Sind auf günstigen Wohnraum angewiesen und wollen endlich aus dem Bittner-Haus raus: Shevin Azam und ihre Familie. Ihr Sohn Lavan (vorne rechts) hat eine sehr seltene Krankheit, die mit Muskelschwäche einher geht. Darum kommt für sie nur eine Wohnung im Erdgeschoss in Frage. Foto: Monica Bielesch

Bruchköbel

Mieter wollen raus aus dem Bruchköbeler Bittner-Haus

Bruchköbel. In der Wohnung von Shevin Azam in der Straße Im Niederried in Bruchköbel ist es an diesem Tag kurz vor Weihnachten warm und heimelig Ihr Sohn Lavan und die dreijährige Tochter Lilan toben und rennen durch die Räume. Ein normales Familienleben, aber noch bis vor einigen Wochen undenkbar.

Von Monica Bielesch

Denn der Vermieter Ulrich Bittner hatte die Nebenkostenvorauszahlungen der Mieter nicht an die Versorgungswerke weitergeleitet, die elf Mietparteien hatten monatelang kein Heißwasser und waren ohne Heizung. Die Immobilie gehört mehrheitlich der Rendinvest, einer in Auflösung befindlichen Gesellschaft Bittners.

Durch das beherzte Eingreifen der Kreisspitze in Person von Landrat Thorsten Stolz und der Ersten Beigeordneten Susanne Simmler (beide SPD) sowie Bürgermeister Günter Maibach (CDU) haben die rund 30 Menschen in dem Bittner-Haus seit Anfang Dezember zumindest eine funktionierende Heizung und können normal duschen und baden.

Seit Jahren auf Wohnungssuche

Aber ausruhen werden sich die Menschen in dem Bittner-Haus nicht. Viele von ihnen suchen schon seit Jahren eine neue Wohnung, weil es immer wieder Probleme mit der Gasversorgung in der vierstöckigen Immobilie gab. Mieter Oskar Feder erzählt: „In den vergangenen zwei Jahren habe ich bestimmt rund 70 Wohnungen besichtigt.“

Gefunden hat der Empfänger von Sozialhilfeleistungen nichts. Bezahlbarer Wohnraum in Bruchköbel ist rar. Der 73-Jährige ist nach einem Schlaganfall gesundheitlich angeschlagen, sucht eine Wohnung in der Nähe seiner hiesigen Ärzte. Tochter Natalie Feder hilft ihm, sie sagt: „Diese Wohnungssituation geht an die Gesundheit und an die Psyche.“

Günstiger Wohnraum ist Mangelware

Auch Familie Azam ist seit Jahren auf Wohnungssuche. Der Vater arbeitet als Bauarbeiter, auch sie sind auf günstigen Wohnraum angewiesen. Und noch etwas erschwert ihre Suche: Der achtjährige Lavan leidet an einer seltenen Krankheit, hervorgerufen durch einen Gendefekt, und ist dadurch schwerbehindert.

„Lavan hat Mitochondriale Myopathie“, erzählt seine Mutter und streichelt ihm über den Kopf. Eine der Folgen ist eine Muskelschwäche, Lavan kann beispielsweise nicht viele Treppen steigen. „Darum wäre eine Wohnung im Erdgeschoss ideal.“

Keine guten Aussichten

In Bruchköbel ist die Baugenossenschaft einer der ersten Ansprechpartner, wenn es um guten und preisgünstigen Wohnraum geht. Dort können sich Wohnungssuchende auf Wartelisten setzen lassen, schließen sie einen Mietvertrag mit der Genossenschaft müssen sie Mitglied werden. Jens Schneider ist geschäftsführender Vorstand der Genossenschaft. Er sagt: „Teilweise warten Wohnungsinteressenten über Jahre auf eine Wohnung.“

So habe es im Jahr 2018 lediglich 20 Mieterwechsel bei der Genossenschaft gegeben, dem stünden weit über 100 Nachfragen gegenüber. Die Baugenossenschaft hat 480 Wohnungen in 22 Häusern im ganzen Stadtgebiet.

Skrupellose Vermieter nutzen die Not aus

Eine davon wurde nun Familie Azam angeboten. „Aber die Wohnung ist im dritten Stockwerk, das können wir wahrscheinlich wegen der Krankheit von Lavan nicht machen“, sagt die 30-jährige Mutter traurig. Trotzdem wollte sie den Besichtigungstermin wahrnehmen, die Familie greift nach jedem Strohhalm.

Hans-Egon Heinz, langjähriger Vorsitzender des Mietervereins Hanau-Maintal macht Wohnungssuchenden allerdings wenig Hoffnung: „Günstigen Wohnraum in der Region zu bekommen, ist leider ein fast aussichtsloses Unterfangen.“ Gerade die Mieter in den Bittner-Häusern könnten lediglich eine Miete im unteren Bereich zahlen. Vermieter wie Bittner würden ihre Notlage ausnutzen, meint Heinz.

Außerhalb Bruchköbels kommt keine Wohnung in Frage

Shevin Azam ist seit Jahren über diverse Online-Portale auf Wohnungssuche. Weil Lavan auf die Frida-Kahlo-Schule geht und sie keinen Führerschein hat, kommt nur eine Wohnung in Bruchköbel in Frage. „Ich muss schnell in der Schule sein können, wenn mal etwas mit ihm ist.“

Außerdem leben ihre Eltern und Geschwister hier, deren Unterstützung ihr eine große Hilfe bei der Betreuung von Lavan ist. Der schwerbehinderte Junge braucht unter anderem eine spezielle Ernährung, muss täglich 70 Prozent Fett und 20 Prozent Kohlenhydrate essen. Und er ist sehr anfällig für Infektionskrankheiten.

Unterstützung kommt aus der Politik

Aufgrund der Berichterstattung im HANAUER ANZEIGER erfuhr die Familie in den letzten Wochen viel Zuspruch. So hat die CDU-Bundestagsabgeordnete Katja Leikert bei Shevin Azam angerufen und ihr ihre Unterstützung zugesichert. „Das hat mir sehr viel bedeutet, genauso die Hilfe vom Landrat und vom Bürgermeister“, berichtet die Mutter. Inmitten der widrigen Umstände schafft sie es weiter, überaus freundlich und bescheiden zu bleiben, voller Geduld für ihre Kinder.

So ist sie zwar aktuell dankbar und glücklich, wieder eine warme und beheizte Wohnung zu haben, aber sie hat auch Angst. Der Vermieter Ulrich Bittner gilt als unberechenbar, hat im Haus Im Niederried sogar im Keller den Gaszähler samt Anschluss zumauern lassen. Und so hofft Shevin Azam bald eine neue Bleibe zu finden. „Eine Drei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss wäre wirklich schön.“ Vielleicht erfüllt sich im neuen Jahr ihr Wunsch.

Sind auf günstigen Wohnraum angewiesen und wollen endlich aus dem Bittner-Haus raus: Shevin Azam und ihre Familie. Ihr Sohn Lavan (vorne rechts) hat eine sehr seltene Krankheit, die mit Muskelschwäche einher geht. Darum kommt für sie nur eine Wohnung im Erdgeschoss in Frage.Foto: Monica Bielesch

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