Not macht erfinderisch: Da es vorläufig kein Straßenschild in dem Baugebiet geben wird, haben Meike und Stefan Kress eben selbst eins gebastelt. Die Post kommt zwar nicht an, doch wenigstens der HA ist jeden Morgen im Briefkasten. Foto: Weber

Bruchköbel

Ohne Post und Müllabfuhr: So lebt eine Familie im Niemandsland

Bruchköbel. Familie Kress wohnt seit kurzem im Neubaugebiet Bindwiesen – doch weder die Post noch die Müllabfuhr weiß das. Sogar die Stadt kann die Familie der neuen Adresse nicht zuordnen, denn ihre Straße „In den Bindwiesen“ gibt es noch nicht im Register. Daraus ergeben sich immer wieder neue Probleme.

Von Holger Weber

Die Familie Kress besteht aus Mutter Meike, Vater Stefan und den beiden Jungs Louis (5) und Henry (2). Seitdem sie vor nunmehr drei Wochen ihr fast fertig gestelltes Haus bezogen haben, sind sie so etwas wie die Pioniere im Neubaugebiet Bindwiesen in Bruchköbel.

Seit ihrem Einzug kämpft die Familie jedoch auch mit einem Problem: Die Straße „In den Bindwiesen“ gibt es noch nicht im Register der Stadt. Und obwohl Meike Kress schon mehrfach eingefordert hat, die Straße endlich ins System einzupflegen, hat sich noch nichts getan.

„Tut uns leid, wir finden Sie nicht.“Weder die Post und deren Paketlieferservice DHL noch die Müllabfuhr haben die Familie Kress deshalb auf dem Schirm. „Tut uns leid, wir finden Sie nicht.“ Diesen Satz hat Meike Kress in den vergangenen Wochen sehr oft hören müssen. Unter anderem auch bei der Stadt selbst, wo sie nur wenige Tage nach dem Einzug die Ausweise der Familie auf den aktuellen Stand bringen lassen wollte.

Wo die Post geblieben ist, die in den vergangenen drei Wochen aufgelaufen sein müsste, weiß sie nicht. Im ehemaligen Haus der Familie in Mittelbuchen, das mittlerweile verkauft ist, jedenfalls nicht, seufzt Meike Kress. Wenn die Mülleimer voll sind, ruft sie jedes Mal bei der Stadt an. „Es gibt hier noch nicht einmal ein Straßenschild.“ Und das werde es so schnell auch nicht geben, habe man ihr im Bauamt gesagt, erzählt die Mutter.

Noch geht es mit HumorDas Ehepaar Kress nimmt die Sache noch mit Humor. Vater Stefan hat aus Holz ein Schild mit der Adresse gezimmert und es im Vorhof des Hauses befestigt. Meike Kress verzichtet vorerst auf Bestellungen im Internet. „Die Lieferungen kämen ja ohnehin nicht an. Deswegen unterstütze ich jetzt den lokalen Einzelhandel“, sagt sie schmunzelnd.

Doch man merkt ihr deutlich an, dass sie nach drei Wochen im Niemandsland sichtlich genervt ist. „Schließlich haben wir alle anfallenden Erschließungskosten, die Grundsteuern und auch die Müllgebühren bereits bezahlt. Da kann man dann auch die entsprechenden Serviceleistungen erwarten“, findet sie.

Frage der SicherheitDie ordnungsgemäße Registrierung der Straße ist für sie allerdings auch eine Frage der Sicherheit: „Was ist denn, wenn es bei uns oder auf den umliegenden Baustellen einen medizinischen Notfall gibt?“, sagt sie und wartet nicht mit der Antwort: „Hier findet uns doch kein Mensch.“

Ende der vergangenen Woche nun hat sie sich in einer E-Mail direkt an Bürgermeister Günter Maibach gewandt und den Verwaltungschef auf die missliche Lage in den Bindwiesen aufmerksam gemacht. Bei dem Gebiet in zentraler städtischer Lage handelt es sich schließlich um das Filetstück der Stadt. Von privater Hand werden dort Bodenpreise von bis zu 450 Euro pro Quadratmeter verlangt.

Hoffnung stirbt zuletztVergangene Woche erst wurden die ersten Spatenstiche für eine mondäne Wohnanlage gesetzt. Ringsherum um das Haus der Familie Kress gleicht die Landschaft noch einer Prärie. Nur an wenigen Stellen wird gebaut, doch die Grundstücke sind alle verkauft. Es gab mehr als hundert Anfrage für das Baugebiet Bindwiesen.

Im nächsten Jahr muss Sohn Louis für die Schule angemeldet werden: „Bis dahin wird sich wohl etwas getan haben.“ Die Hoffnung gibt sie nicht auf.

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