Mehrere Generationen von Roßdorfern haben sich im Laden von Burkhard Mohr mit Süßigkeiten versorgt. Im Ort ist er und seine alte Tankstelle eine Institution. Foto: Weber

Bruchköbel

Nach Überfall: Burkhard Mohr will Laden schließen

Bruchköbel. Er ist schon vier oder fünf Mal überfallen worden, doch jetzt hat er genug: Burkhard Mohr will seinen Laden in Bruchköbel nach dem jüngsten Raubüberfall dicht machen.

Von Holger Weber

Es müsse das vierte oder fünfte Mal gewesen sein, dass er in seinem Laden überfallen worden ist. So genau könne er sich nicht erinnern, sagt Burkhard Mohr. Am Tag nach dem Überfall auf den Kiosk in der ehemaligen Tankstelle in Roßdorf wirkt der 75-Jährige noch immer ein wenig durch den Wind. 

Ein bisher unbekannter Mann hatte ihm am Vorabend eine Schreckschusswaffe unter die Nase gehalten, abgedrückt und war anschließend ohne Beute geflüchtet. Die Polizei vermutet, dass der Täter auch für den Überfall auf ein Sonnenstudio in Rückingen verantwortlich ist. Die Tat ereignete sich nur 40 Minuten später, die Täter-Beschreibung der Zeugen ähneln sich frappierend. Im Erlenseer Stadtteil entkam der Unbekannte mit den Tageseinnahmen.Tür fällt nur leise ins SchlossMohr sitzt in einem alten Ledersessel. Sein Büro ist durch eine Tür mit dem Laden verbunden. Der Schreibtisch ist vollbepackt mit Papier und einem alten Rechner auf dessen Bildschirm Staub haftet, weil Mohr sich mit Computern nicht auskennt, wie er sagt. Gegenüber flimmern zwei Monitore.Im Fernsehen läuft das RTL-Nachmittagsprogramm, auf dem kleinen Schirm daneben erscheint etwas verschwommen das Ladenlokal im Nebenraum. Es sind die Bilder der Videokamera, durch die Mohr sehen kann, wenn Kundschaft in den Laden kommt. Eine Klingel gibt es nicht, und die Eingangstür fällt nur sehr leise ins Schloss. Schirmmütze tief im GesichtAuf diesem Monitor hat er am Abend zuvor auch erstmals den Kunden mit der Schirmmütze wahrgenommen. Es muss so etwa gegen 19 Uhr gewesen sein, glaubt er. Wie immer ist er aufgestanden, hat sich hinter die mit Bonbons- und Kaugummi-Kästen bepackte Ladentheke gestellt. Mohr weiß noch: Dem Mann saß die Schirmmütze tief im Gesicht, sodass seine Augen nicht zu sehen waren. Jung sei er gewesen. Da ist er sich sicher.Dann passierte das Folgende: Der Kunde bittet um eine Schachtel Marlboro. Einen Akzent kann Mohr nicht raushören. „Wissen Sie, ich bin nicht so gut beim Erkennen von Dialekten“, sagt er. Einen Bayer, ja, den hätte er bemerkt. „Doch das war keiner. Ganz sicher nicht.“ Dann fällt der SchussMohr nimmt das Päckchen Zigaretten aus dem Wandregal und legt es auf den Tisch. „6 Euro und 30 Cent“. Der Mann mit der Mütze kramt in seiner Tasche. „Jetzt holt er seine Geldbörse hervor“, denkt Mohr. Doch dann hat er plötzlich die Schusswaffe unter seiner Nase. „Gib das Geld raus“ sagt der Räuber. Mohrs Reaktion ist eher instinktiv: „Ich habe kein Geld“, antwortet er.Dann fällt der Schuss. Und ein Bruchteil einer Sekunde später flüchtet der Unbekannte aus der Tür. Mohr kann sich nicht erinnern, ob die Waffe im Moment der Schussabgabe auf ihn gerichtet war. „Mir fehlt dieses Bild. Da ist eine Lücke im Gedächtnis“, sagt er. Doch zumindest sei ihm in diesem Moment klar gewesen, dass es sich nur um eine Schreckschusswaffe gehandelt haben kann. Aufnahmefunktion ausgeschaltetDie Videokamera hat die Szenen nicht festgehalten, weil Mohr die Aufnahmefunktion ein paar Tage zuvor ausgeschaltet hatte. „Dumm gelaufen“, wird er später sagen. Nachbarn aus der gegenüberliegenden Eichendorfanlage und sein Sohn, der im gleichen Haus wohnt, alarmieren die Polizei. Dem Opfer kommt es wie eine Ewigkeit vor, bis die Beamten eintreffen.

Doch dann rauscht gleich eine ganze Armada von Polizeiwagen durch den Ort. Mit Blaulicht und Sirenengeheul. Die Zufahrtsstraßen werden dichtgemacht. Die Polizei kontrolliert am Pferdekreisel, und auch auf den Feldwegen suchen die Beamten nach dem flüchtigen Räuber. Vergeblich. Endgültiges AusUnd jetzt, wie geht's jetzt weiter? Der 75-Jährige geht kurz ins sich, dann antwortet er: „Ich mach' hier bald Schluss. Das war's.“ Eigentlich wollte er den Laden erst zum Ende des Jahres schließen. Doch auch seine Frau hat ihn nach dem Vorfall gebeten, jetzt bald schon aufzuhören. Für immer. Es wäre das endgültige Aus für sein Geschäft, dessen Niedergang sich in Etappen vollzogen hat. 1977 hatte der gebürtige Hildesheimer die Tankstelle mit Werkstatt an der Hanauer Straße übernommen. 2002 musste er die Tanke dichtmachen, weil er sich den notwendigen Umbau nicht leisten konnte, 2012 schloss er auch die Werkstatt, in der er einst einige Mitarbeiter beschäftigte.Süßigkeiten, Zeitungen, Zigaretten und BierGeblieben ist ihm der kleine Laden. Dort verkauft er Süßigkeiten, Zeitungen, Zigaretten und Bier. Sieben Tage die Woche. Von 6.30 Uhr in der Früh bis zehn Uhr am Abend. Auch am Tag nach dem Überfall hat er seinen Laden wieder um halb sieben aufgesperrt. „Was soll man machen? Die Kunden warten doch“, sagt er und schaut wieder auf den kleinen Monitor. Zwei Jugendliche haben den Laden betreten und warten vor der Theke.Das Mädchen sagt: „Herr Mohr, wir wollten uns mal erkundigen, wie es Ihnen geht?“ Eine Geste, die gut tut. Es sind schon viele Stammkunden gekommen, die an diesem Morgen von dem Überfall in der Zeitung gelesen haben. Auch auf den lokalen Facebook-Foren sorgen sich die Nutzer um den Gesundheitszustand des Kfz-Elektromeisters. Der Grund ist offensichtlich ein Rettungshubschraubereinsatz, der zeitgleich zum Überfall im Ort stattfand. Viele haben diesen in Verbindung mit den Geschehnissen in der alten Tanke gebracht. Laden ist InstitutionIm Ort ist Mohr und sein Laden, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, eine Institution. Mehrere Generationen von Roßdorfern haben sich auf dem Schulweg beim „Herrn Mohr“, wie er von den jungen Kunden respektvoll genannt wird, mit Süßigkeiten versorgt. „Die Kinder werden mir fehlen“, sagt er. Und dennoch müsse irgendwann einmal Schluss sein, auch weil er glaubt, dass die Zeiten einfach nicht mehr so sind, wie sie mal waren. Während er das sagt, kramt er aus dem Stapel auf seinem Tisch ein Papier hervor. Eine Vorladung des Staatsanwalts. Da geht es um den letzten Überfall auf seinen Kiosk. Damals waren es gleich mehrere Täter. Zwei hielten ihn fest, während der Dritte das Zigarettenregal leerräumte. „Ich will das nicht mehr. Wir sind doch hier in Roßdorf und nicht in der Bronx“, sagt Mohr. Und holt für einen jungen Kunden ein Kratzeis aus der Truhe.

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