Ein Tausendsassa: Christine Richter ist nicht nur Schauspielerin, Regisseurin, Tänzerin und Choreografin. Jetzt coacht sie auch Mitarbeiter von Unternehmen und verhilft ihnen zu einem besseren Auftritt.
+
Ein Tausendsassa: Christine Richter ist nicht nur Schauspielerin, Regisseurin, Tänzerin und Choreografin. Jetzt coacht sie auch Mitarbeiter von Unternehmen und verhilft ihnen zu einem besseren Auftritt.

Coaching

Keine Angst vor Ehrlichkeit: Christine Richter, Coach und Schauspielerin appelliert für Authentizität

  • vonGabriele Reinartz
    schließen

„Wir schwimmen alle in einem Haifischbecken. Um in der Berufswelt zu überleben, müssen wir unsere Schwächen verleugnen“, sagt Christine Richter frei heraus. Die Bruchköbelerin coacht seit über zehn Jahren Menschen, die im Beruf ihren Mann respektive ihre Frau stehen müssen. Jetzt hat sie für diejenigen Mitarbeiter, die sich schwer damit tun, im Rampenlicht zu stehen, ein Schulungsprogramm entwickelt. Denn mit Rampenlicht kennt sich die 58-Jährige bestens aus, Richter ist auch als Schauspielerin, Regisseurin, Tänzerin und Choreografin in Deutschland unterwegs. „Wer nicht gern vor Publikum redet oder präsentiert, tendiert dazu, seine Persönlichkeit zu verleugnen, und gibt sich nicht so, wie er oder sie eigentlich ist.“

Bruchköbel – Erschwerend käme hinzu, dass unsere Gesellschaft „glatte“ Persönlichkeiten präferiere, denn diese böten keine Angriffsflächen. „Glatt“ bezieht Richter nicht nur auf das Innere eines Menschen, sondern auch – mit Blick auf die Schönheitschirurgie – auf das Äußere. Die Welt sei schlichtweg künstlich geworden. „Dabei brauchen wir in der heutigen Zeit viel mehr Authentizität als früher. Die Menschlichkeit geht verloren, wenn unser authentisches Ich so lange ‘glattgebügelt’ wird, bis nichts mehr davon übrig ist“, ist sie überzeugt. Schwächen zu haben, sei keineswegs ein Makel, zumal man an ihnen arbeiten könne. Richter coacht in erster Linie Mitarbeiter kleiner und mittlerer Unternehmen, auch KMU genannt, scheut sich dennoch nicht vor den ganz großen „Tieren“.

„Man kann ein Profi in seinem Fachgebiet sein, aber wenn es einem nicht gelingt, Kollegen, Vorgesetzte oder auch Kunden von seinem Wissen zu überzeugen, hilft einem das ganze Fachwissen nichts“, betont sie. Der Inhalt mache in einer Kommunikation anteilsmäßig lediglich sieben Prozent aus, etwas mehr als ein Drittel entfielen auf Stimme und Ton und über die Hälfte auf Mimik, Gestik und Körpersprache. Demzufolge müssten Redner nicht nur verbal, sondern vor allem nonverbal überzeugen können. Das passiert, wenn sie authentisch sind und 100-prozentig hinter dem stehen, was sie meinen.

Beim Coaching greift Richter auf ihre Schauspielausbildung zurück

„Beim Coaching suche ich daher vor allem nach den verborgenen Schätzen meiner Kunden. Das heißt, ich schaue mir zunächst die Personen an, wie sie im Gespräch ‘rüberkommen’, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. An und mit diesen Stärken und Schwächen arbeiten wir dann. Mein Ziel ist es, dass sich meine Kunden zum Seminar-Ende hin wohlfühlen, wenn sie vor Fremden reden müssen. Schließlich sollen sie authentisch sein“, beschreibt Richter die Vorgehensweise.

Atmung, Stimm- und Sprechtraining sind daher Bestandteile ihrer Seminare ebenso wie Improvisation, Präsenz oder auch Lockerungsübungen für Körper und Zwerchfell. Richter greift hier auf ihr Repertoire aus der Schauspielausbildung zurück. „Wir studieren die Situation komplett ein. Das fängt mit dem Betreten der Bühne an und hört mit Regieanweisungen, wo eine Pause gemacht werden muss, um den vielleicht emotionalen Moment wirken zu lassen, oder wo ein Lacher unbedingt notwendig ist, auf. Meine Kunden lernen, wie sie mit ihrer Ausstrahlung auch die letzte Sitzreihe in einer Halle erreichen können.“

Richter nutzt Comedy zur Persönlichkeitsarbeit

Ein Kunde in ihrer langjährigen beruflichen Laufbahn sei ihr besonders in Erinnerung geblieben. „Er glaubte damals, keinen Beitrag leisten zu können. Und in seiner Schilderung, warum er das glaube und wieso er nichts zu sagen habe, löste sich plötzlich seine Blockade, die er gerade versuchte zu schildern. Er beschrieb instinktiv sein Problem so offen und ehrlich, dass wir am Ende alle zutiefst berührt waren. Er hatte unsere Erwartungshaltung mehr als erfüllt, weil er sehr authentisch war.“

Eine andere Möglichkeit, am eigenen Ich zu arbeiten, sei der Weg über die Comedy. Richter nennt es „Persönlichkeitsarbeit, die Spaß macht“. „Humor hilft, einen Blick auf sich selbst zu richten, mit den eigenen Schwächen besser umzugehen. Das schafft Vertrauen.“ Wie das funktioniert, erläutert sie in einem Beispiel: „Sie erzählen einen Witz, aber niemand lacht darüber. Sie haben nun zwei Möglichkeiten: Vor Peinlichkeit in den Erdboden zu versinken oder noch einen draufzusetzen, indem Sie zum Beispiel sagen: ‘Beim letzten Mal haben zwei Personen über diesen Witz gelacht’.“ Mit der Einstellung, sich über den eigenen Flop lustig zu machen, gelinge es, die ausgebliebenen Lacher doch noch zu bekommen, fährt Richter fort und empfiehlt daher: „Wer eine Situation erlebt hat, die ihn oder sie noch nachträglich bewegt, sollte diese Situation in Gedanken erneut durchleben und sie bewusst übersteigern. Man wird dann feststellen, dass man in der vermeintlich schrecklichen Situation einen witzigen Moment erkennt. Und empfindet sie dann letztlich nur noch halb so schlimm.“

Das könnte Sie auch interessieren