Gar nicht lustig: Der 31-jährige Bruchköbeler, hier mit seiner Verteidigerin Dr. Iris Passek, hat den illegalen Handel mit gefährlichen Silvesterböllern gestanden.
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Gar nicht lustig: Der 31-jährige Bruchköbeler, hier mit seiner Verteidigerin Dr. Iris Passek, hat den illegalen Handel mit gefährlichen Silvesterböllern gestanden.

31-Jähriger vor Gericht

Nach Tod eines Kunden: Händler von illegalen Böllern verurteilt

  • vonRainer Habermann
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Wie kommt man an fast 200 Kilogramm hochexplosiven Sprengstoff? Ganz einfach: Man sucht in einer Facebook-Gruppe und schaut nach „Peter Lustig“. Wohlgemerkt: nicht im „Darknet“, sondern im freien Internet.

Bruchköbel/Hanau –Natürlich nicht die ganze Menge Kilo auf einmal, aber schön verteilt auf Tausende Polenböller, die im Nachbarland hergestellt werden, aus gutem Grund jedoch in Deutschland verboten sind, weil sie zum Teil extrem hohe Explosionswirkungen haben.

Wie hoch? Das wollte auch ein Kunde bei „Lustig“ wissen. Er bezahlte für eine „Kugel-Bombe“ mit knapp 350 Gramm reinem Schwarzpulver eine Handvoll Euro und gab das hochexplosive Teil an einen Kumpel weiter.

Der „Böller“ explodierte in der Neujahrsnacht 2018 zu früh, ein 22-Jähriger aus dem niedersächsischen Landkreis Cloppenburg erlitt schwerste Gesichtsverletzungen – sechs Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen.

Hanau: Prozess endete ohne Zeugenanhörungen

Dass nun buchstäblich „Schluss mit Lustig“ ist, versteht sich – fast – von selbst. Denn der heute 31-jährige Alexander S. aus Bruchköbel, der unter jenem Pseudonym in der Facebookgruppe 2017 und Anfang 2018 zu Gange war, die brisante Ware anbot und nach Zahlungseingang via „Paypal“ verschickte, hatte am Montag seinen Prozess vor der 2. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht unter der Vorsitzenden Richterin Dr. Katharina Jost. Das ursprünglich auf zwei Tage angesetzte Verfahren endete auch schon gestern, nach einem „Deal“ ohne Zeugenanhörungen.

Dafür aber mit einem vollen und detailreichen Geständnis des Angeklagten, geprägt von Reue. Die Kammer hat den jungen Mann auch recht „fürsorglich“ verurteilt: Ein Jahr und neun Monate Haft erhält er. Und das Ganze auf Bewährung.

Ursprünglich lautete der Vorwurf von Staatsanwältin Lisa Staab noch auf fahrlässige Tötung, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, sowie unerlaubter Besitz von und Handel mit Explosivstoffen in erheblichen Mengen. Darauf steht für gewöhnlich keine Bewährungsstrafe mehr.

Angeklagter aus Bruchköbel sei kein kaltblütiger Sprengstoff-Dealer

Doch die Prozessumstände sind besondere, und auch die Person des Angeklagten ist etwas ungewöhnlich. Kein kaltblütiger Sprengstoff-Dealer, der über Leichen geht, sondern eher ein „armes Würstchen“, wenn man seine Vorgeschichte sieht, die er ebenfalls freimütig und etwas stockend vor Gericht einräumt.

Zumindest ist die Selbstdarstellung Alexander S. eine, die schon fast Mitleid erregt. Hauptschulabschluss spät und gerade so geschafft, viele Drogen wie Marihuana, einige Vorstrafen, auch wegen Waffenbesitz, lange Zeit keinen Job, weil er als Berufskraftfahrer kurz nach der Prüfung den Führerschein verloren hat – wegen Drogen.

Doch er will „zu seiner Verantwortung stehen“, es tue ihm „alles unendlich leid“, er habe jetzt einen festen Job und er gibt sich überzeugt auf der Anklagebank: „Ich bekomme mein Leben auch ohne Gefängnis in den Griff“. Seine beiden Verteidiger, Rechtsanwältin Dr. Iris Passek und Rechtsanwalt Jonas Wohlfarth, unterstützen ihn, rennen aber wohl bei der Kammer offene Türen ein.

Vorwurf gegen den Angeklagten aus Bruchköbel sei juristisch schwierig nachzuweisen

Denn die Vorsitzende hat bereits zu Beginn der Verhandlung in einer rechtlichen Würdigung klargestellt, dass sie den juristischen Nachweis einer fahrlässigen Tötung für „schwierig“ halte.

Denn S. habe zwar den Böller über das Internet „vertickt“, aber nicht direkt an das Opfer, sondern über einen „Zwischenhändler“, der bereits in einem früheren Verfahren zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Und das „Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion“ könne Alexander wohl auch nicht nachgewiesen werden, weil das Opfer aus dem Raum Cloppenburg kommt und dort die „Superbombe“ wohl „unsachgemäß“ und „in eigenverantwortlicher Selbstgefährdung“ gezündet hatte und dadurch starb.

So blieb also „nur noch“ der unerlaubte Besitz von Sprengstoff, wenn man den Explosivstoff aus Tausenden einzelner Böller zusammenrechnet.

Bruchköbel: Gericht sieht keinen gewerbemäßigen Handel

Gewerbsmäßiger Handel scheide laut Gericht auch aus, dafür seien die Umsätze zu gering gewesen. S. hatte das brisante Zeug in einem Wohnhaus in Bruchköbel gelagert und eben „irgendwie den Überblick verloren“.

Der „Deal“, dem vorab alle Prozessbeteiligten zustimmen, lautet: maximal zwei Jahre und mindestens ein Jahr und sechs Monate Haft auf Bewährung, unter Einbeziehung eines etwas älteren Urteils des Hanauer Amtsgerichts, das ebenfalls eine Bewährungsstrafe wegen Drogenbesitzes gefällt hatte.

Mit dem Gedanken, „moralisch einen Menschen auf dem Gewissen zu haben“, müsste sich der so mild Verurteilte aber auch nach eigenem Bekunden „ein Leben lang auseinandersetzen“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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