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„Denkmal des Idiotismus!“ Ukraine-Geheimdienstchef nennt Putins Befehlshaber „Schönwetter-Generäle“

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Von: Marcus Giebel

Ein gestrandeter Panzer steht an einem Pfosten
Endstation Straßenbegrenzung: Ein russischer Panzer ist mitten in der Ukraine gestrandet. © Ukrinform/dpa

Der Ukraine-Krieg läuft aus Wladimir Putins Sicht nicht nach Plan. Für den ukrainischen Geheimdienstchef ist das keine Überraschung. Er zieht vielmehr Russlands Führungskräfte auf.

München - Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem Krieg der Gegenseite vor allem Verachtung entgegengebracht wird. Im Ukraine-Krieg ist das nicht anders. Wobei Kyrylo Budanow sogar noch weitergeht. Der ukrainische Geheimdienstchef hat durchaus auch eine Portion Spott übrig für die Führungskräfte Russlands.

„Was mich wundert, ist (...): wie inkompetent und fahrlässig die russischen Befehlshaber an die Durchführung einer so großen Operation herangegangen sind“, betont der Generalmajor im Spiegel-Interview: „Wenn sie wirklich glaubten, dass sie in drei Tagen damit fertig sind - und nach unseren Erkenntnissen waren sie felsenfest davon überzeugt - dann muss die russische Führung sich fragen, wie kompetent ihre Generäle sind. Die haben den Wunsch für die Wirklichkeit gehalten.“

Ukraine-Krieg: Geheimdienstchef verweist auf „Vetternwirtschaft in der russischen Armee“

Seine Folgerung: Die Generäle in Wladimir Putins* Armee verfügen über ein „extrem niedrige(s) professionelle(s) Niveau“. Die Erklärung dafür hat Budanow auch parat: „Ein Grund dafür ist die Vetternwirtschaft in der russische Armee, das sind Schönwetter-Generäle, Verwandte irgendwelcher Beamten, die ihren Aufgaben nicht gewachsen und nicht auf sie vorbereitet sind.“

Als Paradebeispiel führt er den kleinen Ort Tschernobajewka nahe der südukrainischen Hafenstadt Cherson an. Auf einem dortigen Flugplatz hätten die Invasoren immer wieder wertvolles militärisches Gerät gelagert - das Mal um Mal von den Ukrainern zerstört wurde: „15 Mal! Und einige Generäle hat es dort auch erwischt.“ Für Budanow nicht weniger als ein „Denkmal des Idiotismus“.

Russland greift Ukraine an: „Schlächter von Syrien“ wird „so oder so verlieren“

Deutlich mehr Respekt als die meisten Befehlshaber flößt ihm offenbar Alexander Dwornikow ein. Der „Schlächter von Syrien“* führt mittlerweile die Offensive im Donbass an. „Er geht eher nach Lehrbuch vor, besonnener, professioneller als sein Vorgänger. Das muss man ihm zugestehen“, gesteht Budanow, nicht ohne hinzuzufügen: „Aber verlieren wird er so oder so.“

Um den Angriff zurückzuschlagen, brauche es aber Unterstützung aus dem Westen - nicht zuletzt aus Berlin: „Wir brauchen Artilleriesysteme - darin ist die deutsche Armee besonders stark. Und leider brauchen wir Panzer, weil wir sehr große Verluste an gepanzerten Fahrzeugen hatten. Der Rest ist Standardgerät - Flugabwehrsysteme, Radioelektronische Aufklärung. Wir brauchen schwere Waffen, um die besetzten Gebiete zu befreien.“

Video: Kriegstraumata bis ins hohe Alter - was hilft den Menschen in der Ukraine?

Kampf um Mariupol: „Denkmal des Heldentums unseres Volkes und unserer Soldaten“

Auch Mariupol hat er noch lange nicht verloren gegeben. Die seit Wochen schwer unter Beschuss stehende Stadt am Asowschen Meer sei „ein Denkmal des Heldentums unseres Volkes und unserer Soldaten, ein Beispiel zur Nachahmung. (...) Mariupol hält und wird sich halten. Und irgendwann werden wir die Blockade durchbrechen können.“

Ihr eigentlich vorrangiges Ziel könnten Putin und seine Getreuen ohnehin vergessen: „Sie wollten erstens hier in Kiew* eine von den Russen kontrollierte Regierung installieren und zweitens die Ukraine für immer in die russische Sphäre zurückholen. Das ist nicht geschehen und kann nicht geschehen, schon gar nicht nach den Gräueltaten und Kriegsverbrechen*, deren Zeuge die ganze Welt geworden ist.“

Als Hauptverantwortliche für die Angriffe auf Zivilisten sieht Budanow „Einheiten der 64. Motorschützen-Brigade“. Diese würden vor allem aus Kämpfern „aus nichtrussischen Nationalitäten“ bestehen. Deren Befehlshaber seien jedoch „ethnische Russen, und die haben auch an Verbrechen teilgenommen. Sogar ein stellvertretender Kommandeur der Brigade hat mitgemacht.“

Wladimir Putin sitzt am Schreibtisch und notiert sich etwas
Mit großen Zielen in den Krieg gezogen: Russlands Präsident Wladimir Putin kann noch keine Erfolgsmeldungen notieren. © MIKHAIL KLIMENTYEV/afp

Krieg um die Ukraine: „Russland muss sich an Angriffe auf eigenes Territorium gewöhnen“

Zum Vorwurf aus Moskau, die Ukrainer würden Attacken auf russisches Staatsgebiet fahren, äußert Budanow sich verständlicherweise nicht. Bis auf diesen Hinweis: „Ich verstehe, dass es ihnen schwerfällt, einzugestehen, dass zum ersten Mal seit 1943 wieder Angriffe auf russisches Territorium stattfinden. Aber daran müssen sie sich gewöhnen.“

Deutlich mehr in Mitleidenschaft gerät jedoch die Ukraine* selbst, immerhin der größte komplett in Europa beheimatete Staat. Den Putin augenscheinlich von der Landkarte tilgen will. Budanow aber stellt klar: „Die Ukraine existierte vor diesem Angriff, es gibt sie jetzt, es wird sie künftig geben. Dagegen kann Putin nichts unternehmen.“ Womöglich schwant das auch dem Kreml-Chef mehr und mehr. (mg) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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