Früher und Heute: Heribert Jünemann liebt die Musik und freut sich auf gemeinsame weitere Auftritte mit seinen Freunden aus Studientagen.
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Früher und Heute: Heribert Jünemann liebt die Musik und freut sich auf gemeinsame weitere Auftritte mit seinen Freunden aus Studientagen.

Heribert Jünemann geht in Rente / Abschiedsgottesdienst bei Erlöser der Welt

Bruchköbels Pfarrer: „Gott hat es gut mit mir gemeint“

  • Holger Weber-Stoppacher
    VonHolger Weber-Stoppacher
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Bruchköbel – „Alles hat seine Stunde, für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ So steht es auf der Titelseite des aktuellen Pfarrbriefs der katholischen Kirchengemeinde „Erlöser der Welt“ in Bruchköbel. Für Pfarrer Heribert Jünemann ist es die Stunde des Abschieds, die immer näher rückt. Nach 21 Jahren wird er am Donnerstag, 16.

September, seinem 70. Geburtstag, in Rente gehen. Ob es ein Ruhestand wird, darüber entscheiden auch die Gemeindemitglieder und sein Nachfolger, der kongolesische Priester Eric Mambu, der künftig die Position des Administrators in der Kirlesiedlung bekleiden wird. „Ich will gerne weiter helfen, sei es als Organist, als Aushilfspfarrer oder in anderer Funktion.“ Aber eines werde er auf keinen Fall tun, betont Jünemann: seinem Nachfolger ins Handwerk reden. Deshalb habe er sich auch nördlich der Bruchköbeler Hauptstraße eine Wohnung gesucht, also im Gemeindeteil von Sankt Familia, in gesunder Distanz zu seinem Pfarrbüro an der Varangeviller Straße 22.

Nirgendwo hat Jünemann so viel Zeit seines Lebens verbracht wie in Bruchköbel, in der hessischen Toskana, wie er die Stadt liebevoll nennt. Nicht nur wegen des Klimas, sondern auch wegen der menschlichen Wärme, die er hier erfahren habe.

Der Wechsel in die Bruchköbeler Gemeinde an jenem 1. September 2000 war eine Zäsur im Leben Jünemanns, dessen größter Teil seiner Biografie vom Leben in der ehemaligen DDR geprägt ist.

1951 wurde er in Treffurt im Werratal nahe der deutsch-deutschen Grenze geboren. Heldra, der nächste Ort auf der westlichen Seite, war so nah, „dass man den Leuten dort in die Suppe spucken konnte, und doch war er für uns durch den Eisernen Vorhang weiter weg als Wladiwostok“, sagt er.

Sein Vater hatte der erweiterten Familie zur Flucht in den Westen verholfen, die eigene Flucht scheiterte jedoch, weil Heribert Jünemanns ältere Schwester am Tag, als die Familie ebenfalls gehen sollte, an der Grenze so schrie, dass die Familie den Mut verlor und vor der Grenze kehrtmachte. Der Pfarrer erzählt dies heute mild lächelnd und mit einem Zitat des von ihm sehr geschätzten Adolph Kolping: „Gott stellt jeden dorthin, wo er ihn braucht.“

Jünemann wurde diesem Verständnis folgend in der DDR gebraucht, wo der Staatsapparat die Kirchen misstrauisch beäugte, aber auch weitestgehend gewähren ließ, sagt er. „Honecker war ja angewiesen auf die westlichen Gelder“, so Jünemann. Die Finanzhilfen flossen nicht selten durch kirchliche Kanäle, damit die wenig ergiebige Planwirtschaft am Laufen gehalten werden konnte. „In der DDR gab es nur eines: und das war Nichts“, sagt Jünemann rückblickend. Im Umgang mit dem repressiven Staatsapparat bewies er schon als Theologiestudent Chuzpe. Mit Freunden gründete er eine Band, die Erfurter Theologen-Band, die noch heute existiert und deren Zusammenhalt und Fortentwicklung sich der angehende Rentner nun besonders widmen möchte. Die jungen Theologen spielten Stücke von den Rolling Stones, den Beatles und anderen Kultbands ihrer Zeit. Hatte er keine Angst? „Wir haben nicht gefragt. Wer viel fragt, bekommt auch viele Antworten“, sagt er. Später, nach dem Fall der Mauer las er in der Akte, die die Staatssicherheit über ihn angelegt hatte: „Er (Jünemann) weiß ganz genau, wie weit er gehen kann, ohne dass wir ihm was anhaben können.“ Diese Einschätzung der Stasi galt jedoch vor allem seiner Arbeit als Priester in Breitenholz, Hausen und Brehme im Eichsfeld, wo er in der Zeit zwischen 1979 und 1994 tätig war. Nach einem sechsjährigen Intermezzo in der kleinen Gemeinde Schleid, die politisch zu Thüringen, aber kirchenrechtlich bereits zum Bistum Fulda gehörte, kam Jünemann nach Bruchköbel. Und dort wurde dem leidenschaftlichen Musiker erst bewusst, was er alle die Jahre in der DDR vermisst hatte: ein reiches gemeindliches Leben mit vielfältigen Angeboten für junge und alte Gemeindemitglieder. Dies sei nur deshalb möglich gewesen, weil in der Pfarrgemeinde „unendlich viele und gute Menschen sind, die das Leben durch ihr Engagement bereichert haben.“

Für die Bruchköbeler Gemeinde war Jünnemann eine Bereicherung. Er sei bereit gewesen, neue Wege zu gehen. Die Gemeindemission, mit der sich Erlöser der Welt 2018 neue Strukturen und neue Ziele verschaffte, sei von Jünnemann nicht nur getragen, sondern auch in vielen Punkten vorangebracht worden, sagt zum Beispiel Joachim Rechholz als einer der Aktivposten der Gemeinde. Persönlich sei er Jünnemann dankbar dafür, dass dieser ihn auf dem Weg zum Katholizismus begleitet habe, so der engagierte, ehemalige Freikirchler.

Für Jünemann sind es die musikalischen Projekte wie die Kinderbibel-Musicals, die er besonders in Erinnerung behalten werde. Viel Arbeit und Liebe zum Detail steckten in den Aufführungen, mit denen Generationen von Kindern in der Gemeinde an die Musik herangeführt wurden.

„Gott hat es gut mit mir gemeint, als er mir den Weg nach Bruchköbel und zur Pfarrgemeinde Erlöser der Welt zeigte. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Jünemann, dem zu Ehren am Donnerstag um 17 Uhr ein Dankgottesdienst in der Kirche an der Varangviller Straße stattfinden wird. Offiziell verabschiedet wird er am Sonntag nach dem Hochamt um 9.30 Uhr. Für die kleine Feier haben sich bereits zahlreiche Redner aus Politik und Gesellschaft angesagt. (Holger Weber)

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