Als Sudetendeutsche hat Dr. Arlinde Englert-Kröner Vertreibung und Schikanierung am eigenen Leib erfahren. Heutzutage wird sie immer öfter an ihr Schicksal erinnert. Foto: Bellack

Bruchköbel

Sudetendeutsche veröffentlicht dramatische Familiengeschichte

Bruchköbel. Unerwünscht, verfolgt, vertrieben. Die Sudetendeutsche Dr. Arlinde Englert-Kröner erlebte ab Ende des Zweiten Weltkriegs ein Martyrium. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik warnt die Wahl-Bruchköblerin vor dem Vergessen und erinnert an das Schicksal Hunderttausender.

Von Michael Bellack

Um die Geschichte der Sudetendeutschen zu erhalten, gibt es in Deutschland und Europa zahlreiche Vereine und Zusammenschlüsse. Einer davon ist der Arbeitskreis Sudetendeutscher Akademiker. In unregelmäßigen Abständen bringt dieser den „Literaturspiegel“ heraus, darin werden Aufsätze und Geschichten betroffener Sudetendeutschen veröffentlich. In der aktuellen Ausgabe erzählt auch Englert-Kröner ihre Geschichte. Mehrere Seiten lang ist ihr Aufsatz, der detailliert die Schrecken ihrer Kindheit und das Schicksal ihrer Familie beschreibt. Begonnen hat alles vor 80 Jahren.

Im September 1938 beschließt Diktator Adolf Hitler gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien und Italien das „Münchner Abkommen“ und beendet damit die sogenannte Sudetenkrise. Durch das Abkommen wurde damals die Tschechoslowakei gezwungen, das Sudetenland an das Deutsche Reich abzutreten und innerhalb weniger Tage zu räumen.

Nirgends wirklich gewolltEin erster Schritt Hitlers in den größten Krieg aller Zeiten. Für hunderttausende Sudetendeutsche ein folgenreicher Entschluss. „Mit dem Münchner Abkommen fing im Grunde alles an“, blickt Englert-Kröner zurück. Sie war damals etwas älter als ein Jahr und hatte mit Politik und Krieg nichts zu tun. Das Abkommen sollte ihr weiteres Leben dennoch stark beeinflussen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges forderte die Tchechoslowakei ihre Gebiete zurück. Bis 1947 wurden knapp drei Millionen Deutsche pauschal zu Staatsfeinden erklärt und aus ihrer Heimat vertrieben. Repressionen und Gewalt standen für viele Sudetendeutsche an der Tagesordnung. Sie waren nirgends wirklich gewollt, hatten keine Heimat. „Für unsere Familie war es besonders schlimm, da wir durch unsere tchechische Verwandschaft sehr bekannt waren“, erinnert sich die Zeitzeugin. Enge Verbindungen zum Schuhkonzern Bata, der heute 4600 Schuhläden betreibt und 30 000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt beschäftigt, wurden ihrer Familie zum Verhängnis. Ihr Vater wurde inhaftiert und verlor im Gefängnis sein Leben.

Flucht nach DeutschlandEnglert-Kröner gelang mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern die Flucht nach Deutschland. Das war 1949, vier Jahre nach Kriegsende. Mit Flaschensammeln und dem Verkauf von Heidelbeeren hielten sie sich mehr schlecht als recht über Wasser.

In der neuen Heimat bauten sich Englert-Kröner, ihre zwei Geschwister und ihre Mutter Stück für Stück ein normales Leben auf. Englert-Kröner wurde Lehrerin, studierte unter anderem in Innsbruck und Stuttgart. 26 Jahre lang unterrichtete sie an der Hohen Landesschule in Hanau in den Fächern Geographie, Chemie und Biologie. Seit 1975 wohnt sie mit ihrem Mann in Bruchköbel.

Verbindung von Vergangenheut und GegenwartIn ihrem gesamtem Leben spielt die Vergangenheit eine übergeordnete Rolle. „Durch die aktuelle Flüchtlingswelle kommen alle Erlebnisse noch einmal hoch.“ Welche Qualen viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt derzeit erleben müssen, weiß sie ganz genau. Zustände, die es laut Englert-Kröner eigentlich nie wieder hätte geben dürfen.

Deshalb setzt sie sich ein. Für ihre Geschichte, für die Geschichte der Sudetendeutsche und gegen das Vergessen. „Wir sind die letzte Generation, die das Vertreibungsschicksal miterlebt hat. Es gibt viele, die ihr Schicksal nicht erzählen wollen, die es unterdrücken und vergessen wollen“, sagt sie. Dadurch geht historisches Wissen verloren, welches nicht wiederhergestellt werden kann.

Die letzten Zeitzeugen befinden sich im gehobenen Alter. Die Sudetendeutschen spielen in der Vergangenheitsbewältigung für sie eine zu kleine Rolle. „Unser Elend gehört zur Geschichte Deutschlands, genau wie das aller anderen auch. Das darf nicht in der Versenkung verschwinden. Auslandsdeutsche haben viel zum kulturellen Erbe Deutschlands beigetragen.“

Das könnte Sie auch interessieren