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Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Die 99-jährige Else Goy hört auch in Bruchköbel-Roßdorf die Bomben auf Hanau fallen

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Auch 75 Jahre später lebt Else Goy auf dem Hof in der Schulzenstraße in Roßdorf, auf dem sie schon während des Zweiten Weltkrieges zuhause war. Von dort hörte sie am 19. März 1945 die Bomben auf Hanau fallen. 

Heute wohnt sie in einer kleinen Kammer im Erdgeschoss eines Fachwerkhauses. Ein Bett, davor ein Tisch, an dem die betagte Seniorin sitzt und sich gerade Kekse schmecken lässt. In einem alten Vitrinenschrank viele Fotos in Schwarz-Weiß und in Farbe. Ein Raum voller Erinnerungen. Im September wird Else Goy 100 Jahre alt, sie ist zwar nicht mehr mobil, aber noch hellwach. 

Beim Luftangriff der Alliierten auf Hanau am 19. März 1945 war sie trotz ihrer 24 Jahre schon Mutter von zwei Buben. „Wir sind damals immer nur halb und halb ins Bett gegangen“, beginnt sie ihre Erzählung. Das heißt, die Menschen haben sich nie ganz ausgezogen, um bei einem nächtlichen Luftangriff schnell auf den Beinen sein zu können. „Ich bin auf einmal in der Nacht wach geworden.“ Ein „anhaltendes Gebrumme“ draußen hat sie geweckt. „Es hat so rumort am Himmel. Das sind bestimmt Flieger“, sagt sie sich, springt auf, schnappt sich ihre zwei Kinder und rennt über den Hof zum selbstgebauten Eingang des Luftschutzkellers.

 Ein befreundeter Schreiner hat den Hauskeller zum Schutzkeller ausgebaut, Stützen eingesetzt und einen Notausgang gezimmert. Schnell ist der Keller voller Menschen, erinnert sich Else Goy weiter. Ein Bett steht in dem provisorischen Schutzraum, da kommen alle Kinder rein. Eine Nachzüglerin aus der Nachbarschaft, die mit ihren Kindern noch in den Keller will, muss Else Goy abweisen. „Der Keller war voll, das hat die Nachbarin mir noch lange nachgetragen“, weiß sie noch heute. 

Am Morgen kamen bereits die ersten Flüchtlinge in Roßdorf an

Aber damals hat sie keine Zeit, viel an die Nachbarin zu denken. „Auf einmal höre ich wie die Bomben fallen. Tak-tak-tak-tak“, und bei diesen Worten schlägt sie mit ihren Handkanten rhythmisch auf den Tisch. Ihr Schwiegervater, der sich immer weigerte, bei Fliegeralarm in den Luftschutzkeller zu gehen, sondern stattdessen lieber auf der Roßdorfer Anhöhe steht und die Weite um sich hat, kehrt irgendwann zurück und sagt: „Ganz Hanau brennt, da ist alles rot.“ 

Als es am nächsten Morgen hell wird, kommen schon die ersten Flüchtlinge in Roßdorf an, ihre geretteten Habseligkeiten auf Handwagen hinter sich herziehend. „Die waren alle rußverschmiert und haben geweint, was haben die geweint.“ 

Viele Menschen kommen, suchen Zuflucht, ein Dach über den Kopf. „Wir haben viele Leute hier bei uns untergebracht“, erzählt Heinrich Goy, Elses Sohn. Er war damals sieben Jahre alt. Auf einem Stuhl hinter seiner Mutter sitzend lauscht er dem Gespräch seiner Mutter mit der Reporterin. „Ich kann mich kaum an etwas erinnern“, bedauert er. Außer: „Ich kann mich nur noch an die Flieger erinnern und dass ich es faszinierend fand, wie die einer nach dem anderen den ganzen Himmel bedeckten.“ 

Drei zusätzliche Familien werden bei den Goys untergebracht

Die vielen Flüchtlinge füllen in den Tagen nach dem 19. März nicht nur das Haus in der Schulzenstraße. Eine Familie lebt mit fünf Personen in einer winzigen Kammer, erinnert sich Else Goy. Einen Tag nach der Bombardierung spannt ihr Schwiegervater sein Pferdefuhrwerk an. „Er war nach Hanau beordert worden, zum Schutt fahren.“ Unter den Trümmern der zerstörten Stadt liegen die Toten. „Er hat auch Tote ausgebuddelt, sogar Schulkinder mussten mithelfen, die Toten mit Planen zu bedecken.“ 

Else Goy stockt, kurz verliert sich ihr Blick in der Vergangenheit. „Es waren Haufen von Toten.“ Im landwirtschaftlich geprägten Roßdorf vor den Toren Hanaus prüft eine Kommission, wo noch Flüchtlinge untergebracht werden können und inspiziert dafür die Wohnungen. Bei den Goys werden drei zusätzliche Familien untergebracht. „Wir hatten damals 18 Hektar Land, die haben wir ohne Maschinen bewirtschaftet“, erzählt Heinrich Goy. Auf dem Hof leidet zum Glück trotz Krieg keiner Hunger. „Wir hatten Hühner, Enten, Puten, Kühe und Schweine, Gemüse und Kartoffeln“, sagt Else Goy. „Wir konnten zufrieden sein und konnten noch etwas abgeben.“ 

Irgendwann marschieren die Amerikaner ein. Vom damaligen Wohnzimmer aus sieht der Schwiegervater die Amerikaner über die Hauptstraße durch den Ort fahren. Die Kinder wie Heinrich Goy stehen direkt am Straßenrand und bestaunen die Amis. „Die haben uns Naschsachen und Schokolade aus den Wagen zugeworfen“, erinnert er sich. Und zum ersten Mal in seinem Leben sieht er bei den amerikanischen Soldaten einen Menschen mit einer dunklen Hautfarbe. 

Else Goys Mann desertierte und lief nach Hause

Die Amerikaner quartieren sich in Roßdorf ein, besetzen die Häuser auf der einen Seite der Hauptstraße. Deren Bewohner müssen weichen und kommen bei Nachbarn unter. Auch die Goys müssen wieder Platz für neue Mitbewohner machen. 

Elses Mann, Heinrich Senior, musste als Soldat in den Krieg. Von Norwegen aus soll er am Russland-Feldzug teilnehmen. Aber er hat Glück, er fällt vom Pferd und wird dabei so schwer verletzt, dass er zuerst nach Oslo in ein Lazarett und dann in die Heimat in eine Klinik kommt. Als er wieder in eine Kompanie gesteckt wird und an die Westfront soll, desertiert er mit einigen Kameraden. Zu Fuß laufen sie nach Hause. 

„Eines Tages stand er vor der Tür“, erzählt Else Goy, „mit vier oder fünf weiteren Männern.“ Weil die Amerikaner nach deutschen Soldaten suchen, muss er sich noch lange verstecken. Irgendwann ist endlich Frieden. Bis heute – 75 Jahre später. Die alten Gewölbekeller, die im Krieg Schutz geboten haben, gibt es noch immer auf dem Hof der Goys. Stumme Zeugen einer Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf.

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