Bruchköbel

Wie die Bruchköbeler Abschied vom alten Rathaus nehmen

Bruchköbel. Von der obersten Plattform des Parkdecks beschleicht den Beobachter an diesem Dienstagnachmittag so ein besonderes Gefühl: Lange wird es nicht mehr dauern, bis vom alten Bruchköbeler Rathaus nichts mehr übrig ist.

Von Holger Weber

Unaufhörlich knackt die mächtige Schere des 50 Tonnen schweren Baggers große Stücke aus dem Betonskelett des Gebäudes. Das Rathaus erscheint wie nackt, seitdem die Außenfassaden wie Hüllen gefallen sind.

Hinter den Bauzäunen stehen Menschen, die angeregt diskutieren. Das Parkdeck gleicht der Aussichtsplattform eines Flughafens. Viele haben sich dort mit Kameras postiert, um Bilder zu machen. Für die Familienalben und Geschichtsbücher dieser Stadt. Einer von ihnen ist Hans Schwing, der in der Nachbarschaft zum Rathaus lebt.

„Meine Frau hat die einstigen Besitzer des Beckmann-Hauses noch gekannt“, erzählt er und blickt in Richtung der Ziegelgebäude, die seit gestern ebenfalls Stück für Stück abgetragen werden. Wehmut sei schon ein wenig dabei, wenn das Bild, was sich in einem Kopf über die Jahre hinweg festgesetzt habe, plötzlich verschwinde. Es sei ein gemischtes Gefühl, beschreibt Schwing seine Stimmung angesichts des Wandels, der sich gerade vor seinen Augen abspielt.

Einerseits Wehmut, weil das Alte geht, andererseits aber auch Neugier und Freude auf das, was da kommen wird. So geht es vielen Bürgern, die sich in diesen Tage in Bruchköbels Stadtzentrum einen Eindruck vom Fortgang der Abrissarbeiten machen. Selbst Bauamtsleiter Holger Entzel, einer der Architekten der Neuen Mitte, wirkt nachdenklich beim Blick auf die Ruinen: „Wenn man 30 Jahre lang jeden Tag in dieses Gebäude gegangen ist, dann ist man schon ein wenig traurig, wenn es abgerissen wird“, sagt er. Zwei, drei Tage noch, dann wird vom Rathaus nichts mehr zu sehen sein, schätzt Entzel. 45 Jahre hat es Bestand gehabt.

Klaus-Dieter Ermold, von 1996 bis 2002 Bürgermeister von Bruchköbel und Mitglied des Geschichtsvereins, hat beim Aufräumen jetzt die Einweihungsurkunde gefunden. „Möge dieses Haus dauerhaft ein Ort der Demokratie sein“ steht darauf. Dauerhaft ist eine Frage der Definition. Vielleicht aber ist es so, wie einer der Bürger am Bauzaun sagt: Beim Rückbau sei eigentlich erst richtig deutlich geworden, dass es zum Abriss des Gebäudes keine wirkliche Alternative gegeben habe. So sei halt in den 70er Jahren gebaut worden. Das findet auch Ermold, der meint, dass man den Beschluss der Stadtverordnetenversammlung respektieren müsse.

Gemischte Gefühle beim Anblick der Arbeiten

Aber auch dies wird in den Gesprächen am Rande deutlich: Die meiste Unsicherheit erwächst aus der Unwissenheit: „Es ist noch nicht einmal klar, ob es einen Investor gibt, der das neue Stadthaus baut“, sagt ein Passant. Ein anderer meint: „Das ist ganz schön mutig, alles abzureißen, bevor überhaupt feststeht, wer denn die Neue Mitte baut.“

Aus der Verwaltung hört man, dass die Verhandlungen mit den Investoren, die im Rahmen eines sogenannten Wettbewerblichen Dialogs hinter verschlossenen Türen geführt werden, vorangehen. Voraussichtlich könne man schon bei der nächsten Stadtverordnetenversammlung am 26. Februar Ergebnisse präsentieren, meint Bürgermeister Günter Maibach. Bis dahin wird vom alten Rathausareal nichts mehr übrig sein – bis auf ein paar Berge Bauschutt.

Möglich, dass es dann gleich weitergeht und das benachbarte Parkhaus fallen wird. Das wäre dann ein Moment, der auch Hans Schwing wirklich ans Herz gehen würde. Denn am Bau des Parkdecks war er seinerzeit als Mitarbeiter der Firma Dressler noch selbst beteiligt. Die Bruchköbeler Baufirma gibt es mittlerweile nicht mehr. „So hat eben alles seine Zeit“, sagt Schwing. Das gilt auch für die alte Mitte Bruchköbels.

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