Bei den Dzionys ist die politische Diskussion an der Tagesordnung, auch zu Weihhnachten: Vater Karlheinz, Mutter Karola sowie die beiden Töchter Katja (hinten) und Karina sind alle Mandatsträger oder sind es zumindest gewesen. Foto: Mike Bender

Bruchköbel

Bruchköbeler Kommunalpolitik ist ohne Familie Dziony kaum denkbar

Bruchköbel. Eigentlich ist es egal, zu welchem Anlass man sich in der Familie Dziony trifft – am Ende des Tages geht es immer um die Politik. Vornehmlich um die Bruchköbeler Kommunalpolitik, in der die Familie wie keine andere in der Stadt mitmischt.

Von Holger Weber

Die Dzionys sind Vater Karlheinz, Mutter Karola und die beiden Töchter Katja (Lauterbach) und Karina (Reul). Vater Karlheinz, ehemaliger hauptamtlicher Erster Stadtrat, hat die CDU als langjähriger Fraktions- und Stadtverbandsvorsitzender in Bruchköbel bis zu seinem Rückzug 2012 maßgeblich geprägt. Mutter Karola saß drei Jahre für die Christdemokraten im Stadtparlament, Tochter Katja war bis zu ihrem Wechsel in die FDP vier Jahre lang Fraktionsvorsitzende der Konservativen. Und ihre Schwester Karina, Mitte Dezember einstimmig zur neuen Vorsitzenden des Stadtverbandes gewählt, will die Bruchköbeler CDU nach der Pleite bei der Bürgermeisterwahl nun aus der wohl schwersten Krise ihrer Geschichte führen.

Karlheinz Dziony hat ihr davon abgeraten, das Amt zu übernehmen. Als zweifache Mutter und engagierte Oberstudienrätin habe sie sich da zu viel Arbeit aufgehalst, befürchtet er. Doch als seine Tochter ihm ihre Absicht verkündet hat, da war die Entscheidung eigentlich schon gefallen. Insgeheim wird es ihn gefreut haben, dass sie Verantwortung übernimmt. Betrachtet man die Geschichte dieser „schrecklich politischen Familie“, wie sie Katja scherzhaft nennt, dann ist es eigentlich eine logische Folge, dass Karina jetzt in die Fußstapfen ihres Vaters tritt.

Beweggründe in die Partei

Man trifft sich zwischen den Tagen am Esstisch von Karlheinz und Karola Dziony an der Roßdorfer Schulzenstraße. „Hier haben schon alle gesessen, die in der Bruchköbeler CDU mal eine Rolle gespielt haben“, berichtet Mutter Karola lachend. Karlheinz Dziony erzählt vom christlichen Menschenbild, das ihn damals in den Siebziger Jahren dazu bewogen habe, in die Partei einzutreten. Er habe nichts gegen die Grünen und auch nicht gegen die FDP. Aber alles andere als seine CDU sei für ihn nie in Frage gekommen, sagt er. Eine Partei sei eben anders als ein Sportverein. Da gehe es um Inhalte und Prinzipien, die man nicht so einfach aufgebe.

Die CDU zu verlassen, wäre für ihn nie eine Alternative gewesen. Das ist ein Satz, der vor dem Hintergrund der politischen Laufbahn seiner Tochter Katja durchaus brisant ist. Denn Katja Lauterbach hat der Partei ihres Vaters vor vier Jahren den Rücken gekehrt und sich der FDP angeschlossen. „Sie können sich vorstellen, dass ich mich darüber nicht gerade gefreut habe“, sagt er, während er seine Tochter anblickt. Aber er habe dafür Verständnis gehabt. Vor allem deshalb, weil es bei ihrem Abschied nicht um inhaltliche, sondern um zwischenmenschliche Dinge gegangen sei.

Man könne das ruhig offen sagen, ergänzt Katja Lauterbach: „Thomas Sliwka (heute Fraktionschef) und Günter Maibach (Bürgermeister; Anm. der Red.) haben sich damals auf mich eingeschossen. Da habe ich mich halt gefragt, warum ich mir das noch antun soll.“ Mutter Karola, sie war damals Mitglied der Fraktion, nickt zustimmend: „Das war schon mies, was sie mit der Katja gemacht haben.“

Abschied von der CDU

Natürlich wurde damals über ihren Abschied von der CDU familienintern diskutiert. „Das kannst du unserem Vater nicht antun“, hat Schwester Karina noch versucht, ihre große Schwester vom Austritt abzubringen. Aber auch damals war die Entscheidung bereits gefallen. „Meinen Vater habe ich erst unterrichtet, als der Pressetermin mit der FDP-Vorsitzenden Sylvia Braun bereits anberaumt war“, erinnert sich Katja Lauterbach. Überhaupt die künftige Bürgermeisterin: Wenn bei den Dzionys von Braun die Rede ist, herrscht eigentlich Einigkeit: Sie sei die richtige Wahl gewesen, sagt Vater Karlheinz, wenngleich er einschränkt, dass dies kein Verdienst ihrer Partei, sondern der Person gewesen sei. Interessant: Vater Dziony und Sylvia Braun haben einen ähnlichen Lebensweg.

Auch Dziony war Hauptkommissar bei der Polizei, ehe er 1994 als Erster Stadtrat hauptamtlich in die Verwaltung wechselte. „Er war sogar ihr Ausbilder bei der Polizei“, fügt Katja Lauterbach hinzu.

Die Dzionys waren nicht immer politisch. Zwar gehörte Vater Karlheinz, ein Flüchtlingskind aus Krappitz in Oberschlesien, der Polizeigewerkschaft an. Doch seine Laufbahn in der Parteipolitik begann eigentlich erst mit einem Irrtum Anfang der 1980er Jahre. Die Familie hatte sich bei einem Familienabend des Roßdorfer Gesangsvereins versehentlich an den Ehrentisch gesetzt, wo Karlheinz Dzionys politisches Talent dann vom damaligen Bürgermeister Udo Müller entdeckt wurde.

Daraufhin begann sein Aufstieg innerhalb der CDU, der mit der Wahl zum hauptamtlichen Stadtrat 1994 seinen Höhepunkt fand. Weil man den Vater als Stadtrat und Parteifunktionär fortan kaum noch zu Hause antraf, begleiteten die Töchter ihn, wann immer es ging: beim Plakatekleben im Wahlkampf, bei den traditionellen Parteiveranstaltungen wie Spanferkel- und Heringsessen. Und natürlich auch bei den politischen Diskussionen.

Nicht immer einfach

Als Töchter eines konservativen und stadtbekannten CDU-Politikers hatten sie es bei der Lehrerschaft der in den 1980er Jahren noch als linke Hochburg verschrienen Heinrich-Böll-Gesamtschule nicht immer einfach. „Wir haben früh gelernt, uns argumentativ auseinanderzusetzen und Kontra zu geben“, sagen die Dziony-Töchter. Und manch einer habe auch versucht, die Kritik am Vater gleich bei ihnen abzuladen.

„Sagen Sie es ihm doch selbst“, gab Katja ihnen dann zur Antwort. Und so kam es, dass die politische Sozialisation der Mädchen nicht konträr zur elterlichen Weltanschauung verlief, wie es in vielen anderen Familien der Fall ist, sondern dass man politisch eigentlich immer an einem Strang zog. Katja und Karina engagierten sich von Beginn zunächst in der Jungen Union und später dann in der Bruchköbeler CDU. Karina Reul ist bis heute auch Abgeordnete im Kreistag.

Mittlerweile diskutiert innerhalb der Familie bereits die dritte Generation mit. Zwar zeigten sich die fünf Enkelkinder anfänglich von den ständigen Debatten ziemlich genervt. Doch im Zeichen der Fridays-for-Future-Debatten wissen auch sie mittlerweile, sich zu positionieren. Und wenn es dann einmal zu hoch hergeht, dann ist es Karola Dziony, die am besagten Esszimmertisch schon mal um Mäßigung bitten muss.

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