480 Wohnungen im Bestand: Auch dieses Haus am Karlsbader Platz in Bruchköbel gehört der Baugenossenschaft. Seit 1990 hat die Genossenschaft jedoch nicht mehr selbst gebaut. Foto: Privat

Bruchköbel

Betreutes Wohnen: Baugenossenschaft sieht Klärungsbedarf

Bruchköbel. Der Baugenossenschaft Bruchköbel kommt beim Wohnbauprojekt an der Hauptstraße 113 a in Bruchköbel eine Schlüsselrolle zu. Sie soll das Projekt umsetzen, über dessen Ausrichtung die politischen Parteien in der Stadt streiten.

Von Holger Weber

Während die Regierungskoalition aus CDU und SPD bekanntlich generell bezahlbaren Wohnraum schaffen will, möchten die Oppositionsparteien, Bündnis 90/Die Grünen, BBB und FDP zwar auch bezahlbaren Wohnraum, diesen jedoch priorisiert an Senioren vergeben.

Einen entsprechenden Beschluss hatte die Opposition in der vergangenen Woche im Parlament gegen die nur dezimiert angetretene Regierungskoalition durchgesetzt. Diese Situation hat nun auch die Baugenossenschaft in eine ganz neue Lage versetzt, wie die beiden Vorstände, Jens Schneider und Heinz Habermann, im Gespräch mit unserer Zeitung erläutern. Die ‧Planungen für das Wohnhaus mit elf Wohnungen seien bereits abgeschlossen gewesen. „Wir hätten morgen anfangen können zu bauen“, so Schneider.

Mietpreisdeckelung als Voraussetzung für die Kreiszuschüsse

Die gewünschte Priorisierung auf Seniorenwohnungen mit maximal drei Zimmern stelle die Baugenossenschaft jedoch vor eine Herausforderung. Man sage nicht kategorisch nein, das Interesse an dem Projekt bestehe durchaus weiter fort. Aber: „Für uns gibt es jetzt noch einen sehr ‧großen Klärungsbedarf“, sagt Habermann, ehemaliger Bürgermeister von Ronneburg. Und Schneider macht deutlich, dass für die Baugenossenschaft keinen Handlungszwang bestehe: „Wir sind nicht die Bauabteilung der Stadt und entscheiden nach unserem eigenen Ermessen.“

Schneider hat vor allem Zweifel, dass der geforderte Mietpreis von 7,50 Euro bei einer neuen Änderung der Konzeption eingehalten werden kann. Die Mietpreisdeckelung ist jedoch eine Voraussetzung für die die Zuschüsse des Main-Kinzig-Kreises, die sich auf rund 240 000 Euro belaufen. Die neuen Planungskosten müssten jetzt wieder eingerechnet werden, auch stiegen die Baupreise aufgrund einer erneuten Verzögerung weiter, glaubt Schneider.

Mehrere Fragen noch offen

Für den bezahlbaren Wohnraum habe man mit einer seriellen Bauweise geplant, ein Mix aus zwölf Wohnungen mit verschiedenen Größen. Das Haus sei barrierefrei geplant gewesen, mit Aufzug. Die serielle Bauweise hätte auch eine Fertigstellung noch in diesem Jahr ermöglicht, ergänzt Habermann.

Sehen großen Gesprächsbedarf: Jens Schneider (links) und Heinz Habermann, der Vorstand der Baugenossenschaft Bruchköbel. Foto: Holger Weber

Nun gebe es jedoch eine Reihe von Fragen zu klären, weshalb alle Beteiligten schnell an einen Tisch müssten. Unklar seien beispielsweise noch Fragen im Zusammenhang mit dem Belegungsrecht der Wohnungen. Man wisse bisher nichts über die Kriterien, nach denen die Wohnungen dann vergeben werden sollten. Auch gelte es zu klären, ob die Förderrichtlinie des Landes Hessen zur sozialen Mietwohnraumförderung, auf der auch das Pipa-Modell basiert, ebenso für betreutes Wohnen gelte.

Bedarf an bezahlbaren Wohnungen sei enorm

Auch eine in der Beschlussvorlage vorgebene Vereinbarung mit dem benachbarten AWO-Sozialzentrum sieht Schneider problematisch. Nicht zuletzt habe man bisher keine konkreten Informationen über die Marktgängigkeit, sprich den Bedarf von Betreutem Wohnen in der Stadt.

In Sachen bezahlbarer Wohnraum liegen diese Informationen indes vor, sagt Schneider. Der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen in der Stadt sei nach wie vor enorm hoch, obwohl die Baugenossenschaft selbst rund 480 Wohnungen bewirtschafte, deren Mietpreis unterhalb der 7,50 Euro liegt, die im sogenannten Pipa-Modell vorgegeben sind. So liege der Mietpreis bei den frei finanzierten Wohnungen derzeit bei 7,01 Euro und bei den öffentlich geförderten Wohnungen bei 4,78 Euro Euro. Zum Vergleich: Bei privaten Wohnungen befindet sich der Durchschnittspreis nach Berechnungen Schneiders in Bruchköbel derzeit bei 10,42 Euro.

„Aber zumindest hätten wir einen Anfang gemacht“

Die Nachfrage nach den 480 Wohnungen der Baugenossenschaft sei in Bruchköbel auch dementsprechend hoch. Seit 2017 hätten sich in der Stadt 443 Personen offiziell um eine Mietwohnung bei der Baugenossenschaft beworben. Aber nur 99 von ihnen konnten durch Mieterwechsel Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. „Die Zahl der losen telefonischen Anfragen haben wir dabei gar nicht berücksichtigt“, so Schneider. Zwölf neue Wohnungen wären keine Lösung für das Wohnraumproblem gewesen, so Schneider. „Aber zumindest hätten wir einen Anfang gemacht“, ergänzt Habermann.

Baugenossenschaft BruchköbelDie Baugenossenschaft wurde im Jahr 1953 gegründet und baute in ihren Anfangsjahren nicht nur für den eigenen Bestand, sondern auch für Dritte. So kam es, dass die Genossenschaft bereits 1970 ihr 1000. Eigenheim fertiggestellt hatte. „Damals halfen die Mitglieder noch mit“, berichtet Jens Schneider. Insgesamt hat die Baugenossenschaft im Bruchköbeler Stadtgebiet 1843 Wohnungen errichtet. 480 davon sind noch in ihrem Bestand, 263 davon wurden öffentlich gefördert. Zuletzt hat die Baugenossenschaft 1990 selbst gebaut. Das Projekt an der an der Hauptstraße soll der Wiederbeginn der bautätigkeit sein. Außerdem laufen nach Angaben von Schneider noch Bauanfragen für zwei weitere Projekte, die auf bereits der Baugenossenschaft gehörendem Grund entstehen sollen. „Dabei handelt es sich um eine Nachverdichtung“, so der Vorstand. how

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