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„Der Knall hallt nach“ in Bruchköbel

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Von: Holger Weber-Stoppacher

„Die Stadt wird sie nie vergessen“: Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun und Stadtverordnetenvorsteher Guido Rötzler bei der Kranzniederlegung in der Jakobuskirche.
„Die Stadt wird sie nie vergessen“: Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun und Stadtverordnetenvorsteher Guido Rötzler bei der Kranzniederlegung in der Jakobuskirche. © -

Bruchköbel – „Der Knall vor 40 Jahren hallt nach im Leben vieler Menschen, die damals von dem Unglück betroffen waren.“ Dieser Satz von Pfarrer Dr. Martin Abraham war eine der zentralen Aussagen einer würdigen Gedenkfeier für die Opfer des Reinelt-Unglücks in Bruchköbel. Gestern auf den Tag genau vor 40 Jahren waren bei der Explosion im Morgengrauen drei Menschen ums Leben gekommen:

Elli Busch, Manuela Marin Querol Bueno und Herbert Pietzsch. Zahlreiche weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, und unzählige Bruchköbeler erlitten einen materiellen Schaden durch die Wucht der gewaltigen Explosion, die weit über Bruchköbel hinaus wahrgenommen wurde.

Zeitzeugen erinnern sich

Die Zeitzeugen Manfred Nitschke und Stefan Wegener erinnerten in der Bruchköbeler Jakobukirche vor geladenen Gästen, deren Zahl aus pandemischen Gründen allerdings kleingehalten worden war, daran, wie sie jenen 9. Februar 1982 erlebten. Einen Tag, der sich in das Gedächtnis der Stadt Bruchköbel eingebrannt hat. Sie schilderten noch einmal, wie die Stadt an jenem Morgen jäh aus dem Schlaf gerissen wurde, die Zerstörung an den Häusern und das Chaos auf den Straßen. Aber sie berichteten auch von der großen Solidarität, die unter den Bruchköblern in den Tagen nach dem Unglück herrschte. Von Nachbarn, die sich gegenseitig halfen und von Handwerkern aus der ganzen Region, die noch am Tag des Unglücks damit begannen, die gröbsten Schäden zu beheben, damit die Menschen in dem kalten Wintermonat in ihren Häusern bleiben konnten. Durch die Wucht der Detonation waren im Umkreis der Kosmetik- und Haarspray-Fabrik bekanntlich ganze Dächer abgedeckt und viele Fenster herausgerissen worden. Pfarrer Dr. Martin Abraham richtete in seiner Predigt das Wort vor allem an die Angehörigen der Opfer: Elli Busch, die einen Ehemann zurückließ, Herbert Pietzsch, der eine Frau und eine damals 16 Jahre alte Tochter hatte, sowie Manuela Marin Querol de Bueno, Ehefrau sowie Mutter von zwei Töchtern im Alter von damals 21 und 16 Jahren sowie eines 14-jährigen Sohnes. Obwohl das Unglück nach nunmehr 40 Jahren in räumlicher und zeitlicher Hinsicht sehr weit weg sei, ist es für die Angehörigen immer präsent geblieben. „Für sie ist dieser 9. Februar 1982 nie vorbei“, sagte Abraham mit Blick auf die Familie von Manuela Marin Querol de Bueno, die in großer Zahl zu der Feierstunde gekommen war. Dieses Unglück, „eine Verkettung mangelnder Vorsicht und unglücklicher Umstände“, sei für die betroffenen Familien ein tiefer Einschnitt im Leben gewesen. Abraham gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die „Lieder, die Blumen und die Worte Gottes“ den Angehörigen bei dieser Gedenkfeier ein wenig Trost spenden mochten. Einer der emotionalsten Augenblicke war zweifellos, als der Gemeindepfarrer der evangelischen Kirchengemeinde von Bruchköbel für jedes der Opfer eine Kerze entzündete.

Opfer sollen nie vergessen werden

Auch Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun versprach, dass man die Opfer dieser Tragödie nie vergessen und ihnen ein ehrendes Andenken bewahren werde. Trotz Schmerz und Trauer, die mit jenem Unglück vor 40 Jahren verbunden seien, gebe es auch Aspekte, die Anlass zur Hoffnung gäben: die Solidarität und die Mitmenschlichkeit, die in den Tagen nach dem Unglück spürbar gewesen seien. Vor allem der Einsatz der Feuerwehren, die kurz nach dem Unglück, aber auch in den Tagen darauf Großes geleistet hätten, zeige, wie wichtig es sei, dass die Kommunen bei Ausrüstung und Ausbildung der Einsatzkräfte nicht sparen dürfen. Das sei man den Freiwilligen schuldig.

„Auch die Ehrenamtlichen mussten mit dem Erlebten lange klarkommen. Jeder Jahrestag wühlt das Geschehene wieder auf“, so die Bürgermeisterin. Sie würdigte ihren Vorgänger Udo Müller, der noch am Tag der Tragödie ein Krisenmanagement auf die Beine stellte, um den Betroffenen schnell und unbürokratisch zu helfen. Die Stadt habe den Menschen damals in der schweren Stunde beiseite gestanden und Unterstützung geleistet. Dies könne man heute noch nachlesen, in den zahlreichen Berichten, die seit dem Unglück veröffentlicht worden seien.

Aus Fehlern gelernt

Auch habe man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Dass eine Fabrik, in der Gefahrengüter produziert werden, mitten in einem Wohngebiet stehe, das sei heute nicht mehr denkbar. An der Stelle, an der die Firma Reinelt einst stand, wurden Wohnungen gebaut. (Von Holger Weber)

Hielt eine bewegende Andacht: Pfarrer Dr. Martin Abraham, der für die drei Opfer Kerzen entzündete.
Hielt eine bewegende Andacht: Pfarrer Dr. Martin Abraham, der für die drei Opfer Kerzen entzündete. © Mike Bender
Weiße Tulpen zur Erinnerung: In Gedenken an die Opfer des Unglücks vor 40 Jahren legten alle Besucher eine Blume ab.
Weiße Tulpen zur Erinnerung: In Gedenken an die Opfer des Unglücks vor 40 Jahren legten alle Besucher eine Blume ab. © -

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