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Landwirt Wilhelmi unterstützt regenerative Energien

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Links von An der Landwehr erhebt sich die Biogasanlage auf dem Hof von Landwirt Wilhelmi. Foto: Kalle
Links von An der Landwehr erhebt sich die Biogasanlage auf dem Hof von Landwirt Wilhelmi. Foto: Kalle

Bruchköbel. Der Hof Wilhelmi zwischen Bruchköbel und Erlensee zeigt, wie sich die Landwirtschaft im Laufe der Zeit verändert hat. Von der alten Romantik von weidenden Kühen ist nicht mehr viel übrig. Wir haben mit Hans-Ludwig Wilhelmi über die bewegte Geschichte der Straße An der Landwehr gesprochen.

Von Elfi Hofmann

Wer sich nicht auskennt, könnte fast vorbeifahren: Die Höfe An der Landwehr kurz vor Bruchköbel liegen für Ortsunkundige ziemlich versteckt. Hat man dann aber die richtige Ausfahrt gefunden, erstrecken sich rechts und links der langen Straße, die nach Oberissigheim führt und sogar eine eigene Bushaltestelle hat, zahlreiche Höfe. Auf einem von ihnen, in der Nummer 9, lebt Hans-Ludwig Wilhelmi mit seiner Familie. Und wer, wenn nicht er, könnte etwas über ihre Geschichte erzählen.

Dass sich auf dem Fleckchen Erde zwischen Erlensee und Bruchköbel Landwirte niedergelassen haben, liege an der Flurbereinigung in den 60er Jahren, erklärt Wilhelmi. „Bruchköbel hatte damals einen ländlichen Charakter mit starkem Zuwachs“, erzählt er. Die heute an der Straße An der Landwehr lebenden Bauern hatten ihre Höfe zu dieser Zeit mitten in der Stadt.

Landwirtschaft in die Wiege gelegt„Der Horst war neben der Tankstelle, der Weber lebte dort, wo heute die Kreissparkasse steht“, erinnert sich der Ur-Bruchköbeler, der als Erster zu Beginn der 60er Jahre „nach oben“ zog und dort baute. „Wir haben uns damals alle zusammengesetzt und sind dann an die Landwehr gefahren, um uns alles anzuschauen.“ Einige Jahre später standen dann dort die Höfe von insgesamt fünf Bauern.

Dass Wilhelmi mal einer von ihnen wird, ist dem CDU-Politiker praktisch in die Wiege gelegt worden. Als er 18 Jahre alt war, fragte ihn sein Vater, was man denn jetzt mit ihm machen sollte, ohne ihn ginge es nicht im Familienbetrieb. Also stieg der Nachwuchs komplett mit ein.

Allein nicht zu schaffenMit einem Ackerbau-Milchviehbetrieb auf 40 Hektar und mit 20 Kühen begann er damals. „Für's Leben hat das aber nicht ausgereicht“, erzählt er. Also wurde die Anzahl der Kühe verdoppelt, er begann mit der Nachzucht und erweiterte den Hof, auf dem auch seine Frau mithalf. Alleine sei die Arbeit nicht machbar gewesen.

Nach dem ersten Kind hat er dann die Milchwirtschaft aufgegeben und sich der Bullenmast zugewandt. Ungefähr in die gleiche Zeit fällt auch die Milchpreiskrise Anfang der 70er Jahre. Zu viele Landwirte produzierten zu viel Milch, es kam zur sogenannten Nichtvermarktungsprämie. Viele Landwirte seien damals davon betroffen gewesen, Wilhelmi zog deshalb die Reißleine und widmete sich mit 250 Bullen der Mast. So, wie viele seiner Kollegen in der Zeit. „Mit Rindviechern kann ich gut, ich bin ja selber eins“, erzählt er schmunzelnd.

Geschäft lohnt sich nicht mehrFür ihn und die anderen Bauern sei die Landwirtschaft Leben. Es gehe darum, zum einen ausreichend gesunde Nahrungsmittel preiswert zu erzeugen und die Kulturlandschaft zu erhalten. Aber auch darum, ausreichend Familieneinkommen zu erwirtschaften. Weil die Landwirtschaft immer effektiver werden musste, wurden auch die Maschinen an der Landwehr immer größer, die ländliche Romantik ging dabei verloren.

Viele würden die Betriebe verklären und gerne Kühe auf den Weiden grasen sehen. So seien der Beruf und das Landleben aber schon lange nicht mehr. Viele Bauern hätten deshalb im Laufe der Zeit aufgegeben und sich für andere Berufe entschieden. So lief das auch an der Landwehr. „Das Geschäft lohnt sich oft einfach nicht mehr, weil man immer größere Flächen braucht, um wirtschaftlich zu bleiben“, so Wilhelmi, dessen Familie schon früh auch auf andere Pferde setzte.

Niemandem Dreck hinterlassenSeine Frau machte in den 80er Jahren eine Ausbildung zur Bibliothekarin, schloss diese als Beste in ganz Hessen ab und arbeitete lange in der Brüchköbeler Stadtbücherei. Wilhelmi selbst kümmerte sich in dieser Zeit mehr um den Nachwuchs und war im Nebenerwerb als Berater im Main-Kinzig-Kreis tätig und unterrichtete an Schulen. Mit drei Kindern, die alle studiert haben, sei das einfach nötig gewesen.

Als er vor zehn Jahren einen Schlaganfall hatte, wandelte sich der Hof nochmals. „Am Anfang war ich ein großer Gegner von Solaranlagen und diesen ganzen Dingen“, erzählt er. Als er dann „kampfunfähig“ gewesen sei, setzte ein Umdenken bei ihm ein. „Jede Generation ist für sich selbst verantwortlich, ich hinterlasse niemandem meinen Dreck.“

Bäder werden geheiztAls es ihm wieder besser ging, habe er sich gemeinsam mit seinem Sohn viel mit dem Thema Photovoltaik befasst, das nach einigem Überlegen und Recherchieren wirtschaftlich interessant schien. Dann ging es ans Eingemachte. Die Dächer wurden neu gedeckt und tragen seit rund neun Jahren Solarpanelen, die sich laut Wilhelmi mittlerweile sogar rechnen.

Der optisch größte Einschnitt sind aber mit Sicherheit die drei großen Kuppeln, die man bereits von der Landstraße aus sieht. Seit fünf Jahren überragt die Biogasanlage die anderen Gebäude und verwertet Wärme und Energie. Gemeinsam mit der Famlie Bauer hat Wilhelmi die Bauer/Wilhelmi Agrar GmbH Bruchköbel gegründet. Mit der Anlage erreichen sie einen Wirkungsgrad von 95 Prozent. Zum Vergleich: Ein Kernkraftwerk erreicht nur rund 35 Prozent.

Kommunikation ist wichtigMit der Energie werden auch das Hallenbad und das Freibad in Bruchköbel gewärmt. Dafür wurde extra eine Leitung gelegt. Innerhalb von zehn Jahren wurde Wilhelmi also vom Landwirt zum Energiewirt.

Und als ob das noch nicht genug wäre, finden auf seinem Hof seit 21 Jahren Veranstaltungen der Wundertüte statt. Der Kulturverein galt früher als sehr links und passt auf den ersten Blick eigentlich so gar nicht zum CDU-Politiker. Doch der Landwirt legt viel Wert auf Kommunikation.

Das Leben genießenUnd so ergab es sich, dass sich lange Zeit auf dem Bauernhof Jazz-Größen die Klinke in die Hand gaben. „Irgendwann ist das Publikum weggeblieben“, erzählt Wilhelmi bedauernd. Deshalb verlegten er und der Verein sich auf andere Genres. Im September findet zum fünften Mal die Sommerparty der Wundertüte statt, gleichzeitig auch die Feier zum 30-jährigen Bestehen der Gruppe. „Das Miteinander funktioniert einfach sehr gut“, betont Wilhelmi.

Dabei sein wird dann auch Leo, eine von vier Katzen, die auf dem Hof eine Heimat gefunden hat und das Leben, genau wie die menschlichen Bewohner, An der Landwehr genießt.

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