Wer hart anpackt, braucht Pausen: Entspannung gehört auch zu einem Segeltörn, erst recht, wenn die Sonne mal scheint und Kapitän Karl Otterbein am Ruder ist. Foto: Privat

Bruchköbel

Auf einem Segeltörn tanken krebskranke Menschen neuen Lebensmut

Bruchköbel. Kurs zurück ins Leben: Um vier Menschen, die unheilbar an Krebs erkrankt sind, neuen Lebensmut zu geben und sie Kraft tanken zu lassen, luden Karl und Bastian Otterbein aus Bruchköbel sie zu einem einwöchigen Törn auf ihrer Segelyacht La Bonita ein.

Von Gabriele Reinartz

Unterstützt wurden sie dabei vom Hanauer Verein Flügelbruch, der Betroffenen unvergessliche Momente schenkt. „Es war für mich eine ganz große Ehre, diesen Menschen ein paar glückliche Stunden schenken zu dürfen“, sagt Karl Otterbein aus Bruchköbel bescheiden und meint damit den einwöchigen Segeltörn in der Adria, den er dank Unterstützung des gemeinnützigen Vereins Flügelbruch zusammen mit vier an Krebs erkrankten Menschen Ende Mai antreten konnte.

Der seit vergangenem Jahr pensionierte Kriminalbeamte und sein Sohn Bastian (31) stellten dafür ihre Segelyacht La Bonita, eine Bavaria 46, zur Verfügung. „Wir wollten ihnen helfen, ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen und auch den Alltag und die Krankheit für einen Moment vergessen lassen.“

Selbst an Nierenkrebs erkrankt

Otterbein weiß, wovon er spricht. Er selbst erkrankte im Sommer 2010 an Nierenkrebs und musste eine schwere Operation, bei der ihm die erkrankte Niere entnommen wurde, über sich ergehen lassen. „Ich war danach körperlich und seelisch gebeutelt“, sagt er rückblickend. „So etwas kannte ich bis dahin nicht, hatte mich stets als unverwundbar betrachtet, weil ich aufgrund meines Berufes gewohnt war, anderen Menschen zu helfen. Und nun brauchte ich selber dringend Hilfe.“

Drei Monate nach dem Eingriff traf Hobbysegler Otterbein eine für ihn im positiven Sinne folgenschwere Entscheidung: Er wollte wieder segeln gehen und sich auf einen vierwöchigen Törn begeben. „Unser Schiff sollte ohnehin von Mallorca nach Marseille verlegt werden. Also flog ich runter. Ich spürte sehr schnell, dass mir das Segeln gut tat und ich es auch noch körperlich konnte. Dieses Erlebnis gab mir mein Selbstvertrauen zurück.“

Eine solche positive Erfahrung wollte Otterbein ähnlich Betroffenen weitergeben. Über den Hanauer Anzeiger erfuhr er im Herbst vergangenen Jahres zufällig vom Verein Flügelbruch und nahm Kontakt mit diesem auf. Der Verein kümmert sich um Krebspatienten und deren nähere Verwandte im Rhein-Main-Gebiet mit dem Ziel, ihre die noch verbleibende Zeit mit besonderen Momenten zu füllen.

Zustimmung des Vereins

Als Otterbein Flügelbruch von der Segeltörn-Idee erzählte, stimmte der Verein umgehend zu, die Anreisekosten und Anteile an der Bordkasse für vier Personen zu übernehmen. Das Projekt „Sailing4Cancer“ war geboren.

Wer die glücklichen Teilnehmer sein sollten, loste der Verein per Gewinnspiel aus. Am Ende durften die alleinerziehenden Frauen Yvonne aus Bad Neustadt (36 Jahre), Isabel aus Heusenstamm (40 Jahre) sowie Celin aus Bingen (34 Jahre) und Familienvater Joachim aus Hanau (53 Jahre) an Bord gehen. „Mit diesem Angebot konnte ich mir einen großen Wunsch erfüllen und alle Sorgen und Ängste zu Hause lassen. Ich war einfach nur im Hier und Jetzt. Solch ein Erlebnis würde ich jedem ans Herz legen, denn danach kann man nur gestärkt indie Zukunft blicken“, fasst Yvonne ihre Gefühle zusammen.

Gestartet ist die Crew in Izola, Slowenien, und segelte die istrische Küste hinunter. Doch bis es soweit war, mussten sie zunächst als Trockenübung alle wichtigen Knoten – Fender, Achter, Palstek und andere – lernen. „Im April haben wir uns erstmals getroffen, zum einen, um uns kennenzulernen, zum anderen, um das Schiffshandling zu besprechen.“

Fördern und Fordern

Außer den Knoten mussten die Vier auch üben, wie man Segel setzt und einholt oder wie man das Boot im Hafen anlegt. Sie wurden gefördert, aber auch gefordert, sagt Otterbein. „Meine Yacht ist kein Kreuzfahrtschiff, auf dem man es sich gutgehen lassen kann. Auf der La Bonita muss jeder mithelfen“, ergänzt er.

Auch hätten sie sich das Ziel gesetzt, dass Wind und Wetter ihre Fahrt bestimmen sollten und nicht die Krankheit. Und das Wetter bestimmte am ‧Ende tatsächlich die Fahrt. ‧Außer an drei sonnigen Tagen war es zum Teil kalt, zum Teil regnerisch, aber auch stürmisch bis windstill. Den Seglern war dies aber egal. „Selbst das schlechte Wetter, welches uns zeitweise ereilte, konnte meiner Stimmung, und auch der Anderen, so mein Eindruck, nichts anhaben“, wie Isabel bekräftigt.

Auch Celin kommt noch Wochen später ins Schwärmen: „Das Gefühl, zu segeln, ist unglaublich schön und einfach unbeschreiblich. Selbst Hand anzulegen, die Fender anzuknoten, das Ruder zu führen und zu sehen, wie das Schiff im Wind unter Segeln auf dem Wasser dahingleitet. Man muss es einfach selbt erleben und die Wellen spüren. So viel Kraft und neuen Lebensmut habe ich durch diesen Segeltörn gefunden.“

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