Lokal Hanau Kinzigheimer Hof Corona Covid-19 Ernte Problem
+
Allein die Staatsdomäne Kinzigheimer Hof in Bruchköbel beschäftigt übers Jahr 300 Saisonarbeitskräfte – normalerweise. In etwa vier Wochen beginnt die Erdbeerernte. Betriebsleiterin Alexandra Schneider wirbt bereits jetzt um helfende Hände.

Corona-Krise trifft die Landwirtschat

Staatsdomäne Kinzigheimer Hof in Bruchköbel braucht für die Erdbeer-Ernte Hunderte Helfer

  • Monica Bielesch
    vonMonica Bielesch
    schließen

„Die Anteilnahme“, meint Alexandra Schneider vom Kinzigheimer Hof, „ist riesig groß.“ Bereits Tage bevor die Betreiberin der Hessischen Staatsdomäne über Facebook einen Aufruf gestartet hat, dass sie Hilfskräfte für die Erntesaison sucht, haben sich schon viele Menschen bei ihr gemeldet.

Hausfrauen, Studenten und Messebauer, die bei der bald anstehenden Erdbeerernte in Bruchköbel arbeiten wollen. Übers Jahr verteilt braucht die Betreiberin des in der Region bekannten Erdbeer-Anbaubetriebes rund 300 Saisonarbeitskräfte. Diese kommen normalerweise überwiegend aus Rumänien und Polen nach Bruchköbel, Schneider konnte bisher jedes Jahr auf bewährte Stammkräfte aus Ost-Europa zurückgreifen. In diesem Jahr aber ist alles anders, die Corona-Pandemie sorgt für viel Unsicherheit bei den landwirtschaftlichen Betrieben landauf landab. 

300 000 Saisonarbeitskräfte in Deutschland

Normalerweise arbeiten insgesamt rund 300 000 Saisonarbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft, helfen bei Ernte und Aussaat. Ob sie auch für die diesjährigen Ernten ins Land reisen dürfen, ist ungewiss. Bis zuletzt hatte Alexandra Schneider gehofft, ihre Stammkräfte einfliegen zu können. Aber als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vergangene Woche die Entscheidung verkündete, dass keine Erntehelfer mehr nach Deutschland gelassen werden, musste auch Schneider handeln.

Am gleichen Abend veröffentlichte sie per Facebook einen Aufruf, mit dem sie nun Erntehelfer in Deutschland sucht. Daraufhin haben sich noch mehr Hilfswillige bei ihr gemeldet. Von allen nimmt sie die Daten auf, und alle, die in Frage kommen, erhalten einen Personalbogen sowie die genaue Beschreibung der Arbeit, denn die hat es in sich. „Ende April, Anfang Mai beginnt die Erdbeerernte bei uns, dann haben wir den größten Personalbedarf“, so Alexandra Schneider.

Ihre Felder sind in der ganzen Region verteilt, reichen bis hin zum Frankfurter Mainbogen, die roten, süßen Früchte treffen hier auf günstige Bedingungen, denn die milden, relativ sandigen Böden sind für Erdbeerkulturen besonders geeignet.

Stammkräfte sind an harte körperliche Arbeit gewohnt

Einerseits freut sich Schneider über die vielen potenziellen deutschen Helfer, die sich aktuell bei ihr bewerben. Andererseits hofft sie, dass bis zum Beginn der Ernte ihre Stammkräfte aus Rumänien und Polen doch wieder einreisen können. Denn die haben sich bereits bewährt und halten die anstrengenden Wochen der Ernte erfahrungsgemäß garantiert durch

 „Feldarbeit“, so Alexandra Schneider, „ist harte körperliche Arbeit.“ Beispiel Erdbeerernte: „Wir fangen morgens früh um 5 Uhr auf den Feldern an, um nicht in die Mittagshitze zu kommen“, so Schneider. Je nach Witterung pflücken die Arbeiter fünf bis sechs Stunden lang. Nach einer längeren Mittagspause geht es nachmittags weiter mit dem Pflücken.

Erntehelfer erhalten Mindestlohn

„Das ist beschwerlich für jemanden, der es nicht gewohnt ist, körperlich zu arbeiten“, weiß Schneider. Gezahlt wird der Mindestlohn von 9,35 Euro Brutto je Stunde. Die Arbeiter müssen sich ständig bücken, knien und schwere Kisten schleppen. Bereits vor Jahren hat der Betrieb versucht, deutsche Saisonarbeitskräfte zu beschäftigen. Leider ohne Erfolg, wie Alexandra Schneider berichtet. Weil die Arbeit eben erschöpfend, nur für wenige Monate im Jahr ist und die Arbeiter täglich flexibel auf die Witterungsverhältnisse reagieren müssen.

So dauert die Erdbeersaison auf den Feldern des Kinzigheimer Hofes von Anfang Mai bis Ende Juni. Mitte Juli geht es mit der Zuckermais-Ernte weiter, die bis Ende September andauert. „Wir sind komplett auf Saisonarbeitskräfte angewiesen.“ Auch jetzt ist auf dem Hof schon viel zu tun. „Auf dem Feld ist es ein ganz normales, stressiges Frühjahr.“ Das Grünland muss gedüngt werden, der Zuckermais wird jetzt gesät und Mitte April werden die Erdbeerpflanzen für das kommende Jahr gesetzt.

Ob Selbstpflückfelder öffnen dürfen, ist ungewiss

Ein weiteres Standbein des Betriebs sind die Selbstpflückfelder voller Erdbeeren. Die machen laut Schneider die Hälfte ihrer Flächen aus. Ob die Selbstpflücker im Mai überhaupt auf diese Felder drauf dürfen, ist aktuell noch ungewiss. Keiner weiß, wie sich die Situation angesichts der Corona-Pandemie noch entwickeln oder gar wieder entspannen wird.

 Wenn Alexandra Schneider auch die Selbstpflückfelder mit Arbeitern beernten muss, braucht sie eigentlich noch mehr Saisonarbeitskräfte. Aktuell plant sie für mehrere mögliche Szenarien, die eintreten könnten. „Wir versuchen, uns breit aufzustellen.“ Aber egal, was in Politik oder Gesellschaft alles noch passieren wird: Die Erdbeeren reifen jeden Tag weiter.

Erntehelfer gesucht

Wer als Erntehelfer arbeiten möchte kann sich unter schneider@kinzigheimerhof. de melden. Unter www.hessische-direktvermarkter.de oder www.bauersuchthilfe.de findet sich eine Auflistung aller Betriebe, die im Moment dringend Hilfe benötigen. Darunter auch Betriebe in der Wetterau.

Das könnte Sie auch interessieren