Die Assistenzprofessorin Jana Gallus mit ihren Eltern, die die Wirtschaftswissenschaftlerin so oft es geht zu Hause in Bruchköbel besucht. Foto: Weber

Bruchköbel

Jana Gallus ist Professorin, Fotomodel und Marathonläuferin

Bruchköbel. Über Jana Gallus ließen sich viele Geschichten erzählen: Mit gerade einmal 29 Jahren wurde die Ökonomin bereits Assistenzprofessorin an der University of California in Los Angeles. Sie ist ein erfolgreiches Fotomodel. Und als ob das schon nicht genug wäre: Marathon läuft die Bruchköbelerin auch noch.

Von Holger WeberJana Gallus sitzt am Esstisch ihres Elternhauses in Bruchköbel. Es gibt Gebäck und getrocknete Früchte. Zu Hause zu sein hat für sie eine besondere Bedeutung.

Denn seitdem sie kurz nach dem Abitur die Heimat verlassen hat, sind es immer nur Stippvisiten gewesen, die sie wieder zurück in das Elternhaus geführt haben, wo ihre Eltern leben und wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat.Bilderbuchkarriere beginnt in HanauDie Laufbahn der jungen Frau ist das, was man gemeinhin als eine Bilderbuchkarriere bezeichnen würde. Das Abitur legte sie an der Karl-Rehbein-Schule in Hanau mit Bestnoten ab, es folgte ein Bachelor in Paris und Santa Barbara, ein Master an der Pariser Eliteschule Science Po sowie an der Universität St. Gallen. Ihre Promotion an der Universität in Zürich schaffte sie mit summa cum laude. Darauf folgte eine Postdoc-Forschungsstelle an der Harvard-Universität. Und seit vergangenem Sommer ist sie nun Assistenzprofessorin an der Business School der University of California, Los Angeles (UCLA).

Dort unterrichtet sie Studentinnen, die im Durchschnitt ihr Alter haben. Das sei nicht immer ganz einfach. Besonders zu Beginn hätte sie sich schon beweisen müssen, sagt sie und zeigt ein Foto, auf dem sie inmitten ihrer Studentinnen optisch nicht heraussticht. Doch sie hat sich den Respekt ihrer Schüler erworben, was sich nicht zuletzt an den tadellosen Bewertungen zeigt, die sie von den Studenten als Lehrkraft erhalten hat.Von Chicago über Zürich nach BruchköbelDass Studenten ihre Professoren bewerten, ist typisch für amerikanische Business Schools. „Wir sind dort eben auch Dienstleister, die einen Service erbringen“, erzählt sie. Momentan ist für die junge Wissenschaftlerin vorlesungsfreie Zeit an der UCLA, das heißt, dass sie häufig in der Welt unterwegs ist. Vorträge, Feldforschungen, Tagungen. Ihr Terminkalender ist voll, die Termine sind fast auf den Tag genau getaktet: Chicago, Zürich, Bruchköbel, Barcelona, Bruchköbel, Mannheim, New York, München, wieder New York, und dann zurück nach Los Angeles. Alles innerhalb von drei Wochen.

In solchen Phasen lebt Jana Gallus aus dem Koffer. Es mache ihr nicht viel aus, sagt sie. Zum einen, weil ihr ebenfalls aus Bruchköbel stammender Ehemann Gregor als Softwareentwickler örtlich ungebunden ist und sie oft begleiten kann. Und weil sie das Reisen mag. Gallus spricht neben Englisch auch fließend Französisch und Spanisch.Begeisterndes ForschungsgebietVor allem aber ist es ihr Forschungsgebiet, das sie begeistert und für das sie so manch eine Strapaze gerne in Kauf nimmt. Gallus beschäftige sich mit wirtschaftlichen Kräften, die sich der Logik von Angebot und Nachfrage sowie Preis und Leistung entzögen. So hat es jüngst der Autor in einem Bericht in der „Zeit“ über sie treffend formuliert. In der Schweizer Ausgabe des Wochenblattes wurde sie als eine der vielversprechendsten Ökonominnen der Gegenwart gepriesen. Die wirtschaftlichen Kräfte, die dem klassischen Bild der Ökonomie entgegenstehen, sind nach Ansicht von Gallus Anerkennung und Wertschätzung von Arbeit.

In Kürze erscheint bei Oxford University Press ihr Buch mit dem Titel „Honours versus Money“ (Ehre gegen Geld), das sie mit ihrem ehemaligen Doktorvater, dem Ökonomieprofessor Bruno S. Frey, verfasst hat. Stark vereinfacht ließe sich ihre These so zusammenfassen: Geld ist bei Weitem nicht alles, was Menschen antreibt. Soziale Anerkennung ist laut Gallus die viel größere und vor allem aber beständigere Triebfeder für die Menschen.Öffentliche Anerkennung ist wichtigIn Zeiten, in denen über Boni-Zahlungen für Banker und Topmanager diskutiert wird, aber auch die Sorge um die immer kleiner werdende Zahl von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, größer wird, ist dies ein höchst aktuelles und brisantes Thema. Ein Sujet, das viele Bereiche berührt und sowohl wirtschaftliche, politische als auch gesellschaftliche Bedeutung hat. Professor Bruno S. Frey glaubt gar, dass das Buch zu diesem Thema der jungen Bruchköbelerin international zu ihrem Durchbruch verhelfen wird.

Gallus hat ihre These, dass öffentliche Anerkennung den Menschen nachhaltig motivieren kann, mit Feldexperimenten untermauert. Beispielsweise beim Online-Lexikon Wikipedia. Die Betreiber der Plattform, auf der Menschen unentgeltlich und anonym Texte schreiben, sahen sich vor das Problem gestellt, dass viele der Schreiber schnell wieder von der Bildfläche verschwanden und manchmal nur einen einzigen Beitrag verfassten.Überdurchschnittlich lange Motivation belegt die TheseIn Absprache mit einigen Wikipedianern des Schweizer Wiki-Portals entwickelte Gallus ein Auszeichnungssystem für neue Autoren: „ein Edelweiß mit Stern“. Damit wurden einige Autoren zur Anerkennung für ihre Leistung auf ihrer Profilseite und einer eigens dafür eingerichteten Auszeichnungsseite geehrt.

Das Ergebnis nach elfmonatiger Laufzeit sei verblüffend gewesen: Im Vergleich zu den Autoren in der Kontrollgruppe, die keine Auszeichnung erhielten, blieben unter den Ausgezeichneten 20 Prozent mehr Neulinge aktiv und verfassten in den Folgewochen weiterhin munter Artikel. Und die Motivation hielt überdurchschnittlich lange an: mehr als ein Jahr. Zuschriften der Autoren wie „Ich fühle mich sehr geehrt durch diesen Preis. Er zeigt mir, dass meine Beiträge hier anerkannt werden“ belegten die These der Bruchköbelerin. Natürlich funktioniere das System mit der Anerkennung auch nur dann, wenn bei den Menschen eine gewisse materielle Absicherung gegeben sei. Anerkennung dürfe keinesfalls ein Ersatz für eine angemessene Bezahlung sein. „Das wäre geradezu ein Affront“, sagt sie mit ruhiger klarer Stimme.Kopf frei bekommen beim JoggenAm Abend nach dem Interview mit unserer Zeitung wird sie per Videokonferenz der Verteidigung einer Doktorarbeit in Los Angeles zugeschaltet. Ganz abschalten von ihrer wissenschaftlichen Arbeit kann sie auch bei den Kurzbesuchen zu Hause nicht, wenngleich sie sich Zeit nimmt für Besuche bei der Oma und ein Treffen mit alten Freunden in der Eisdiele oder in einer Bruchköbeler Kneipe.

Den Kopf frei bekommt die Bruchköbelerin vor allem beim Joggen. Sie ist schon mehrere Marathons gelaufen, unter anderen in San Francisco und Los Angeles. Auch in Frankfurt war sie schon dabei, wenngleich ihr der am wenigsten gefallen habe. Ihre Leidenschaft neben der Wissenschaft und dem Sport ist das Modeln. Da tauche sie ab in eine völlig andere Welt. Auch da hätte sie große Chancen auf eine Bilderbuchkarriere gehabt. Doch die wissenschaftliche Anerkennung war ihr letztlich doch wichtiger als die Wertschätzung auf dem Laufsteg oder vor der Kamera.

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