Hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Arbeitsagentur sitzen mit Migranten zum gemeinsamen Abschlussgespräch an einem Tisch. Foto: Rainer Habermann

Bruchköbel

Interkulturelle Wochen gehen mit "Integrations-Gipfel" zu Ende

Bruchköbel. In den vergangenen Tagen waren und sind Klima-Gipfel auf nationaler und globaler Ebene in den Schlagzeilen. Eine Nummer kleiner ging es zu beim „Integrations-Gipfel“ im Bruchköbler Bürgerhaus am Donnerstagabend.

Von Rainer HabermannZum Abschluss der „Interkulturellen Wochen im Main-Kinzig-Kreis“ mit Veranstaltungen und Workshops zu Kunst, Literatur, Kultur und Musik hat dort – auf Einladung von Dietmar Hußing vom Fachbereich Familie, Bildung und Soziales der Stadt Bruchköbel – eine Gesprächsrunde stattgefunden.

Gesprächsrunde über das Zusammenleben

Die brachte Vertreter von IHK (Industrie- und Handelskammer), KCA (Kommunales Center für Arbeit), des Landkreises und der GfW (Gesellschaft für Wirtschaftskunde) auf der einen, Vertreter aus Unternehmen, ehrenamtliche Flüchtlingshelfer und Migranten selbst, die in Arbeit oder Ausbildung sind, auf der anderen Seite an einen Tisch.

„Wo war die Arbeitsintegration erfolgreich, wo gab und gibt es Defizite?“ So lautete eine zentrale Fragestellung der Runde. Sie wurde auch entsprechend zwiespältig beantwortet. Man kann ein vorläufiges Fazit der Integrationsarbeit vielleicht so ziehen: Viel wurde erreicht, aber noch längst ist die Anstrengung, die mit dem geflügelten Wort der Bundeskanzlerin aus dem Jahr 2015: „Wir schaffen das“ verbunden ist, nicht beendet.

Trotz Erfolgen bleibt das Bedürfnis nach stärkerer Unterstützung

Denn trotz Erfolgen in der Sprachvermittlung an Geflüchtete, trotz des teilweisen Erfolgs bei der unmittelbaren Integration von Migranten in die Ausbildungs- und Arbeitsprozesse der deutschen Wirtschaft und der Bildungseinrichtungen, bleibt – neben tatsächlichen Glücksgefühlen – auch ein Stück Verzweiflung, auch das Bedürfnis nach noch wesentlich stärkerer Unterstützung und Förderung spürbar.

Neben Hußing, dessen Aufgabe im Bruchköbler Rathaus unter anderem die Integration von Asylsuchenden ist, saß am Tisch der Fachbereichsleiter Soziales der Stadt, Andreas Kalski. Für die IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern nahm deren Präsident Dr. Norbert Reichhold teil, für die GfW als Bildungswerk der Wirtschaft ihr Geschäftsführer Reinhold Maisch.Und für das KCA schließlich die Vorstandsreferentin und Koordinatorin für Integrationsprojekte, Erika Kollmann, neben zwei Damen des Büros für interkulturelle Zusammenarbeit im Main-Kinzig-Kreis.

Hochkarätige Runde tauscht sich afghanischer Familie aus

Eine hochkarätige Runde also, gegenüber eine afghanische Familie mit 16-jährigem Realschüler und einem Vater, der in gestandenem Alter eine Ausbildung zum Mechatroniker macht. Aber mit dem Beruf eines Lokführers liebäugelt. Sein Kernsatz: „Wenn ich diese Ausbildung hinter mir habe, dann würde ich gerne weiter machen und mich bei der Deutschen Bahn bewerben.“

Doch kein Licht ohne Schatten: Zwei weitere Migranten, die an der Runde teilnahmen, äußerten eher Skepsis am Erfolg ihrer jeweiligen Ausbildungsmaßnahme. Das scheint individuell verschieden. Und während Kollmann durchaus eine Fülle von Maßnahmen der Agentur für Arbeit schilderte – erfolgreiche, wohlgemerkt, wiesen Reichhold und Maisch auch auf Schattenseiten der Entwicklung hin. So stehen laut dem IHK-Präsidenten rund 1500 Prüflingen im vergangenen Jahr insgesamt nur 59 Ausbildungsverträge von MKK-Betrieben mit außereuropäischen Migranten, also Geflüchteten, gegenüber.

Immer mehr Mobbing-Fälle

Die Abbruchquote liege mit 28 Prozent allerdings nicht deutlich über der von Einheimischen oder EU-Migranten. Wobei die Ausbildungssuchenden unter den Geflüchteten im Durchschnitt 23 Jahre alt und zu 92 Prozent männlich seien. Auf einen bedenklichen Aspekt wies Maisch hin. So würden zunehmend Fälle von Mobbing bekannt, und zwar von EU-Migranten gegenüber muslimischen oder andersfarbigen Flüchtlingen in Betrieben.

Ein Aspekt, den eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin aus Brüchköbel ebenfalls kennt: „Ein Sanitärbetrieb musste einen sehr zuverlässigen Lehrling wieder entlassen, weil die Kunden 'keinen Schwarzen im Haus haben wollten', wie der Chef meinte.“

Ehrenamtliche werden dringend gebraucht

Die Dame sprach in dem Zusammenhang auch davon, dass die Deutsch-Kurse für Migranten „eine Katastrophe“ seien. Was möglicherweise an der Qualität der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beauftragten Sprachschulen liege. In ihren Schlussworten nach gut zweistündigem Informationsaustausch, moderiert von Hußing, bat vor allem Reichhold um eine noch breitere Unterstützung aus der Bevölkerung für geflüchtete Menschen, etwa bei Behördengängen oder dem Ausfüllen von Formularen.

Nach wie vor werden Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe – und hier vor allem bei der Integration in die Gesellschaft, nachdem es anfangs hauptsächlich auf Sachspenden angekommen sei, dringend gebraucht: hier waren sich alle Gesprächsteilnehmer absolut einig.

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