Wehren sich gegen die Zustände in ihren Mietwohnungen: Die Nachbarn Oskar Feder und Shevin Azem bringen nur durch elektronische Heizkörper etwas Wärme in ihre Wohnungen. Azem muss sich überdies um ihren schwer beeinträchtigten Sohn Lavan (Mitte) und ihre dreijährige Tochter Lilan kümmern. Foto: Monica Bielesch

Bruchköbel

Keine Heizung, kein Warmwasser: Bittner lässt Mieter im Stich

Bruchköbel. In einem Mietshaus Im Niederried 6 haben die zwölf Parteien seit Monaten keine Heizung mehr, auch das warme Wasser wurde abgestellt. Der Vermieter zahlt die Rechnungen an die Kreiswerke nicht, er ist bereits früher negativ aufgefallen. Auf die Probleme der Mieter reagiert er nicht.

Von Monica Bielesch

Eiskalt. Die kleinen Hände des achtjährigen Lavan sind eiskalt. Kein Wunder, denn seine Familie muss in einer Wohnung ohne funktionierende Heizung leben. Mutter Shevin Azam sitzt auf der Couch in der knapp78 Quadratmeter großen Wohnung und ist verzweifelt, versucht vor den Kindern die Fassung zu behalten.„Dass die Kinder immer frieren, das ist ganz schlimm“, sagt die 33-Jährige und kämpft mit den Tränen.

Wie der kleine Lavan und seine dreijährige Schwester Lilan trägt sie eine dicke Fleecejacke über einem Pullover. Im Wohnzimmer der vierköpfigen Familie stehen zwei elektrische Heizkörper, richtig warm ist es trotzdem nicht. Der Rest der Wohnung, für die die Familie 670 Euro Warmmiete bezahlt, ist eisig kalt. Shevin Azam: „Nachts stelle ich die Heizkörper ins Kinderzimmer und ins Schlafzimmer.“

Schwerbehinderter Sohn braucht warme Wohnung

Besonders sorgt sie sich um ihren Sohn Lavan. Er ist schwer behindert, braucht täglich viele Medikamente und eine spezielle Ernährung. Nach einer Polypen- und Mandeloperation vor Kurzem soll er eigentlich warm gehalten werden.

„Aber wie denn?“, sagt seine Mutter und schaut sich hilflos in der kalten Wohnung um. Lavan besucht die Frida-Kahlo-Schule in Bruchköbel, darum können sie nur im näheren Umkreis nach einer neuen, bezahlbaren Wohnung für die Familie suchen.

Seit März keine Heizung, seit Juli kein Warmwasser

Bereits seit März haben die zwölf Parteien im Mietshaus Im Niederried 6 keine Heizung mehr. Seit Juni, als der Gerichtsvollzieher den Gaszähler im Keller ausbaute, auch kein heißes Wasser mehr, erzählt Shevin Azam. Was im Sommer zu verschmerzen war, wird immer mehr zum Problem, je tiefer das Thermometer fällt. Und nun wollen die Main-Kinzig-Werke Anfang Dezember auch noch das komplette Wasser abstellen.

Azams Nachbar Oskar Feder zeigt ein Schreiben vor, in dem die Main-Kinzig-Werke fehlende Zahlungen des Vermieters als Begründung angeben. „Dann kann man noch nicht mal mehr auf Toilette gehen, wie soll das gehen?“, schimpft Feder.

Oskar Feder ist 73 Jahre alt. „Seit meinem Schlaganfall habe ich gesundheitliche Probleme.“ Auch er hat einen Heizkörper in seiner 58 Quadratmeter großen Wohnung, die 550 Euro Warmmiete kostet, laufen. „Ich rasiere mich mit Wasser aus dem Wasserkocher und zum Duschen gehe ich zu meiner Tochter, aber das ist doch kein Zustand“, meint er.

Vermieter Bittner ließ schon andere Immobilien verkommen

Der Vermieter ist kein unbeschriebenes Blatt: Das Haus Im Niederried 6 gehört dem Box-, Bau- und Immobilienunternehmer Ulrich Bittner, dort firmiert auch sein Unternehmen Bittner Group sowie das Ingenieurbüro Bittner. Die im Internet auf der Webseite angegebenen Telefonnummern sind allerdings außer Betrieb.

Bittner hatte in den vergangenen Jahren schon juristische Auseinandersetzungen, weil er diverse Immobilien in Erlensee und Großkrotzenburg verkommen ließ. Oskar Feder und die Familie Azam haben natürlich den Vermieter auf die Zustände im Haus aufmerksam gemacht. Aber entweder reagierte er nicht auf ihre Briefe und Anrufe oder er machte Versprechungen, die nicht eingehalten wurden.

„Ich habe Herrn Bittner vor ein paar Wochen sogar persönlich vor dem Haus getroffen, habe gesagt, das geht so nicht“, erzählt die junge Mutter. Bittner hätte versprochen, sich um die ausgeschaltete Heizanlage zu kümmern. „Bis heute ist nichts passiert.“ Oskar Feder versprach der Vermieter am Telefon, dass das Wasser nicht abgestellt werde. „Er verbürge sich dafür, hat er gesagt“, erzählt Feder.

Verantwortliche sind nicht zu erreichen

Im Juni haben die Mieter zudem ein Schreiben erhalten, in dem der Rechtsanwalt Peter A. Iten als „Liquidator“ präsentiert wird. Der Brief enthält auch eine neue Kontonummer und den Hinweis, dass die Miete nur noch auf dieses neue Konto überwiesen werden sollte. Auf dem Schreiben ist eine Adresse im schweizerischen Zug angegeben.

Bei der auf der Iten-Webseite gefundenen Telefonnummer in der Schweiz ist kein Anschluss mehr. Auf einer weiteren Webpräsenz des Anwalts steht Im Niederried 6 als Firmenadresse. Die Telefonnummer ist von einer Sekretärin besetzt, aber Liquidator Iten meldet sich auf Anfrage nicht in der Redaktion zurück.

Mieter haben keine Alternativen

Probleme mit dem Vermieter gebe es schon seit Jahren, berichten Feder und Azam. „Aber so schlimm wie jetzt, war es noch nie“, sagt Shevin Azam traurig. Wie Feder sucht auch sie seit Jahren eine neue Wohnung für ihre Familie. Der 73-Jährige, der die Miete vom Sozialamt bezahlt bekommt, hat sich schon viele Wohnungsangebote angeschaut, aber entweder nicht den Zuschlag bekommen oder die Wohnung war weit im Ostkreis.

„Ich habe doch aber meine Ärzte hier“, sagt er. Bei der Bruchköbeler Baugenossenschaft sind beide seit Jahren Mitglied, eine freie Wohnung haben sie bisher dort nicht erhalten. Das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum spüren sie am eigenen Leib.

Warmes Wasser in der Thermoskanne

Beim Gang durch die Wohnung zeigt Shevin Azam die Thermoskanne, die im Bad am Waschbecken steht. „Da fülle ich morgens warmes Wasser rein, damit mein Mann und die Kinder sich wenigstens das Gesicht waschen können.“ In der Badewanne hat sie eine Babybadewanne stehen.

Um die Kinder zu waschen, kocht sie mit zwei großen Töpfen und einem Wasserkocher heißes Wasser, befüllt damit die Babywanne und mischt kaltes Wasser dazu. Vater Azam, der als Bauarbeiter arbeitet, muss sich abends auf die gleiche Weise waschen.

Die kleinen Hände von Lavan sind auch am Ende des Gesprächs noch eiskalt. Obwohl er alles versteht, kann er nicht sprechen und antworten. Geduldig erklärt seine Mutter ihm alles. Zum Abschied winkt er vom kleinen Balkon, um dann in die Wohnung zurückzukehren, in der es nicht viel wärmer ist als draußen.

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