Rührt sich erst einmal nicht von der Stelle: Helmut Huhn harrt der Dinge auf einem Autohof in der Nähe des Fährhafens von Dover. Zumindest gibt es dort eine Dusche sowie Toiletten für den Trucker aus Marköbel.
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Rührt sich erst einmal nicht von der Stelle: Helmut Huhn harrt der Dinge auf einem Autohof in der Nähe des Fährhafens von Dover. Zumindest gibt es dort eine Dusche sowie Toiletten für den Trucker aus Marköbel.

Chaos am Ärmelkanal

Marköbeler Lkw-Fahrer gefangen im Stau

  • Holger Weber-Stoppacher
    VonHolger Weber-Stoppacher
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Bruchköbel/Hammersbach – Noch nicht einmal einen kleinen Weihnachtsbaum hat er sich für sein Führerhaus besorgen können. Von Stunde zu Stunde schwindet bei Helmut Huhn immer mehr die Hoffnung, dass er es noch rechtzeitig bis zum Heiligen Abend nach Hause schafft. Der Marköbeler, in Diensten der Bruchköbeler Spedition Maintaler, ist einer von schätzungsweise rund 5000 Lkw-Fahrern, die auf der britischen Seite des Ärmel-Kanals darauf warten, dass sie mit dem Schiff von Dover ins französische Calais übersetzen dürfen. Doch ohne Corona-Schnelltest geht derzeit überhaupt nichts.

Frankreich hatte wegen der rasanten Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante die Grenzen zu Großbritannien auch für den Warenverkehr geschlossen. Inzwischen wurde zwar eine Wiedereröffnung angekündigt. Die Regierung in London rechnet dennoch nicht mit einem raschen Ende des Staus Tausender Lastwagen in England. Für die Einreise nach Frankreich müssen Lkw-Fahrer nun ein negatives Coronatest-Ergebnis vorweisen.

Zumindest kann er sich über Dusche und Toilette freuen

Doch daran zu kommen ist derzeit so gut wie unmöglich, sagt Helmut Huhn, der mit seinem Truck unweit des Fährhafens von Dover wartet. „Im Vergleich zu vielen meiner Kollegen bin ich noch in einer guten Lage“, berichtet er telefonisch aus der Fahrerkabine seines Lkw. In der Nähe befindet sich immerhin ein Restaurant, wo sich der 59-Jährige zumindest ein warmes Essen besorgen kann. Und auch Duschen und eine Toilette stehen für ihn auf dem Autohof bereit. Schlimmer hätten es dagegen diejenigen getroffen, die sich auf den Weg gemacht hätten zum stillgelegten Flugplatz Manston. Dort will das britische Militär ein Testzentrum einrichten. „Viele sind dort im Stau gefangen“, berichtet Huhn. Ohne Toilette, ohne Dusche – und das schon seit Tagen. Weil auch viele Gefahrguttransporter darunter sind, sei es den Fahrern noch nicht einmal erlaubt, mit dem Gaskocher ein warmes Essen zuzubereiten, zeigt Huhn Mitgefühl für seine Kollegen.

Seine Strategie lautet nun Warten. Warten bis sich der Stau aufgelöst hat. Aber dies kann nach Einschätzung der britischen Behörden noch einige Tage dauern. Zumindest hat Huhn noch einkaufen können, er wird an Heiligabend auf dem Autohof keinen Hunger leiden. Pudding und Haggis, eine Art Hackfleisch aus Innereien von Schafen und Ziegen, werden voraussichtlich sein Heiligabend-Menü sein. „Das ist nicht jedermanns Sache, aber mir schmeckt’s eigentlich ganz gut“, sagt der Kraftfahrer, der seit mehr als 20 Jahren auf dem „Bock“ sitzt und mit seinen Lkw schon ganz Europa bereist hat. Er hat viel erlebt. Hat tagelang an den Grenzen der Ukraine und in Aserbaidschan ausgeharrt. Aber Weihnachten auf einem Autohof, das sei auch in seinem bewegten Truckerleben ein gänzlich neues Kapitel.

Frau Sabine wartet zu Hause auf ihn

Zuhause wartet seine Frau Sabine auf ihn. Normalerweise, wenn alles nach Plan gelaufen wäre, dann hätte er am gestrigen Mittwoch seine letzte rund 24 Tonnen schwere Fracht in Erlensee abgeladen und dann Feierabend gemacht. Stattdessen blickt er jetzt aus dem Fenster in den englischen Regen. „Ich bin der einzige Deutsche, der noch hier auf dem Autohof ausharrt“, sagt er. Mit den anderen Fahrern möchte er wegen des Wetters, aber auch wegen Corona keinen Kontakt aufnehmen. „Da ziehe ich die Einsamkeit vor“, sagt er.

Huhn vertreibt sich die Zeit mit Fernsehen, beobachtet die Entwicklung der Lage und recherchiert im Internet nach möglichen Lösungen für die vertrackte Situation. Auch steht er in ständigem Austausch mit seinem Chef Markus Grenzer, der in der Firmenzentrale in Bruchköbel Kontakt zu insgesamt neun seiner Fahrer hält, die von dem Schlamassel betroffen sind.

Grenzer findet es grundsätzlich richtig und nachvollziehbar, dass sämtliche Maßnahmen zum Ansteckungsschutz getroffen werden. Allerdings seien Berufskraftfahrer inzwischen seit Monaten in Corona-Spots unterwegs und ohnehin entsprechend darauf sensibilisiert, so der Maintaler-Chef. Das bedeute beispielsweise, dass Transporte grundsätzlich unter maximalen Schutzvorkehrungen und so kontaktarm wie möglich ausgeführt werden. „Das Fahrpersonal hält sich während des Transportes nahezu isoliert ausschließlich in den Fahrzeugkabinen auf. An den wenigen persönlichen Touchpoints, wie den Be- oder Entladestellen sowie an sanitären Einrichtungen gelten laut Grenzer pandemiebegleitend besondere Schutzvorkehrungen. „Das Ansteckungsrisiko lässt sich demnach managen“, so der Chef.

Grenzer: Maßnahmen nicht zielführend

Ob die Maßnahmen im Sinne der Pandemiebekämpfung zielführend sind, ist für Grenzer zumindest zweifelhaft. „Ganz davon abgesehen, wie zermürbend und belastend diese Situation für unsere Kollegen vor Ort ist. Kinder warten auf ihre Väter und Mütter, die im Stau festhängen und nicht wissen, ob und wie es weitergeht“, sagt er.

Helmut Huhn vermutet hinter dem Chaos auch eine politische Motivation: „Ich habe das  Gefühl, dass man den Engländern angesichts der stockenden Brexit-Verhandlungen mal zeigen möchte, worauf sie sich künftig einstellen müssen“, so der Marköbeler. Eine wirkliche Infektionsgefahr bestehe für die Franzosen nicht, glaubt er. Die Distanz zur belgischen Grenze betrage 40 Kilometer. „Da steigt doch niemand aus.“

Den Lieben daheim wünscht Helmut Huhn aus Dover jedenfalls schon einmal schöne Weihnachten!

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