Auch heute findet man auf dem Friedhof in Bruchköbel noch den einen oder anderen umgestürzten Grabstein. Ob dieser hier absichtlich umgekippt wurde oder von alleine umgefallen ist, weiß man nicht. Foto: Bender

Bruchköbel

Ein Pfarrer, der 26 Grabsteine umstieß

Groß war die Empörung bei den Bruchköbelern, als vor 50 Jahren auf dem Friedhof Grabsteine zestört worden sind.

Von Holger Weber

Bruchköbel. Es war ein Freitagmorgen im Januar vor 50 Jahren, als sich den Besuchern des Bruchköbeler Friedhofs ein chaotisches Bild bot: Überall waren Grabsteine umgestoßen worden. Insgesamt 26. Die Vermutung, es könne sich um den schlechten Scherz einiger Kinder handeln, wich bald der Erkenntnis, dass es der evangelische Gemeindepfarrer Gerhard Großkurth war, der die schweren Steine vom Sockel gestoßen hatte.

Die „Empörung und die Verärgerung“ unter den Bruchköbelern seien groß, schrieb unsere Zeitungdamals. Der HANAUER ANZEIGER widmete der Geschichte fast eine ganze Seite, was in den Sechzigern noch nicht so häufig vorkam, da musste schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Pfarrer Großkurth gab vor, um der Sicherheit willen gehandelt zu haben.

Ziemlich rabiat vorgegangen

Hintergrund seiner Aktion war demnach eine Verordnung der Gemeindeverwaltung, wonach nicht mehr standfeste Grabsteine auf dem Friedhof umgehend zu beseitigen seien. Das Schriftstück sei am Rathaus ausgehängt worden, heißt es in dem HA-Bericht. Und außerdem ließ der Berichterstatter die Leser wissen, dass in der Bundesrepublik schon zahlreiche Kinder durch fallende Grabsteine verletzt oder sogar getötet worden seien.

Den Augenzeugen zufolge muss Großkurth ziemlich rabiat vorgegangen sein. Die Grabsteine seien nicht – wie in solchen Fällen üblich – einfach umgelegt, sondern regelrecht umgestoßen worden. Einige seien dabei zu Bruch gegangen. So etwas gehöre sich nicht, wird einer der Betroffenen zitiert.

Streit zwischen Pfarrer und Bürgermeister

Pfarrer Großkurth hingegen sah die Sache ganz anders: Er habe den Propst und auch das Landeskirchenamt in Kassel zuvor von seiner Absicht in Kenntnis gesetzt und pflichtgemäß gehandelt, verteidigte er sich gegenüber dem Reporter. Den Schuldigen machte Großkurth im Rathaus aus. Bürgermeister Fritz Horst trage die Verantwortung, weil er dieselbige für die Bruchköbeler Ruhestätte nicht übernehmen wolle.

Offenbar gab es damals einen Streit zwischen Pfarrer und Bürgermeister über die Zuständigkeit für die Ruhestätte. Großkurth sah diese bei der Verwaltung, der Bürgermeister offenbar bei der Kirche. Man drohte sich mit Strafanzeigen, bezichtigte sich gegenseitig als Autoren anonymer Briefe und Drahtzieher von Sabotageaktionen.

Einen Tag nachdem der Pfarrer die Steine umgestoßen hatte, ermittelte sogar die Hanauer Kriminalpolizei auf dem Friedhof. Zwar ging es dem Bericht zufolge nicht um den Straftatbestand der Schändung, jedoch immerhin um Sachbeschädigung. Großkurth zeigte sich ob seines Tuns unnachgiebig. Als Vorsitzender der Friedhofskommission werde er sich auch weiterhin vorbehalten, nicht ordnungsgemäße Grabsteine abräumen zu lassen, sagte er. Und an der Polizei übte er scharfe Kritik: Es gehe nicht an, dass die Polizei auf dem Friedhof Ermittlungen vornehme, ohne ihn als Vorsitzenden der Friedhofskommission und somit den Hausherrn zu informieren.

Zuständigkeit mittlerweile geklärt

„Der Pfarrer Großkurth war schon ein kerniger Typ“, erinnert sich Bruchköbels heutiger Bürgermeister Günter Maibach an den Seelsorger, der ihn konfirmiert hatte. Großkurth war vor seiner Zeit in Bruchköbel Gefängnisseelsorger, weiß der heutige Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde, Dr. Martin Abraham, zu berichten. Von seiner durchaus kompromisslosen Art zeugten noch einige Briefe, die er im Pfarramt gefunden habe.

Abraham zeigt sich erleichtert darüber, dass die Zuständigkeit für den Friedhof 50 Jahre nach der eigenwilligen Aktion seines Vorgängers geklärt ist. „So kann ich mich mehr den Lebenden widmen.“ Heutzutage regelt das städtische Friedhofsamt alle Angelegenheiten, die die Ruhestätte betreffen. Und was die Grabsteine angeht: Die werden auch heute noch regelmäßig, zumeist im Frühjahr, wenn der Frost aus dem Boden gewichen ist, auf ihre Standfestigkeit hin überprüft.

So müssen die Steine einem Druck von mindestens 50 Kilogramm standhalten. Den Test übernimmt statt wie damals der Pfarrer nun das Friedhofspersonal. Wenn Schäden festgestellt werden, müsse ein Steinmetz mit den Reparaturen beauftragt werden, erklärt Ann-Kathrin Ertl vom Friedhofsamt der Stadt. Da gehe es um die Frage der Haftung. Das Gleiche hätte Pfarrer Großkurth damals wohl auch gesagt.

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