Wie kann Bruchköbel zu einem Ort der Erlebnisse werden? Antworten auf diese Frage müssen die Stadtoberen in den nächsten Jahren finden. Foto: Sehring

Bruchköbel

Stadtgespräch zum Innenstadtumbau: Zentrum als Ort der Erlebnisse

Bruchköbel. Das sechste „Stadtgespräch“ auf Einladung des Bruchköbler Marketing- und Gewerbevereins am Donnerstagabend in der Staatsdomäne Kinzigheimerhof hat Perspektiven aufgezeigt, die nicht jedermann gefallen haben dürften.

Von Rainer Habermann

In Zeiten des geplanten Bruchköbler Innenstadtumbaus stellte Andreas Reiter, Zukunftsforscher vom renommierten „ZTB Zukunftsbüro“ der österreichischen Hauptstadt Wien, Tendenzen und Entwicklungen vor, wie sie durchaus auch für Kleinstädte oder Mittelzentren von Bedeutung sein könnten.

Seine zentrale These: „Die – digitale – Zukunft hat längst begonnen, erweckt in Menschen aber auch Sehnsucht nach 'analogen', narrativen Erlebnisräumen in den Städten.“ Der gut besuchte Vortrag mündete anschließend in ein Podiumsgespräch mit Reiter sowie Silvio Zeizinger (Geschäftsführer des Handelsverbands Süd), Kurt Liebermeister (Vorsitzender des Stadtmarketingvereins Bad Vilbel), Volker Meyer (Augenoptiker und Vorstandsmitglied des Marketing- und Gewerbeverein Bruchköbel) sowie Andrea Weber (Geschäftsführerin Stadtmarketing Bruchköbel GmbH) zum Thema: „Urbane Lebensqualität für Mittelzentren – Chancen und Aufgaben“. Moderiert wurde das Podium von Reiner Ochs, dem Vorsitzenden des Bruchköbler Handwerks- und Gewerbevereins (HGV).

In Reiters Präsentation nahmen Begriffe wie „Digital Natives“, also junge Menschen, für die der Umgang mit Internet, Tablet, Smartphone und digitalen Medien von Kindesbeinen an zur Selbstverständlichkeit geworden ist, einen breiten Raum ein. „Die Stadt in Transformation“, so der Titel, bedeute aber nicht nur einen Wandel hin zu digitalen Inhalten, sondern auch ganz praktische Konsequenzen für Handel, Handwerk und Dienstleistung.

Denn für junge Menschen, sowohl Entscheidungsträger als auch Arbeitskräfte heute, bedeute „Verfügbarkeit“ mehr als „Besitz“, etwa beim Automobil und insgesamt bei der Mobilität. Auf gut Deutsch: Carsharing, Bike-Vermietung statt eigener Drahtesel, Co-Working in Form von bei Bedarf angemieteter Schreibtische mit entsprechender Infrastruktur in Büros steht hoch im Kurs. Diese Digital Natives seien die eigentlichen „Agenten des Wandels“. Weg von einer Industriegesellschaft, hin zur „Digital-Moderne“, wo die sogenannten „weichen“ Standortfaktoren einer Stadt oder einer Kommune zu den eigentlich „harten“ würden.

Angesichts der Tatsache, dass rund 44 Prozent der europäischen Bevölkerung heute zur Generation 50 Plus gehören und rund 21 Prozent der Bevölkerungen in den einzelnen Staaten einen Migrationshintergrund haben, so Reiter, spielten aber auch die sogenannten „Best Ager“ eine große Rolle bei der Ausgestaltung urbaner Lebensräume. Um diese Gestaltung geht es Reiter. Denn bei aller „Digitalisierung“ sollte es Ziel sein, „identitätsstiftende Attraktivität von Plätzen und Straßen innerhalb von Kommunen zu generieren“.

Ein frei verfügbares W-LAN gehöre als Selbstverständlichkeit dazu, aber auch „peppige“ Verweil-Gelegenheiten. „Menschen brauchen analoge Plätze und richten auch ihren Konsum danach aus“, war eine gewagte These Reiters, doch sie macht Sinn. Wenn beispielsweise Handwerksbetriebe das Erlebnis der Benutzung von Werkzeugen vermitteln könnten und dann natürlich einen Online-Shop im Hintergrund haben, um die benötigten Utensilien gleich an Mann/Frau zu bringen: Der alte, abgedroschene Gedanke „think global, buy local“ macht plötzlich wieder Sinn.

Und sei durchaus belegbar, so der Zukunftsforscher, wenn beispielsweise der Internetriese Amazon zunehmend auf die physische Anfassbarkeit seiner Produkte in physischen Läden setze. Das „Erlebnis“ stehe dabei im Mittelpunkt, auch etwa in der Gastronomie.

Eine „neue urbane Dramaturgie“ sieht Reiter als Geheimrezept an, als Antwort auf eine immer weiter zunehmende Dominanz des Internethandels. „Erlebnisse mit dem Produkt werden wichtiger als dieses selbst“, lautet seine These. Das Internet sei der „Point of Sale“ bereits heute wie auch in der Zukunft. Aber die Kommune, die „Einkaufsmeile“ – das sollte der „Point of Emotion“ sein und werden.

Das muss nicht nur den Kommerz betreffen. Auch Modelle wie eine Kirche als Co-Working-Space können einen Reiz ausmachen und die chronische Leere von Gotteshäusern unter der Woche zu „magic moments“ wandeln: vorausgesetzt, sie haben (schnellen) Internetanschluss.

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