gebe auch ein Konzept, wie man den Obst- und Gartenbauverein unterstützen könnte, ohne Mitglied werden zu müssen, etwa mit „Rent a Tree“ – die Vermietung von Obstbäumen.

Lind ist skeptisch, ob die Rettung des 1910 gegründeten Vereins gelingen wird. „Uns wird es möglicherweise nicht anders ergehen, wie anderen alten Vereinen in Roßdorf etwa den Landfrauen oder dem kaum noch aktiven Gesangsverein“, sagt Lind. Von den einst 28 Obst- und Gartenbauvereinen im Altkreis Hanau seien mittlerweile einige verschwunden oder in einem tiefen Vereinsschlaf gefallen – auch ohne Corona. „Durch den Zuzug von Neubürgern und den Wegzug der Kinder von Alteingesessenen löst sich eine langjährige Community im Dorf auf“, benennt Lind eine Ursache.

Sollte sich bis 2024 kein neues Team bilden, das den alten Vorstand ablösen kann, wird das Licht im „Mirabellchen“ für immer ausgemacht. „Das Gelände geht dann an die Stadt zurück. Der Verein hat es nur gepachtet“, sagt Lind zu den drohenden Folgen.   Von Detlef Sundermann

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