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Issigheimer Vereine zeigen Herz

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Von: Holger Weber-Stoppacher

Verzichten vorerst auf das Dorfgemeinschaftsraum: Timo Winter (links) und Jörg Dirks, die den Musikzug sowie die Karnevalisten repräsentieren.
Verzichten vorerst auf das Dorfgemeinschaftsraum: Timo Winter (links) und Jörg Dirks, die den Musikzug sowie die Karnevalisten repräsentieren. © Weber/ (2)Privat

Bruchköbel – Die Pläne für ein Ortsgemeinschafthaus in der alten Schule, das vor allem den Niederissigheimer Vereinen als Anlaufpunkt dienen soll, waren bereits fertiggestellt. Doch nun müssen sie erst einmal wieder in der Schublade verschwinden. Gestern sind ins Obergeschoss der alten Schule neben dem Feuerwehrgerätehaus vier Familien aus der Ukraine eingezogen.

„Für uns war es selbstverständlich, dass wir der Stadt Bruchköbel entgegenkommen und die Verwaltung unterstützen“, sagt Timo Winter, einer der geschäftsführenden Vorsitzenden des Musikzugs Niederissigheim beim Ortstermin. Zu dem ist auch Jörg Dirks gekommen, der Vorsitzende der Niederissigheimer Karnevalisten.

Im Erdgeschoss befindet sich der Proberaum des Musikzugs. Darüber liegt die große Wohnung, die in den vergangenen Jahren leerstand und in den jetzt mit Hochdruck von den städtischen Mitarbeitern hergerichtet worden ist. Sie besteht aus mehreren Zimmern, zwei Bädern und einer Küche. Der Bauhof hat Möbel aufgestellt, die Küchengeräte eingebaut. Die Elektrik wurde vorbereitet und noch einmal die ganze Etage durchgestrichen. „Alle, die daran beteiligt waren, haben Großartiges geleistet“, sagt Bürgermeisterin Sylvia Braun anerkennend. Die Stadt Bruchköbel steht wie viele andere Kommunen im Kreisgebiet wegen steigender Flüchtlingszahlen unter Hochdruck (siehe auch Bericht aus Neuberg unten). Bis zum Jahresende müssen in Bruchköbel insgesamt 75 Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht werden. Dazu kommen etwa 90 weitere Geflüchtete aus aller Herren Länder. Zusätzlich wird derzeit im Flüchtlingscamp an der Friedberger Landstraße eine Wohnanlage in Modulbauweise aufgestellt. Dort ist Platz für 70 Menschen.

Braun mit Management des Kreises nicht glücklich

Braun macht keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Flüchtlingsmanagement des Kreises nicht gerade glücklich ist. Ende Juni erst hatte man die Notunterkunft in der Sporthalle des Schulzentrum in Bruchköbel Nord geschlossen und die verbliebenen Geflüchteten auf andere Unterkünfte verteilt.

Der Kreis gibt dafür folgende Erklärung: Damals sei die Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine zurückgegangen, deshalb sei die Schließung der Notunterkunft die richtige Entscheidung gewesen. Jetzt steige sie wieder, so Pressesprecher Frank Walzer. Hinzu kämen vermehrt Menschen, die Deutschland über die Mittelmeerroute erreichten. Bis zum Ende des Jahres rechnet man in Gelnhausen jede Woche mit rund 100 weiteren Geflüchteten, die von der Erstaufnahme in Gießen in den Kreis geschickt und dann auf die 29 Kommunen verteilt werden müssen.

Seniorentreff Ost möglicher Standort

Die Prognose erhöht den Druck enorm. In Bruchköbel kommen nächste Woche bereits die nächsten 13 Personen an. „Und ich weiß noch nicht, wo wir sie unterbringen sollen“, sagt Braun. Wenn von der Bürgerschaft nicht schnellstens weitere Wohnungen zur Verfügung gestellt werden, müssen weitere städtische Einrichtungen belegt werden. Braun denkt dabei unter anderem an den Seniorentreff Ost, der nach einem Wasserschaden erst jüngst wieder saniert und renoviert worden war und dem Seniorenbeirat der Stadt als Versammlungsort dient.

Nach einem Aufruf in den Medien konnten zumindest einige neue Unterkünfte für Geflüchtete vermittelt werden. Doch die Suche geht weiter. Anders als im Frühjahr dieses Jahres, als der Kreis für die Suche und Vergabe der Wohnungen zuständig war, liegt es nun in der Hand der Stadt, neue Wohnungen zu finden und diese zu vergeben. Dies bedeute kürzere Wege für die potenziellen Vermieter. „Und sie dürfen auch mit einer schnellen Reaktion unsererseits rechnen“, sagt Braun. Die Geflüchteten werden von Paten der Stadtverwaltung betreut. Damit Sporthallen und andere Einrichtungen für Vereinsaktivitäten frei bleiben können, sei es wichtig, dass sich Menschen mit verfügbarem Wohnraum meldeten.

Langfristiges Ziel ist ein Ort der Begegnung

„Bruchköbel hat bisher einen großartigen Beitrag geleistet und die Menschen, die alles verloren haben und auf der Flucht aus dem Kriegsgebiet sind, aufgenommen. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch für die kommenden Herausforderungen Lösungen finden“, sagt Braun und lobt die Bereitschaft der Niederissgheimer Vereine, zugunsten der Geflüchteten vorübergehend auf die Räume in der alten Schule zu verzichten, die ihnen zugesagt worden waren. In dem Gebäude am Feuerwehrgerätehaus werden die Familien aus der Ukraine direkt Anschluss an die Dorfgemeinschaft finden. Denn im Erdgeschoss geht das Vereinsleben normal weiter, dort wird abends der Musikzug wie bisher seine Übungsstunden abhalten. Und auch die Sänger kommen dort zusammen. Darüber sind die Geflüchteten informiert, sagt Timo Winter, der in der Wohnung, die jetzt als Unterkunft hergerichtet wurde, aufgewachsen ist. „Ich bin mir sicher, dass wir hier ein gutes Miteinander finden“, sagt er. Und Jörg Dirks ergänzt: „Für die Integration der Menschen ist die Nähe umso besser.“

Langfristiges Ziel der Niederissigheimer Vereine ist es, in der Schule einen Ort der Begegnung zu schaffen und den Vereinen Räumlichkeiten für ihre Büros und Platz für Versammlungen bereitzustellen. Auch ein kleines Hematmuseum könnte dort Platz finden, in dem Gerhard Kalbfleisch, Vorsitzender der Sängerlust Niederissigheim und Bembelsänger, Dokumente der Ortsgeschichte deponieren könnte.

Aber all dies könne warten, sagen Winter und Dirks unisono. Jetzt habe Priorität, dass die Menschen aus der Ukraine eine – wenn auch provisorische – Heimat fänden. (Von Holger Weber-stoppacher)

Vorbereitungen vor dem Flüchtingscamp an der Hanauer Landstraße: Dort wird eine Wohnanlage für rund 70 Menschen gebaut.
Vorbereitungen vor dem Flüchtingscamp an der Hanauer Landstraße: Dort wird eine Wohnanlage für rund 70 Menschen gebaut. © -
Koordineierten die Überlassung der alten Schule: Bürgermeisterin Sylvia Braun, Gesangsvereinsvorsitzender Gerhard Kalbfleisch (links) und Fachbereichschef Andreas Kalski.
Koordineierten die Überlassung der alten Schule: Bürgermeisterin Sylvia Braun, Gesangsvereinsvorsitzender Gerhard Kalbfleisch (links) und Fachbereichschef Andreas Kalski. © -

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