Bei schwarzem Tee aus England - wie es sich gehört mit einem Schuss Milch - unterhalten sich HA-Volontärin Jasmin Jakob (links) und Susan Imgrund über Biografisches in den Kinderbüchern der Bruchköbeler Autorin. Foto: Axel Häsler

Bruchköbel

Kinderbuchautorin S.P. Moss nimmt Schüler mit in fiktive Welten

Bruchköbel. Es war wohl das schönste Geburtstagsgeschenk, das ihr Mann ihr jemals gemacht hat: Ein kleines Stück Heimat in der Fremde – Das kleine English Pub im Keller, das er für sie extra gebaut hat, als sie beruflich auf Reisen war.

Von Jasmin Jakob

Zusammen haben sie es nach und nach mit Erinnerungsstücken aus ihrer Heimat eingerichtet: „Mein Mann sagt immer, das ist unser Wellnessbereich. Hier kann man einfach die Tür schließen und vergessen, dass man sich in einem modernen Haus in Bruchköbel befindet“, sagt Susan Imgrund mit ihrem sympathischen britischen Akzent.

Das English Pub ist ihr absoluter Lieblingsplatz – der perfekte Ort, um sich zum Feriengespräch zu treffen. Die gebürtige Engländerin wohnt seit 15 Jahren mit ihrem Mann Jörg und deren gemeinsamen Sohn in Bruchköbel. 2012 hat sie unter dem Pseudonym S.P. Moss ihr erstes von bisher drei Kinderbüchern veröffentlicht und hat durch ihre lebendigen Lesungen mit Schulklassen Aufmerksamkeit erregt.

Hier scheint die Zeit stillzustehen: Das kleine English Pub ist ein Zufluchtsort der Autorin. Foto: Axel Häsler

„In meinen Büchern geht es um einen Jungen von heute, der Computer- und Videospiele gewohnt ist und außerhalb der virtuellen Welt richtige Abenteuer erlebt. Ein Held ohne heldenhaften Charakter, der ein bisschen verträumt ist und sehr viel Fantasie hat“, erklärt sie.

Der Protagonist Billy war zu Beginn inspiriert von ihrem Sohn: „Drei Wochen nachdem mein Sohn geboren wurde, ist mein Vater gestorben. Das war eine Zeit mit viel Freude und Leid. Leider hat er meinen Vater nie kennengelernt – irgendwann hat er angefangen, Fragen zu stellen.“ Da kam ihr die Idee, ein Buch über einen Jungen zu schreiben, der eine Zeitreise macht und dort seinen Großvater trifft. So gerät Billy im ersten Buch „The Bother of Burmeon“ über ein Kaleidoskop, das er zufällig gefunden hat, über einen Zeitstrudel in das Jahr 1962 und in das Fantasieland „Burmeon“. Dort trifft er seinen Opa, der Pilot ist.

Vater erlebte echte Abenteuer

Das Land „Burmeon“ ist inspiriert von Myanmar, auch Burma genannt, und war ideal, um auch Imgrunds Lieblingstier, den Tiger, unterzubringen. „Ich wollte unbedingt eine Geschichte mit einem Tiger schreiben und mit einem verrückten Diktator.“ Von dem Erlös ihrer Kinderbücher spendet die Britin regelmäßig an gute Zwecke, zum Beispiel für Schulmaterial im Jemen – wo ihr jüngstes Buch spielt – oder für den Schutz der Tiger. „Mit meinen Büchern verdiene ich zwar kein Vermögen, aber mir ist es wichtig, etwas zurückzugeben“, sagt die Autorin.

Auch Imgrunds Vater war Pilot bei der Royal Air Force und beruflich immer viel auf Reisen. Ihre ersten Erinnerungen stammen daher auch aus Burma „Bis ich viereinhalb war, war es für mich völlig normal, bei heißen Temperaturen jeden Tag am Strand zu sitzen.“ Dann entschieden ihre Eltern, dass es für die Familie besser wäre, wenn sie nach Surrey, in eine Kleinstadt westlich von London, ziehen. Der Vater war weiterhin viel unterwegs. „Er hat uns immer sehr viele Geschichten von anderen Ländern und Kulturen erzählt, das war sehr faszinierend.“

Im Flugzeug transportieren

Echte Abenteuer waren das. Die Infrastruktur war nicht so gut ausgebaut wie heute, die Technik noch analog, damals dauerte eine Reise in östlichen Ländern mitunter mehrere Tage. So waren auch die Erzählungen des Vaters und seine seidenen Landkarten eine große Inspirationsquelle für die Autorin. „Die Landkarten hatte mein Vater mit im Flugzeug. Die waren damals alle aus Seide gemacht, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit, aus Papier wären sie zu schnell kaputtgegangen.“

Ihre Bücher kann sie heute ohne Probleme mit im Flugzeug transportieren, wenn sie in England Lesungen gibt. Die Bücher erschienen nämlich zuerst in England bei einem kleinen Verlag, der einen Wettbewerb für Kinderbücher ausgeschrieben hatte und dessen Preis die Veröffentlichung war. „Das war ein großer Traum von mir, aber es war auch eine große Herausforderung, in Deutschland zu leben und das Buch publik zu machen“, sagt Imgrund.

Präsentation mit Sprachquiz

Die Bücher gibt es momentan nur auf Englisch. Lesungen in England waren daher kein größeres Problem – in Deutschland hingegen lassen sie sich am besten in den Englischunterricht integrieren: „Am Anfang habe ich nur gelesen, das war o.k. Dann dachte ich mir, irgendwie muss ich die Kinder mehr involvieren mit Schauspiel und Kostümen.“ Im Klassenzimmer erwachen so ihre Geschichten zum Leben. „Den Kindern macht das sehr viel Spaß, vor allem, wenn sie echte Bösewichte – wie bei James Bond – spielen dürfen.“

Und auch Imgrund bereitet es große Freude, die Kinder in ihre Fantasy-Vergangenheit mitzunehmen und ihnen etwas über ihre Muttersprache beizubringen. Bei Lesungen hat sie daher auch immer eine Präsentation mit einem Sprachquiz dabei. Deutsch hat sie selbst nie in der Schule oder in einem Sprachkurs gelernt. „Ich habe mich mit Sprache umgeben und egal wie peinlich es mir am Anfang war, mich immer dazu gezwungen, Deutsch bei jeder Gelegenheit zu sprechen, auch wenn viele gerne mit mir auf Englisch reden.“

2012 hat sie ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht: Das aktuellste „The Al-Eden Emergency“ ist das dritte der Reihe um den Protagonisten Billy. Foto: Axel Häsler

Seit vergangenem Jahr hat sie – neben dem britischen – auch den deutschen Pass. So kann sie auch nach dem Brexit problemlos in Deutschland leben und in ganz Europa arbeiten sowie Familie und Freunde in England besuchen: „Ich fühle mich europäisch und bin stolz darauf. Jetzt muss ich mir auch weniger Sorgen wegen dem Brexit machen.“ Dass dieser nicht mehr abzuwenden ist, bedauert sie sehr. „Keiner weiß, wie schwierig es wird, alle sind unvorbereitet und leider kann man jetzt keinen Schritt mehr zurück machen.“

Eigentlich hat Imgrund Psychologie am Trinity College in Cambridge studiert und ist dann über verschiedene Jobs in die Werbebranche geraten. Hauptberuflich ist sie Beraterin für Marketing und Werbung und muss beruflich viel reisen – Reisen und Schreiben waren schon immer ihre Hobbys.

Im Herbst mehrere Lesungen in England

Auf Reisen hat sie auch ihren Mann kennengelernt – 1993 in einer kleinen Skihütte in der österreichischen Gemeinde Obergurgl. „Das Wetter an dem Tag war unmöglich, man hatte keine Sicht. Da bin ich mit einer Freundin in eine Ski-Hütte gegangen.“ Die war aufgrund der Wetterverhältnisse ziemlich voll – und da saß Jörg an ihrem Tisch. „Zuerst waren wir nur Freunde. Dann haben wir uns gegenseitig besucht – er mich in England und Schottland und ich bin dann nach Deutschland gekommen.“ Dort lebt sie jetzt seit 23 Jahren und hat viele Ideen für noch ungeschriebene Bücher – „irgendwann vielleicht auch für Erwachsene“.

Im Herbst gibt sie mehrere Lesungen in England und möchte weitere in Deutschland veranstalten, um ihr neues Buch „The Al-Eden Emergency“ bekannt zu machen. „Im Moment hat J.K. Rolling kein Grund, sich Sorgen zu machen – aber ich arbeite daran“, scherzt sie.

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