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Nicht nur der Main-Kinzig-Kreis fordert die Ausweitung von Corona-Tests. Der aktuelle Mangel an Kapazitäten stellt die Ärzteschaft in der Praxis bisweilen vor schwierige Abwägungen.

Corona-Pandemie

Corona-Sonderfall Risikopatientin aus Bruchköbel wird trotz schwerer Symptome nicht getestet

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Es ist ein emotionaler Appell, der unsere Redaktion diese Woche per E-Mail erreicht. „Bei wem zur Hölle werden die vielen Tests gemacht, wenn nicht bei solchen Vorerkrankten, die seit zehn Tagen mit Fieber, Husten und Krämpfen kämpfen, wie es bei mir der Fall ist?“

In diesen Tagen sind die sozialen Netzwerke voll von solchen Kommentaren. Nicht alle sind seriös. Manche zwar ernst gemeint, doch überzogen – geschürt von der Angst um die eigene Gesundheit. Sabine Friedrichs (Name von der Redaktion geändert), die Verfasserin der Mail, weiß, was es bedeutet, krank zu sein. Ruhig berichtet sie am Telefon von ihrer chronischen Bronchitis, vom Asthma, der Osteoporose und vom hereditären Angioödem, das sie seit etwa 20 Jahren begleitet. 

Schon einiges erlebt

Die ohnehin schon seltene, erbliche Erkrankung, bei der es zu schmerzhaften Schwellungen in der mittleren Hautschicht, aber auch in den inneren Organen kommen kann, hat bei ihr eine derart spezielle Ausformung, dass sie sogar schon in der Berliner Charité vorstellig wurde, wie sie sagt. Im Verlauf ihrer Krankheitsgeschichte hat die 52-jährige Bruchköbelerin also bereits einiges erlebt. Doch die Corona-Pandemie stellt für sie als Risikopatientin eine besondere Herausforderung dar. 

Ja, wenn sie geahnt hätte, dass die Gefahr, an dem Virus zu erkranken, so hoch ist, wäre sie Ende Februar nicht nach Amsterdam und Köln gereist, sagt sie rückblickend. Zwar ist sie nicht sicher, ob sie sich tatsächlich auf dieser Reise angesteckt hat. Ein privat von ihr beauftragter Labortest vom 19. März sei jedenfalls positiv ausgefallen. Ein Labortest in privatem Auftrag? – Sabine Friedrichs fängt an zu erzählen. 

Teils schwere Symptome

Sie sei am 1. März von ihrer Reise nach Amsterdam und Köln zurückgekehrt. In der Folge entwickelte sie teils schwere Krankheitssymptome wie hohes Fieber, Husten, Durchfall, Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel und Kieferschmerzen. Selbst bei ihren chronischen Erkrankungen sei dies völlig untypisch. Da ihr Hausarzt im Urlaub ist und die Beschwerden immer schlimmer werden, kontaktiert sie am 14. März sowohl die bundesweite Rufnummer des Kassenärztlichen Notdienstes 116–117 als auch das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises. Sogar bei ihrer Krankenkasse ruft sie an.

„Es war eine mehrstündige Odyssee, unzählige Telefonate und Weiterschaltungen, bis man mich an die richtige Stelle durchstellte“, berichtet Friedrichs. „Unzählige Male hat man mich ausgequetscht, welche Symptome ich habe.“ Irgendwann sei ein Arzt des Bruchköbeler Bereitschaftsdienstes zu ihr nach Hause gekommen. Er habe ihre Lunge abgehört und gesagt, es liege eine akute Bronchitis vor. „Für mich natürlich nichts Neues, da ich schon seit vielen Jahren an chronischer Bronchitis und Asthma leide“, sagt Friedrichs. 

Rücksprache mit dem Gesundheitsamt

„Ich habe ihn dann erneut darauf hingewiesen, dass ich vor Kurzem in Amsterdam und Köln war.“ Der Arzt recherchiert auf dem Handy und hält Rücksprache mit dem Gesundheitsamt. Da die beiden Städte nicht als Risikogebiete eingestuft sind, verschreibt er ein Antibiotikum und fährt wieder. Tatsächlich gilt zu diesem Zeitpunkt unter anderen das Kriterium des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass ein Patient für die Durchführung eines Tests in einem Gebiet mit Covid-19-Fällen gewesen sein muss. Auch das Gesundheitsamt habe laut Friedrichs zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr gesehen, da sie keinen nachweislichen Kontakt zu einem registrierten Coronavirus-Erkrankten gehabt habe. Doch gilt dies alles auch bei dieser Symptomatik und der Schwere der Vorerkrankungen? 

Sabine Friedrichs zweifelt. Längst haben sie und ihre Familie sich selbst unter häusliche Quarantäne gestellt – „wegen meiner Verantwortung gegenüber meinen Mitmenschen“, wie sie sagt. Sie versucht weiter, Informationen zu ihren Symptomen zu bekommen. Zum Teil telefonieren ihre Angehörigen für sie, wenn das Fieber es nicht zulässt. Unter der Nummer 116–117 kommt sie nicht mehr durch. Quälend lange hängt sie in der Warteschleife, fliegt immer wieder raus. 

Längere Wartezeiten seien normal

Die Kassenärztliche Vereinigung räumt auf Anfrage unserer Zeitung ein: „Allgemein ist es so, dass die Zahl der Anrufe jene im 'Normalbetrieb' derzeit um ein Vielfaches übersteigt. Wir sprechen hier von einem Faktor zehn und mehr. Entsprechend kann es zu längeren Wartezeiten und leider hin und wieder auch zu Abbrüchen kommen. Das ist selbstverständlich nicht gut, aber leider unvermeidbar.“ Trotz der Einnahme des Antibiotikums stellt sich bei Sabine Friedrichs keine Besserung des gesundheitlichen Zustands ein. 

Zwischenzeitlich beschließt die Familie, auf eigene Rechnung ein Labor mit dem Test auf eine Corona-Infektion zu beauftragen. Am 24. März kontaktiert Friedrichs ihren Hausarzt nach dessen Rückkehr aus dem Urlaub. Er verschreibt ihr eine Einweisung ins Krankenhaus wegen Verdacht auf Lungenentzündung. Ihre Tochter bringt sie ins Klinikum Hanau. Nach ihrer Vorstellung im dortigen „Fieber-Zelt“ wird sie jedoch nicht etwa auf Corona untersucht, sondern wird in die Notaufnahme und von dort weiter zum Röntgen geschickt. „Niemand hat irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen“, schildert Friedrichs fassungslos. „Ich habe von mir aus einen Mundschutz getragen.“ 

Privater Test war positiv

Das Klinikum Hanau schreibt dazu am Freitag in einer Stellungnahme: „Zu Ihrer Anfrage können wir sagen, dass unser Personal im Schleusenzelt als auch in den anderen Bereichen des Klinikums, immer nach den aktuellsten Vorgaben des RKI handelt.“ Am 24. März habe das Personal nach der folgenden RKI-konformen Vorgabe gehandelt: „Hat der Patient Husten, Schnupfen, Durchfall und Erbrechen oder Ähnliches, hatte aber keinen Kontakt zu einer positiv getesteten Person und war in keinem Risikogebiet, ist der Zutritt zu den Ambulanzen oder der ZNA möglich.“ 

Friedrichs wird auf Station H3 aufgenommen. Sie bleibt über Nacht in der Klinik, um ihre Untersuchungsergebnisse vom Lungenröntgen und der Blutentnahme abzuwarten. „Am nächsten Morgen habe ich dann den Anruf aus dem Labor bekommen, dass mein Corona-Test positiv war“, berichtet Friedrichs. Sie informiert umgehend das Pflegepersonal auf Station. „Offenbar haben die dann das Labor angerufen. Jedenfalls kam dann ein Arzt in voller Schutzkleidung und hat mich untersucht. Er meinte, mein Gesundheitszustand sei stabil genug. Deshalb sollte ich nach Hause in Quarantäne. Ein Krankenwagen hat mich dann heimgefahren.“ 

Es ist nun zwei Wochen her, dass sich Sabine Friedrichs selbst in Quarantäne begeben hat – abgesehen von ihrem Klinikbesuch. Das Fieber ist inzwischen zurückgegangen. Der Husten löst sich. „Ich denke, ich habe das Schlimmste überstanden“, berichtet sie am Freitagnachmittag am Telefon. „Aber ich hoffe, dass durch meine Geschichte die zuständigen Stellen sensibilisiert werden und sich wirklich jeden einzelnen Patienten genau anschauen, ohne nur auf Kriterienkataloge zu achten.“

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