Bevölkerung in Bruchköbel überaltert: Im Durchschnitt sind die Bürger hier vier Jahre älter als in den Nachbarkommunen. Die Prognosen für 2030 sagen einen überdurchschnittlichen Zuwachs bei den über 80-Jährigen auf. Das zeigte der Seniorenbeirat kürzlich bei einem Vortrag. Foto: Pixabay

Bruchköbel

Seniorenbeirat: Bruchköbel ist überaltert und stagniert

Bruchköbel. Der neue Seniorenbeirat ist erst seit einigen Monaten im Amt, aber die zwölf Mitglieder waren schon sehr fleißig. Dabei wolle der Seniorenbeirat eher politische Themen angehen, so Vorsitzende Margit Führes bei der ersten großen Veranstaltung des Beirats in den Bürgerstuben des Bürgerhauses.

Von Monica Bielesch

Rund 30 Interessierte kamen zum Vortrag „Wie alt ist / wird Bruchköbel – Demografischer Wandel vor Ort“, auch die designierte Bürgermeisterin Sylvia Braun (FDP) fand den Weg in die Bürgerstuben.

Die weitere Arbeit in den kommenden Jahren wolle der Seniorenbeirat auf eine gute Basis stellen, so Führes in der Einführung. „Wir haben uns daher gefragt, wo ist der Bedarf bei den Senioren.“ Matthias Herget, stellvertretender Vorsitzender, hatte den Vortrag vorbereitet und dazu viel Zahlenmaterial zusammengetragen. „Wir wollen eine Lobby für die Senioren und für die Stadt Berater sein“, so Herget, der vielen durch sein Engagement in der Kirchengemeinde Issigheim bekannt ist.

Bevölkerung seit 2000 nicht mehr gewachsen

Die Ergebnisse seiner Ausarbeitung sind für die Kommune ernüchternd. So ist die Bevölkerung in Bruchköbel im Durchschnitt beispielsweise vier Jahre älter als die in Erlensee und weiteren Nachbarorten. „Und Bruchköbel ist seit dem Jahr 2000 nicht mehr gewachsen“, referierte Herget die von ihm zusammengetragenen Zahlen.

So stagniere die Bevölkerungszahl in Bruchköbel bei rund 20 400 Einwohnern – im Gegensatz zu der statistischen Entwicklung im Kreis, im Land und auf Ebene des Regierungsbezirks, wo die Bevölkerungszahl stetig steigt. Und wenn die Rahmenbedingungen sich nicht verändern, besagen Vorausschätzungen, dass Bruchköbel auch in den nächsten zehn Jahren nicht wachsen werde.

Ein Drittel der Bürger ist über 60 Jahre alt

Und die Bürger, die in Bruchköbel wohnen, werden natürlicherweise älter. So betrug der Anteil der über 60-Jährigen in 2015 laut Gemeindedatenblatt noch 31 Prozent, also etwa 6200 Mitbürger. Dieser Anteil steigt bis 2030 auf voraussichtlich 38 Prozent. Das sind rund 7600 Menschen. „Speziell der Anteil der über 80-Jährigen steigt bis 2030 überproportional an“, so Herget. Er wird in 2030 bei rund zehn Prozent liegen.

Aus diesen statistischen Voraussetzungen leitete Herget anhand einiger Beispiele die Folgen für den Alltag der Bruchköbeler ab. Besonders die Lebensbereiche Lernen, Gesundheit, Pflege sowie Wohnen und Infrastruktur sei für Senioren wichtig. Seien es vor knapp zehn Jahren noch rund 580 Pflegebedürftige gewesen, davon 280 Personen mit Pflegestufe 2 und höher, rechnet Herget in 2030 mit rund 810 Pflegebedürftigen.

Zusätzliches Pflegeheim nötig?

„Die Menschen werden älter, bleiben dabei aber auch länger gesund“, so seine Erklärung. Aber vor 20 Jahren sei noch die Hälfte der pflegebedürftigen Senioren zuhause von Angehörigen gepflegt worden. Das sei heute anders. In Bruchköbel gibt es im Pflegeheim Kursana 114 und im Awo-Pflegeheim 88 Pflegeplätze. „Daraus ergibt sich die Frage: Braucht Bruchköbel in Zukunft ein zusätzliches Pflegeheim?“, so Herget.

Er beschäftigte sich in seinem Vortrag auch mit alternativen Wohnformen. Dabei wird immer wieder das Mehrgenerationenhaus genannt, das aber per Definition lediglich ein offener Treffpunkt für alle Menschen in der Nachbarschaft ist. Das Bundesfamilienministerium hat lange den Bau solcher Zentren gefördert. „Diese Förderung läuft in 2020 aus“, so Herget.

Von Nachbarkommunen abgehängt

In der anschließenden Diskussion dominierte die Einschätzung, dass Bruchköbel in den letzten Jahren „abgehängt“ worden sei. Ein 76-jähriger rüstiger Zuhörer: „Erlensee und Nidderau sind gewachsen und attraktiver geworden, hat PC-Kurse, ein Kino. Bruchköbel hat gepennt“, so sein Fazit.

Auch Führes, gebürtige Bruchköbelerin, meinte, dass die Stadt seit Jahren in ihrer Entwicklung stagniere. Der jetzige Seniorenbeirat wolle dazu beitragen, dass sich das ändere. Sylvia Braun, die Anfang April das Bürgermeisteramt von Günter Maibach (CDU) übernehmen wird, beteiligte sich auch an der Diskussion.

Zwar konstatierte auch sie das Problem der überalterten Stadt („Nur Bad Orb ist im Kreis älter als Bruchköbel.“) aber sie zeigte erste Wege auf, diese Entwicklung zu ändern. „Wir brauchen neue Baugebiete, nur so können wir wachsen“, so Braun.

Defizite in der Jugendarbeit

Nicht nur in der Seniorenarbeit auch in der Jugendarbeit gebe es noch viele Defizite. Ein erster Schritt sei die Öffnung des Infopoints in den Räumen der ehemaligen Sozialen Dienste am Bürgerhaus. Dort findet neuerdings unter anderem ein Jugendtreff statt und städtische Mitarbeiterinnen stehen zu den Themen Familie, Kinderbetreuung und Senioren vor Ort zur Verfügung.

Ansonsten hat Braun zumindest schon in Gedanken die Hemdsärmel hochgekrempelt, wenn sie sagt: „Diese Zahlen sind jetzt nur Prognosen, die sind nicht in Stein gemeißelt. Es gilt nun daran zu arbeiten, dass sie sich nicht erfüllen.“

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