Nur das Stahlgerippe blieb stehen: Die Außenwände der Lagerhalle wurden durch die Explosion regelrecht weggepustet.
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Nur das Stahlgerippe blieb stehen: Die Außenwände der Lagerhalle wurden durch die Explosion regelrecht weggepustet.

Unglück

Explosion in Bruchköbel: Beirut ruft vielen Bürgern das Unglück bei der Firma Reinelt in Erinnerung

  • Holger Weber-Stoppacher
    vonHolger Weber-Stoppacher
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Die Bilder aus Beirut, wo am Dienstag weite Teile der Hafenstadt durch eine apokalyptische Explosion zerstört worden sind, haben zumindest bei vielen älteren Bruchköblern Erinnerungen an eine Katastrophe wachgerufen, die sich vor 38 Jahren in ihrer Stadt ereignet hat: die Explosion bei der Firma Reinelt.

Bruchköbel – An jenem 9. Februar 1982 riss morgens um 6.33 Uhr eine schwere Detonation die Bürger aus dem Schlaf, Der Schlag war in einem Umkreis von rund 20 Kilometern zu hören und zu spüren. Die Produktionsstätte des Kosmetikunternehmens war durch eine Gasexplosion in die Luft geflogen. Drei Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, 18 Personen wurden teilweise schwer verletzt.

Die massive Fabrikationshalle mit einer Fläche von knapp 2000 Quadratmetern wurde durch die Detonation komplett zerstört. Von der unmittelbar angrenzenden Verlade- und Lagerhalle blieb nur noch die Stahlkonstruktion übrig. Selbst in einer Entfernung von fünf Kilometern flogen Dachziegel von den Dächern, auch Fenster und Türen wurden beschädigt. Gebäude im Umkreis von 500 Metern traf laut einem Bericht der Bruchköbeler Feuerwehr besonders schwer.: „Es wurden Dächer abgedeckt, Dachkonstruktionen zerfetzt, Außenwände eingedrückt, Innenwände verschoben sowie Fenster und Türen herausgerissen“, heißt es. Insgesamt waren 1346 Gebäude betroffen. Es sei wie nach einem Bombenangriff gewesen, erinnert sich HANAUER-ANZEIGER-Redakteurin Jutta Degen-Peters, die damals mit ihrem HA-Kollegen Johannes Storks über das Unglück berichtete. Der gesamte Schaden, der von der Hessischen Brandversicherung übernommen wurde, betrug rund 14 Millionen DM.

Wehrführer der Bruchköbeler Feuerwehr erinnert sich noch immer an die Bilder

Die Häuser im Umkreis von 500 Metern waren stark betroffen: An diesem Gebäude wurde durch die Explosion das Dach abgedeckt.

„Die Bilder gehen einem auch nach 38 Jahren nicht aus dem Kopf“, sagt Hans-Jürgen Herwig, der damals als Wehrführer der Bruchköbeler Feuerwehr in erster Linie an dem Einsatz beteiligt war. Neben den Feuerwehren der Stadt Bruchköbel wurden die Einsatzkräfte aus Hanau, Erlensee, Nidderau, das Deutsche Rote Kreuz, örtliche Ärzte, Technisches Hilfswerk, Bundeswehr, US-Army, Polizei, Militärpolizei, Mitarbeiter des städtischen Bauhofes und der Verwaltung, Hundestaffeln, Hubschrauber und Privatfirmen eingesetzt. Die Zahl der eingesetzten Kräfte lag bei etwa 560 Personen.

Die Einsatzleitung hatte der damalige Bruchköbeler Bürgermeister Udo Müller inne. „Der hat damals einen super Job gedacht“, erinnert sich Hans-Jürgen Heck. Der Journalist, damals noch Student, wohnte gleich um die Ecke und hatte das erste Bild vom brennenden Unglücksort gemacht. „Der Weg von der Bahnhofsstraße zur Firma Reinelt war kaum zugänglich, weil überall Trümmer lagen“, erinnert er sich. Die Druckwelle habe eine solche Kraft gehabt, dass sogar die Leitplanken verbogen gewesen seien.

Der Tod dreier Menschen war eine schlimme Erfahrung für Bruchköbels Wehrführer

Das Feuer war schnell gelöscht, daraufhin wurde gezielt nach vermissten und verletzten Personen gesucht. „Dass am Ende drei Menschen ihr Leben verloren, war natürlich eine schlimme Erfahrung für uns“, so Wehrführer Hans-Jürgen Herwig. Für die Feuerwehr Bruchköbel war die Explosion bei Reinelt der wohl größte und auch längste Einsatz. Sieben Tage waren die Einsatzkräfte in Schichten im Einsatz, um die die Unglücksstelle auszuleuchten, abzusichern und schließlich auch aufzuräumen. Journalist Hans-Jürgen Heck erinnert sich, dass noch am gleichen Tag zahlreiche Glaserfirmen ihre Arbeit aufnahmen, um die Schäden schnell zu beheben.

Nur das Stahlgerippe blieb stehen: Die Außenwände der Lagerhalle wurden durch die Explosion regelrecht weggepustet.

Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes dauerten laut Feuerwehr sechs Monate. Flüssiges Propan-Butan-Gemisch, das als Treibmittel in Spraydosen gedrückt wurde, war demnach durch ein kleines Leck in der Abfüllanlage ausgetreten. Scheinbar schon seit dem Vorabend der verheerenden Explosion. Die etwa 100 Kilogramm Gas hatten sich in der Produktionshalle sowie im Abfüllraum verteilt. Was die Explosion letztlich auslöste, konnte laut Bericht der Feuerwehr nie geklärt werden

Für den Reinelt-Standort bedeutete die Explosion das Ende. 70 Mitarbeiter hatten dort bis zu jenem 9. Februar 1982 Parfüms, Flüssigseifen und Sprays aller Art hergestellt. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren nur 20 von ihnen im Gebäude. Heute befinden sich an der Stelle der Bau- und Wertstoffhof sowie Einfamilien- und Reihenhäuser.

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