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So wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Schüler aus

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Von: Patricia Reich

Ein Kind im Distanzunterricht. Vor dem Kind steht ein iPad und ein Heft.
Auswirkungen durch Corona auf Schüler im Main-Kinzig-Kreis: Lockdown, Distanzunterricht und fehlende Sozialkontakte haben auch bei Grundschülern Spuren hinterlassen (Symbolfoto). © Guido Kirchner

Lockdown und Distanzunterricht: Das alles hat sich durch Corona auf die Schüler der Haingartenschule Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis ausgewirkt.

Bruchköbel – Mehr als zwei Jahre beherrscht die Pandemie die Gesellschaft. Zur Eindämmung waren tiefgreifende Maßnahmen nötig, die auch die Kinder mittragen mussten. Matthias Doebel, Schulleiter der Haingartenschule, hat im Gespräch mit unserer Zeitung ein Zwischenfazit gezogen und erläutert, welche Auswirkungen durch Maßnahmen wie Homeschooling und Maskenpflicht auf die schulischen Leistungen, aber auch auf das Sozialverhalten der Schüler an der Bruchköbeler Grundschule von der Lehrerschaft festgestellt wurden.

„Die Defizite, die in den Medien kreisen, kann ich in der Fülle, wie sie beschrieben werden, nicht an unserer Schule beobachten“, leitet der Rektor zum Thema schulische Leistungen ein. Hierbei bezieht er sich auf die kürzlich erschienene Meldung, dass rund 7100 hessische Schüler im Schuljahr 2020/2021 freiwillig eine Klasse wiederholt haben. Laut Kultusminister Alexander Lorz (CDU) seien hierbei die Grundschulen am meisten betroffen gewesen.

„Wenn man den Indikator ‘freiwillige Wiederholungen’ zur Messung der Auswirkungen heranzieht, dann kann ich diesen für die Haingartenschule soweit nicht bestätigen. Allerdings werden wir das Ende dieses Schuljahres beobachten müssen, da es Einschränkungen gegeben hat und wir diese auch spüren werden.“

Matthias Doebel, Schulleiter der Haingartenschule Bruchköbel
Matthias Doebel, Schulleiter der Haingartenschule Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis, erklärt, welche Auswirkungen Corona auf die Schüler hat. © Privat

Corona im Main-Kinzig-Kreis: Lesekompetenzen der Schüler haben gelitten

In Zeiten des Distanzunterrichtes habe die Schule mit den ausgeteilten Wochenplänen und dem Unterrichten per Videoschalte sehr viel auffangen können. Dass es zu gravierenden Rückständen gekommen sei, könne er nicht bestätigen. „Es gibt Schüler, die sich während der Krise verbessert haben, da sie zu Hause in Ruhe und ungestört arbeiten konnten. Aber es gibt auch eine Anzahl von Schülern, die benachteiligt sind und vielleicht nicht die Unterstützung von Eltern erfahren haben, um den Lernstoff zu erarbeiten.“

Vor allem solche Schüler, die sich bereits im Unterricht dem Lernen entzogen, hätten es in der Pandemie schwieriger gehabt. „Da wurden Wochenpläne teils gar nicht oder nur teilweise bearbeitet.“ Die Defizite seien im Großen und Ganzen bisher aber nicht so eklatant, dass das Lernziel nicht erreicht werden würde.

Das sei vor allem auch auf die Arbeit der Klassenlehrkräfte in Jahrgangsteams zurückzuführen. „Das ist das Herzstück unserer Schule. Die Teams sprechen sich ab und schauen, was noch nachgeholt oder vertieft werden muss. So gerät keine Klasse in Nachteil und dadurch ist es uns im hohen Maße gelungen, inhaltliche Defizite aufzufangen.“

Corona wirkt sich auf die Schüler im Main-Kinzig-Kreis aus: Verbesserung der Medienkompetenz

Auffällig, so die Rückmeldung aus dem Kollegium, seien hingegen die Lesekompetenzen. Die hätten während der Pandemie deutlich gelitten. „Daran muss noch gearbeitet werden.“

Die Schüler hätten aber auch vor allem im letzten Jahr, das deutlich einschränkender war, Kompetenzen erworben, die positiv hervorzuheben seien, so Doebel.

„Vor allem die Selbstorganisation und die Konzentration hat sich bei einigen deutlich verbessert. Außerdem haben die Kinder im Bereich Digitalität Kompetenzen erworben, die sie ohne die Pandemie so nicht gehabt hätten.“

Coronapandemie im Main-Kinzig-Kreis: 50 von 390 Schülern waren für Ferienakademie vorgesehen

Auch wenn der Großteil der Haingartenschüler sehr gut durch die Krise gekommen sei und aktuell noch komme, gebe es auch Kinder, auf die das nicht so zutreffe. Betroffen seien vor allem die, die bereits vorher besondere Aufmerksamkeit von den Lehrkräften bedurften. Wie viele das an der Grundschule mit 390 Schülern sind, darüber gibt die Anzahl der Familien Aufschluss, die von der Schule zu der „Ferienakademie“ im vergangenen Sommer eingeladen wurden, um in Kleingruppen Lerninhalte zu vertiefen. „Wir haben 50 Familien angeschrieben, davon haben 25 das Angebot wahrgenommen“, konkretisiert Doebel. Und das teils mit Erfolg, wie die Klassenlehrer der Schüler bestätigten. „Einige wenige haben sich um eine Notenstufe verbessert.“

Ein weiteres Angebot, das gezielt aufgrund der Pandemie eingeführt wurde, sind die wöchentlich stattfindenden Differenzierungsstunden für die zweite und dritte Klasse mit einer Förderung in Kleingruppen.

Im Gegensatz zu den stabilen Lernleistungen steht der soziale und emotionale Bereich der Schüler. „Ein ehemaliger Schulleiter, der direkt in der Nähe wohnt, sagte, es sei sehr still geworden. Früher habe er keinen Wecker stellen müssen, denn die Lautstärke der Kinder hätte ihm die Tageszeit offenbart.“ Die Feststellung, es sei still geworden, sei ein guter Indikator. „Maske tragen, die Vereinzelung auf dem Schulhof, das hat alles dazu geführt.“ Erst jetzt mit dem Wegfall der Masken in den Pausen, sei nun eine relative Normalität zurückgekehrt.

Schüler im Main-Kinzig-Kreis: Zunahme von Streitereien und Handgreiflichkeiten während Corona

„Manche Kinder sind sehr dünnhäutig geworden. Daran sieht man, wie belastet sie waren und sind.“ Das macht sich im Schulalltag bemerkbar: „Streitereien und Handgreiflichkeiten haben sich hinsichtlich der Anzahl und der Schwere deutlich verschärft.“ Daher hat die Schule auf dem Pausenhof der ersten und zweiten Klasse einen abgetrennten Bereich eingerichtet, in dem Fachkräfte jede Pause zur Verfügung stehen und im Konfliktfall auffällige Kinder dort versammeln, in Kleingruppen betreuen und die Konflikte besprechen. Bis zu 20 Kinder können auf diesen Hof.

Für betroffene Kinder hat die Schule einen eigenen AG-Bereich ins Leben gerufen, finanziert durch das Corona-Kompensationsprogramm „Löwenstark“. Neben den individuellen Auffälligkeiten haben zudem die Klassengemeinschaften unter der Pandemie gelitten. „In vielen Klassen wurde bereits der Klassenrat implementiert, um ein Bewusstsein für die Probleme in der Klassengemeinschaft zu schaffen“, sagt Doebel.

An der Haingartenschule gebe es drei bis vier Klassen, in denen die Auswirkungen der Pandemie im sozial-emotionalen Bereich besonders spürbar seien. „Da sind es dann nicht ein bis zwei Kinder, die auffällig sind, sondern sieben bis acht.“ Mit diesen Klassen wird das Konzept der Giraffen- und Wolfssprache erarbeitet. Ziel ist eine gewaltfreie Kommunikation.

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Schüler im Main-Kinzig-Kreis

In den betroffenen Klassen kommt auch das Programm „Safe Place“ des Hessischen Kultusministeriums zu tragen, in dem zusammen mit Schulpsychologen unter anderem die Stressbewältigung gefördert wird. Sollte dennoch die erwünschte Wirkung ausbleiben, könnten mit einer Klassenklimaabfrage, die vom Hessischen Referenzrahmen Schulqualität entwickelt wurde, gezielt Problemstellen erkannt und diese verbessert werden. „Vor allem für die Kinder, die eine besondere Aufmerksamkeit benötigen, ist das eine lange und stressvolle Zeit gewesen. Das versuchen wir dadurch aufzufangen.“

Der Schule zur Seite stehen dabei eine Sozialpädagogin, zwei Kräfte von den Beratungs- und Förderzentren und sechs Etep-Kräfte, die gezielt die Kinder mit sozial-emotionalen Rückständen im Klassenverband fördern. Von zentraler Bedeutung bei dem Abfangen der Corona-Auswirkungen sei die Vernetzung mit verschiedenen Stellen und anderen Grundschulen, betont Doebel, bevor er auf den letzten Punkt eingeht – die Maskenpflicht.

Für den Rektor sei sie eine der wirksamsten Schutzmaßnahmen neben dem Lüften, Abstand und der Handhygiene. Doch das habe einen hohen Preis gefordert. „Vor allem in den ersten beiden Jahrgangsstufen hat das Lautieren sowie das Ablesen von Mimiken und die generelle Aussprache der Kinder, die sehr undeutlich geworden ist, darunter gelitten.“ Für den Rektor stand die Aufrechterhaltung der Präsenz an erster Stelle, daher sei er in Sachen Maskenpflicht auch auf Nummer sicher gegangen. „Ich wollte, dass keine Klasse geschlossen werden muss, und damit sind wir in den letzten zweieinhalb Jahren auch recht gut gefahren.“ (Patricia Reich)

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